«Time-Out»

29. Januar 2012 10:05; Akt: 29.01.2012 11:45 Print

Warum Berra die Meisterschaft verfälschtWarum Berra die Meisterschaft verfälscht

von Klaus Zaugg - Halten «Beton-Kevins» Hockey-Desperados durch? Das ist die grosse Frage vor der Schlussphase der Qualifikation. Servette bleibt Favorit Nummer 1 im Kampf um den 8. und letzten Playoffplatz.

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Reto Berra ist zurzeit mit grossem Abstand der beste Goalie der Liga. (Bild: Keystone)

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Biel gewinnt sein bestes Saisonspiel gegen Servette 1:0 und hat nun in den sechs Direktbegegnungen gegen die Genfer 16:2 Punkte geholt. Der Vorsprung auf den 9. Platz und Servette beträgt sechs Runden vor Schluss drei Punkte. Alles klar? Biel erstmals seit dem Wiederaufstieg von 2008 in den Playoffs? Nein, noch gar nichts ist klar.

Servette-General Chris McSorley brachte es nach dem 0:1 in Biel gegenüber 20 Minuten Online auf den Punkt: «Wir haben in sechs Spielen kein Mittel gefunden, um Reto Berra zu knacken. Inzwischen haben meine Spieler einen Berra-Komplex entwickelt.»

Bester Goalie der Liga

Alle Analysen beginnen und enden also bei Biels Torhüter Reto Berra. Der coole Blocker ist zurzeit mit grossem Abstand der beste Goalie der Liga und hinter Jonas Hiller die Nummer zwei der Schweizer Torhüter-Hierarchie. Ein Schlussmann, der alleine ein Spiel gewinnen kann. Kein anderer Goalie hat in dieser Saison je eine so gute Partie gespielt wie Berra beim 1:0 gegen Servette in einer taktisch hochstehenden, enorm intensiven und dramatischen Auseinandersetzung. Mit jedem anderen Torhüter hätten die Bieler verloren: 1:2 oder 1:3 oder 1:4 oder 1:5.

Mit stoischer Ruhe hat Reto Berra jeden Puck abgewehrt. Er dominierte den Raum um sein Gehäuse herum als sei er zehn Zentimeter grösser und breiter und immer wieder verblüffte der sanfte Riese (194 cm/89 kg) durch seine Beweglichkeit. Seine grösste Tat: Er stoppte bei nummerischer Überlegenheit seines Teams den alleine durchgebrochenen Tony Salmelainen (38.). Reto Berra ermöglicht es den Bielern, weit über ihren tatsächlichen Möglichkeiten zu spielen. Er verfälscht im guten Sinne des Wortes die Meisterschaft. Mit einem gewöhnlichen Goalie stünde Biel jetzt auf Platz zehn oder elf. Alles andere als die Auszeichnung von Reto Berra zum MVP (wertvollsten Spieler) der Saison 2011/12 wäre ein Skandal.

System dem Können der Spieler angepasst

Trainer Kevin Schläpfer und sein Assistent Dino Stecher haben das ganze Spielsystem auf ihren Goalie ausgerichtet: Nur mit einem aussergewöhnlichen Keeper kann es sich eine Mannschaft leisten, so extrem defensiv zu spielen wie Biel: Die zwei Forechecker trachten danach, die gegnerischen Angreifer auf die Aussenbahnen abzudrängen und dort erledigen die Verteidiger den Rest oder die Angreifer können nur noch von der Seite her zum Abschluss kommen. Ab der eigenen blauen Linie haben die Bieler meistens einen Mann mehr rund um die Scheibe.

Aber eben: Nur wenn der Goalie dicht hält, geht diese Beton-Rechnung so wunderbar auf wie an diesem Wochenende: 3:1 bei den Lakers und jetzt 1:0 gegen Servette. So defensiv wie Biel haben in der NLA im 21. Jahrhundert nur zwei Team gemauert: Lugano und die Lakers unter dem defensiven Finsterling John Slettvoll.

Kevin Schläpfer hat das System dem Können seiner Spieler angepasst «Anders geht es gar nicht. Wir haben im Laufe der letzten Saison dieses System entwickelt. Anfänglich wollten die Spieler nicht glauben, dass das funktionieren kann.» Zahlen zeigen, wie solide Biels Defensive steht: 108 Gegentreffer. Nur Kloten (101), Davos (102), Fribourg und Bern (je 107) haben noch weniger Tore zugelassen. Dafür haben lediglich die seit Monaten ausser Konkurrenz kurvenden Lakers (89) und Ambri (92) weniger Tore produziert als die Bieler (101).

