«CC» zum Wettskandal

21. November 2009 19:25; Akt: 22.11.2009 01:19 Print

«Big Brother»: Constantin lässt Spieler abhören«Big Brother»: Constantin lässt Spieler abhören

Christian Constantin, Präsident des FC Sion, ist überzeugt, dass in der Axpo Super League keine Spiele manipuliert wurden. Er muss es wissen, denn er lässt vor brisanten Partien offenbar die Telefonate seiner Spieler abhören.

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Der grösste Wettskandal aller Zeiten erschüttert im November 2009 den europäischen Fussball: Mehr als 200 Spiele in neun Ländern stehen unter Manipulationsverdacht, davon drei sogar in der Champions League. In der Schweiz sind 22 Challenge-League-Spiele betroffen. Beim Australian Open 2003 wurden beim Match zwischen Andrej Pavel (Bild) und Renzo Furlan mehrere zehntausend Franken auf Aussenseiter Furlan gesetzt. Mit Erfolg - denn Pavel gab verletzt auf. 1971 war dem abstiegsbedrohten Bielefeld der Ligaerhalt mit zwei erkauften Siegen gegen Schalke und Hertha Berlin rund 300 000 Mark wert. Die Folge: Der deutsche Verband verhängte Sperren und Geldstrafen gegen 53 Profis und zwei Trainer. Ex-Liverpool-Goalie Bruce Grobbelaar soll 1993 umgerechnet rund 100 000 Franken kassiert haben, damit er im Spiel gegen Newcastle absichtlich daneben greift. Liverpool verlor 0:3. Einer der grössten Wettskandale erschütterte 2006 Italien: Nach Manipulationen musste Juventus Turin mit Aushängeschild Del Piero (Bild) absteigen, die AC Milan, Fiorentina und Lazio Rom wurden mit saftigen Punkteabzügen bestraft. Weltklasse-Jockey Kieren Fallon soll insgesamt 27 Flachrennen manipuliert haben. Er steht derzeit in London vor Gericht. Der Fall «Hoyzer»: Der deutsche Schiedsrichter gab 2005 zu, gegen Sach- und Geldzuwendungen von ihm geleitete Fussballspiele beeinflusst zu haben. Er wurde daraufhin lebenslang gesperrt. Dem ATP-Dritten Novak Djokovic sollen umgerechnet 157 000 Euro für eine Niederlage in der ersten Runde von St. Petersburg geboten worden sein. Der Serbe lehnte jedoch ab. Schon 1928 wurde getrickst: Die Täter hörten Radio und erfuhren so frühzeitig vom Ausgang eines Pferderennens. Danach setzten sie bei einem Buchmacher auf das siegreiche Pferd. Dieser wusste noch nichts über den Ausgang des Rennens. Schiedsrichter Kurt Röthlisberger soll 1996 vor dem Champions-League-Spiel gegen Auxerre bei GC angefragt haben, ob sein weissrussischer Kollege für 100 000 Franken «zumindest nicht gegen GC entscheiden soll». Wettskandal 1980 in Italien: Die AC Milan und Lazio Rom mussten in die Serie B, weitere Klubs bekamen Punkteabzüge, 20 Spieler wurden bis zu sechs Jahre gesperrt, darunter auch Nati-Stürmer Paolo Rossi (Bild, r.). Auch Sturm Graz stand schon mehrmals unter Manipulationsverdacht. Einerseits sollten die Österreicher in den Hoyzer-Skandal verwickelt gewesen sein, andererseits sollen sie auch in der heimischen Liga getrickst haben. Ex-Olympique-Marseille-Präsident Bernard Tapie hat 1993 Valenciennes geschmiert und daraufhin mit seinem Team den Meistertitel gefeiert. Ein Gericht verurteilte Tapie 1997 wegen Korruption zu einer mehrjährigen Haftstrafe. Im Oktober 2003 warf man dem Russen Jewgeni Kafelnikow vor, absichtlich gegen Fernando Vicente verloren zu haben. Weltweit wurden damals 130 000 Euro auf Vicente gewettet, obwohl dieser zuvor fünf Monate lang kein Spiel gewonnen hatte. Der spielsüchtige Basketball-Schiedsrichter Tim Donaghy soll mindestens zwei Jahre lang auf NBA-Spiele gewettet haben, während er über 80 Meisterschaftsspiele leitete. Donaghy trat freiwillig zurück. Portugals Ex-Verbandspräsident Valentim Loureiro teilte dem Drittligisten Gondomar in den Aufstiegsspielen die «richtigen» Schiedsrichter zu. Diese erhielten von ihm die «goldene Pfeife». Loureiro war auch in weitere Manipulationen verwickelt. Auch 2004 ging es in Italien nicht mit rechten Dingen zu und her: Nach Spielmanipulationen wurden dem Serie-B-Verein Modena Punkte abgezogen, 33 Spieler, Trainer und Vereinsfunktionäre sowie zwölf Fussballklubs wurden angeklagt.

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Sion-Präsident Christian Constantin lässt ab und zu die Telefone seiner Spieler abhören. «Vor internationalen Spielen, die gefährdet sind, machte ich das. Ich hatte dies jeweils beim Richter beantragt», sagte Constantin der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens.

Im Rahmen des grossen Wettbetrugs im europäischen Fussball soll laut Constantin ein Testspiel des FC Sion untersucht werden. Demnach habe der bosnische Gegner der Walliser die Partie «verkauft».

Wie im Walliser Radiosender «Rhône FM» gesagt wurde, habe sich der NK Travnik mit Hilfe von asiatischen Wettanbietern ein Trainingslager im letzten Sommer in der Schweiz finanziert. Das Testspiel gegen Sion im freiburgischen Portalban, das im Rahmen dieses Camps ausgetragen wurde, sei gemäss Constantin manipuliert worden. Sion hatte 4:1 gewonnen, und «gedacht, ein gutes Spiel absolviert zu haben. Doch es scheint, als hätten uns die Bosnier absichtlich machen lassen», sagte der Sion-Präsident.

Travnik spielte auch gegen Xamax und Servette

NK Travnik hatte im Sommer in der Schweiz auch gegen Neuchâtel Xamax und Servette getestet und ebenfalls verloren. 2:3 gegen die Neuenburger, 1:3 gegen die Genfer. Ob auch diese Spiele manipuliert waren, ist nicht bekannt.

Dass auch bei Testspielen betrogen wird, ist nicht unlogisch. Wenn keine Kameras am Spielfeldrand stehen - wie in Portalban - ist das Risiko gering, dass das (gekaufte) Fehlverhalten von Spielern oder Schiedsrichtern auffliegt. Dies gab auch ein Insider der so genannten «Berliner Szene» in der «Berliner Morgenpost» zu.

Gemäss dem ehemaligen Mitglied der Szene, das 2006 ausgestiegen sein will, würden Spieler, Trainer oder Schiedsrichter nicht selten erpresst, «weil man irgendetwas gegen sie in der Hand hat. Zum Beispiel hohe Schulden, Bordellbesuche oder homosexuelle Neigungen.»

(si)