«Time-Out»

22. Februar 2012 15:34; Akt: 23.02.2012 09:25 Print

Warum die Islanders nichts taugenWarum die Islanders nichts taugen

von Klaus Zaugg - Den New York Islanders droht zum sechsten Mal in den letzten sieben Jahren ein Frühjahr ohne Playoffs. Mit einem Team, das in der oberen Hälfte der Liga spielen müsste.

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Mark Streit und den Islanders läuft es zurzeit nicht nach Wunsch. (Bild: freshfocus)

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Kultreporter Al Strachan hat ein Buch geschrieben, das ihn den Job bei «Hockey Night in Canada» gekostet hat: «Why the Leafs suck». Die Toronto Maple Leafs sind eines der reichsten und mächtigsten Hockeyunternehmen der Welt. Der Wert wird auf rund 500 Millionen Franken geschätzt. Aber seit 1967 haben sie keinen Stanley Cup mehr geholt. Und zuletzt sechsmal hintereinander die Playoffs verpasst.

Gnadenlos zerpflückt Al Strachan in seinem Meisterwerk (326 Seiten) das Innenleben der Leafs und legt eine beispiellose sportliche Misswirtschaft bloss. Politisch ist das ungefähr so, wie wenn ein Kardinal ein Enthüllungsbuch über den Vatikan schreiben würde. Deshalb ist Strachan seinen Job in Kanadas populärster Hockey-TV-Sendung los.

Hätte er das gleiche Buch über die New York Islanders geschrieben, dann wäre nichts passiert. Erstens hätte kaum jemand das Werk gekauft, und zweitens sind die Islanders nicht mehr dazu in der Lage, Hockeypolitik zu machen oder gar dafür zu sorgen, dass in Kanada ein Lästermaul gefeuert wird.

Notorische Erfolglosigkeit der Islanders

Grund genug für ein Buch gäbe es allerdings sehr wohl. Die letzte Dynastie der NHL-Geschichte – vier Stanley Cups in Serie (von 1979 bis 1983) - ist längst notorisch erfolglos und hat in den letzten 16 Jahren zwölfmal die Playoffs verpasst und zittert erneut um die Playoffs. Als Dynastie gilt im nordamerikanischen Sport nur ein Unternehmen, das vier Meisterschaften in Serie gewinnt. Deshalb verweigern Puritaner den Edmonton Oilers (5 Stanley Cups in sieben Jahren) die Ehrenbezeichnung Dynastie.

Ein Buch von Al Strachan über die Islanders («Why the Islanders suck») wäre für uns von grossem Interesse und Amusement. Schliesslich ist Mark Streit der Captain dieser Mannschaft und Erstrundendraft Nino Niederreiter stürmt ebenfalls für die Islanders.

Was also würde der gute alte Al – er beobachtet die NHL seit 38 Jahren – über die Islanders schreiben? Wie würde er den Misserfolg erklären? Nun, ich kenne Al Strachan seit bald 30 Jahren, ich habe mich mit ihm oft über die Islanders unterhalten und war auch diese Saison mehrmals in Long Island zu Besuch. Um eine Mannschaft einigermassen beurteilen zu können, ist der Besuch im Stadion ebenso unerlässlich wie Gespräche mit Spielern und Funktionären.

Lassen wir einmal die historischen Betrachtungen über den Niedergang einer Hockeydynastie aussen vor. Beschränken wir uns auf Al Strachans mögliche wirtschaftliche und sportliche Analyse der Gegenwart.

Das steinzeitliche Coaching von Jack Capuano

Es ist eigentlich gar nicht so kompliziert. Er würde monieren, dass Cheftrainer Jack Capuano nicht dazu in der Lage ist, das Talent der Mannschaft richtig zu nutzen und die Energien zu verwalten. Er würde mit ziemlicher Sicherheit das aus europäischer Sicht steinzeitliche Coaching kritisieren: Die extreme Belastung der besten Spieler, primär von Mark Streit, der mit etwas mehr als 23 Minuten pro Spiel unter 832 in dieser Saison in der NHL eingesetzten Spieler zu den 25 am stärksten forcierten Stars gehört.