Schläpfers Gespür für Desperados

Dass Verteidiger Clarence Kparghai gegen Servette das «goldene» Tor erzielte und Marco Truttmann und Gianni Ehrensperger die Vorarbeit dazu geleistet haben, erklärt uns das Innenleben der Überraschungsmannschaft der Saison. Kevin Schläpfer hat als Trainer und Sportchef ein gutes Gespür für Desperados. Für Hockey-Verdingbuben, die man anderorts nicht mehr wollte und die oft eine Tour de Suisse hinter sich haben: Kparghai, einst Elite-Junioren-Meister mit den SCB, hat in Langenthal, Davos, Chur, Thurgau und Olten gespielt, ehe er in Biel eine Heimat gefunden hat. Gianni Ehrensperger ist ein weiteres vergessenes Talent der Kloten Flyers und Marco Truttmann ein reuemütiger Rückkehrer: Er hatte vor zwei Jahren bei den Lakers unterschrieben - weil die ihm 20'000 Franken mehr Lohn offerierten. Auf diese Saison ist er aus dem laufenden Vertrag heraus zu Biel zurückgekehrt.

Reto Berra (dem die ZSC Lions Lukas Flüeler vorgezogen haben) Kparghai, Ehrensperger, Truttmann, aber auch Kevin Gloor, Philipp Wetzel, Marc Grieder oder Joel Fröhlicher: Alles «Desperados», die ihre Chance in der NLA Kevin Schläpfer verdanken und die mit einer Leidenschaft und Opferbereitschaft bei der Sache sind, die zur Zeit in der Liga ohne Beispiel ist.

Und trotzdem ist noch keineswegs sicher, dass die Bieler die Playoffs erreichen werden: Servette hat zwar ein kapitales Spiel verloren. Aber die Mannschaft ist nach wie vor intakt, taktisch gut geschult, sehr gut gecoacht und spielerisch eigentlich besser. Servette ist an Reto Berra zerbrochen. Doch in den restlichen sechs Partien werden die Genfer nie mehr gegen einen so starken Torhüter antreten müssen und sie sind endlich den Berra-Komplex los. Sie treten nun befreit, mit spielerischen Reserven und gut gefüllten Energietanks zum Endspurt an. Sie bleiben Favorit Nummer 1 für den 8. und letzten Playoffplatz.

Stillstand auf der Zielgeraden?

Die Bieler haben hingegen alle Reserven ausgeschöpft. Sie spielen seit Monaten weit über ihrem spielerischen Bruttosozialprodukt und mit extremer Abhängigkeit von Reto Berra. Die Spieler kompensieren seit Monaten mit Mut, Leidenschaft und Opferbereitschaft fehlendes Talent. Reicht der Sprit bis zum Ende der Qualifikation? Oder bleiben die Bieler mit leeren Tanks auf der Zielgerade stehen?

Trainer und Sportchef Kevin Schläpfer steht vor seiner grössten Herausforderung und zudem hat er an diesem Wochenende auch neben dem Eis viel Stress: Heute Sonntag muss er im Sportpanorama des Fernsehens auftreten und zugleich bis zum Transferschluss vom nächsten Dienstag einen ausländischen Stürmer suchen: Der Kanadier Sébastien Bordeleau musste nach einem Zusammenstoss mit Jonathan Mercier (kein Foul) im ersten Drittel zur Kontrolle ins Spital überführt werden. Wahrscheinlich hat er eine Gehirnerschütterung erlitten. Die Bieler spielten die Partie mit drei Ausländern zu Ende – aber für die restlichen sechs Spiele gegen Kloten (h), Bern (a), Fribourg (a), Ambri (a), Langnau (h) und Davos (h) brauchen sie vier gesunde Ausländer.

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  • Highlander am 30.01.2012 22:03 Report Diesen Beitrag melden

    Berra ist der beste

    Biel macht alles genau Richtig sie Spielen nach ihren Möglichkeiten. Was ich auch super finde das sie sich Berra angepasst haben und nicht das Reto ändern musste. Wen das aufgeht. Finde ich es super und Biel hat es verdient. Das eine Mannschaft wie Servette da unten ist mit mehr Geld und dem besserem Kader spricht für sich. Also Bieler macht weiter so.

  • P. Walzer am 30.01.2012 12:29 Report Diesen Beitrag melden

    Zur Zeit unbestritten

    ... er beinflusst sie, er verfälscht sie nicht. Ein guter Goalie ist im Hockey entscheidend (deken Sie an R. Tosio, R. Pavoni, Patrick Roy (NHL)) und Berra ist eben zur Zeit der wohl beste und kompletteste Torwart: Gutes Stellungsspiel, reflexschnell, gute Beinarbeit und einen guten Instinkt und damit das nötige Glück auf seiner Seite.

  • Giovanni am 29.01.2012 23:21 Report Diesen Beitrag melden

    Widerspruch

    Was ich nicht ganz begreife, warum sollte man ein defensives Konzept einüben, wenn man den besten Torhüter hat? Das ist doch ein Widerspruch, oder?