Den rollenden Einsatz von vier Linien, der in Europa längst die Regel ist, kennen die Islanders nicht. Die taktische Schulung ist an europäischen Standards gemessen ungenügend. Wir können sogar von einer Lotter-Taktik reden. Die Fehlerquote in der eigenen Zone ist viel zu hoch und führt dazu, dass die Islanders unverhältnismässig viel Zeit unter Druck im eigenen Drittel verbringen und dort wertvolle Kräfte mit destruktiver Arbeit verbrauchen: Nur noch vier der 30 Teams haben ein noch schlechteres Torschuss-Verhältnis. Die vermeidbaren Fehler, die zu Gegentoren führen, sind für einen europäischen Beobachter teilweise unfassbar. HCD-Zampano Arno del Curto würde durchdrehen.

Islanders verschaffen sich zu wenig Respekt

So gelingt es den Islanders nicht, ihr enormes Talent umzusetzen. Können sie sich nämlich aus der eigenen Zone einmal lösen, so sind sie zu spektakulärem Offensivhockey fähig. Würden rollende vier Linien eingesetzt, bekäme ein Supertalent wie Nino Niederreiter angemessene Eiszeit (er steht bei knapp 10 Minuten pro Partie) und könnte sich weiterentwickeln. Dann könnten die Fans mit Tempohockey begeistert, die Belastung gut auf mehr Beine und Arme verteilt werden – und die Playoff-Qualifikation wäre locker möglich.

Erschwerend wirkt sich aus, dass sich die Islanders viel zu wenig Respekt verschafften können. Nur drei Teams in der Liga haben noch weniger Strafminuten. Das ist an und für sich erfreulich. Aber unter den 130 bösesten NHL-Spielern finden wir nur fünf Islanders. Die Spieler werden herumgeschubst und unter dem Siegel der absoluten Diskretion wird darüber gejammert, dass man bei den Schiedsrichtern keinerlei Lobby habe. Das sei keineswegs Paranoia. Das sei wirklich so.

Und was sehen wir also auf dem Eis? Eine Mannschaft, die «Sisyphus-Hockey» spielt. Die Strafe des griechischen Helden Sisyhpos bestand in der Unterwelt darin, einen Felsblock einen steilen Hang hinaufzurollen. Kurz bevor er das Ende des Hanges erreichte, entglitt ihm der Stein, und er musste wieder von vorne anfangen. So ging das Tag für Tag für alle Ewigkeit. Deshalb nennt man heute eine Aufgabe, die trotz grösser Mühen und Anstrengungen einfach nicht gelöst werden kann, Sisyphusarbeit.

Zu grosse Belastung für die besten Spieler

Mit grösster Anstrengung kämpfen sich die Islanders jeweils wieder in die Nähe der Playoffränge. Aber dabei werden die besten Spieler so extrem belastet, dass es wie bei einem überlasteten Stromnetz immer dann, wenn man grad den Anschluss herstellen könnte, regelmässig zu einem Blackout kommt: Zu einem Zusammenbruch. Zuletzt ein 0:6 gegen Ottawa und ein 1:2 gegen Buffalo.

Kritik in den Medien gibt es auf Long Island nicht. Kein Spieler wagt in der NHL bei Chronisten den Trainer oder eine Spielphilosophie zu kritisieren – das käme bei mehr als 90 Prozent des spielenden Personals einem Karriere-Knick gleich. Und anders als in der Schweiz wagt keine Reporterin und kein Reporter grundsätzliche fachliche Kritik. Umfangreiche Berichterstattung in den grossen Hockeystädten ja, Polemik auch. Allerdings so richtig kernig nur in Montreal. Aber kein hartes verbales «Spiel auf den Mann» wie hin und wieder bei uns und schon gar keine Kampagnen gegen oder grundsätzliche Kritik am General Manager und Trainer. Die Forderung nach einer Absetzung des Trainers oder des General Managers käme Blasphemie gleich und ist absolut undenkbar. Das macht das Leben für alle einfacher. Wenn schon, dann geraten Spieler in die Kritik.

Kritik nicht erlaubt

Wer doch gnadenlos den Zweihänder auspackt – wie eben Al Strachan in Toronto – muss die Konsequenzen tragen. Auch die Islanders haben letzte Saison dem Blogger Chris Botta die Akkreditierung wegen bissiger Kritik entzogen. Kritik, die allerdings so gemässigt war, dass sie, wenn in gleicher Art gegen den SCB geschrieben, selbst in den SCB-eigenen Vierfarbe-Klubmagazinen gedruckt worden wäre. Straflos dürfen in der NHL eigentlich nur zwei Ikonen freihändig kritisieren: Stan Fischler (79) in New York und Red Fisher (86) in Montreal.

P.S. Es macht schon Spass, dass man bei uns nicht so alt werden muss, um hin und wieder ein wenig zu polemisieren.

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  • persia am 22.02.2012 18:17 Report Diesen Beitrag melden

    Guter Beitrag!

    Bin ebenfalls der Meinung, dass die Führung das grosse Problem der Isles ist. Angefangen beim Besitzer Wang der kein Geld ausgeben will (darum musste Nino oben bleiben - Cap Hit) Dann ein Snow der Leute wie Rolston etc. einkauft... Und zu guter Letzt ein völlig einfallsloser Trainer dem irgendwie alles egal ist... Die Islanders sind etwa seit 5 Jahren am Rebuild-Prozess, doch Resultate davon gibts keine! Okposo? Bailey? ... Hoffnungen für die Zukunft sind lediglich Tavares, Hamonic und Nino. Ich hoffe nächste Saison steht ein anderer Trainer an der Bande und dann sollten die PO möglich sein!

  • Beobachter am 22.02.2012 17:13 Report Diesen Beitrag melden

    Analyse der Situation (3)

    Das wars auch schon. Der Rest hat allerhöchstens das Niveau eines 7. Verteidigers in der NHL. Auf der Goalieposition wären sie auf dem Papier gar nicht mal so schlecht. DiPietro war ein mal ein richtig starker Goalie, Montoya ist ein richtig guter Backup und Nabokov/Poulin als Reserve zu haben ist einfach nur Luxus. Wäre da nicht die Realität, die dieses Papier zerknüllt und in den Recyclingkorb wirft. DiPietro ist nur noch ein Schatten seiner selbst und Montoya schwächelt nach starkem Saisonbeginn. Nabokov ist in Hochform, aber momentan leider verletzt. Und Poulin ist nun mal noch sehr jung.

    • N. H am 23.02.2012 14:37 Report Diesen Beitrag melden

      @Beobachter, gute Analyse

      Stimme dir zu. Würde aber noch erzänzen, das Macdonald auch ein guter ist in der Verteidigung. Moulsen und Pareneau sind nicht soo schlecht, die 1.Linie ist das kleinste Problem der Isles, sicherlich vorallem dank Tavarez. Nielsen ist defensiv gut, wäre ein idealer 3.Linien Center, spielet aber 2.Linie, das sie keine besseren haben. "Grabner bei SH-Breakaways auch nicht mehr so zuverlässig" ; ) das ist sehr freundlich formuliert, ich glaube es gibt keinen Spieler der so eine schlechte Quote hat im Verwerten der Breakaways, von denen er sich dank seinem mega speed eine menge herausspielt...

    einklappen einklappen
  • Beobachter am 22.02.2012 17:12 Report Diesen Beitrag melden

    Analyse der Situation (2)

    Parenteau und Moulson profitieren hauptsächlich von Tavares, der die Linie ordentlich aufwertet. Hinter den Genannten flacht es ordentlich ab: Nielsen trifft nur im PP, Grabner steckt in einer Krise und trifft bei SH-Breakaways auch nicht mehr so zuverlässig wie auch schon. Die Entwicklung von Bailey geht nicht vorwärts und alles dahinter ist schlicht und ergreifend nicht NHL-würdig. In der Defensive sind sie sogar noch schlechter besetzt! Staios als Defensivverteidiger, Streit als Offensivverteidiger (Mit katastrophaler +/- - Bilanz) und Hamonic als Hoffnung für die Zukunft.