Wie schwierig ist eigentlich ...?

13. Juni 2011 10:36; Akt: 14.06.2011 08:10 Print

Unterwegs als «kleiner» Cancellara

von Herbie Egli - Ein 7,3 km langes Zeitfahren als Tour-de-Suisse-Prolog ist für die Profis ein Kinderspiel. Nicht aber für Herbie Egli, Sportredaktor von 20 Minuten Online.

Wie schwierig ist eigentlich ein Prolog der Tour de Suisse? (Video: 20 Minuten Online, Mathieu Gilliand)
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Wer träumt als Hobby-«Gümmeler» nicht davon, sich einmal mit einem grossen Profi zu messen? Mir bot sich diese Chance beim Start der 75. Tour de Suisse in Lugano. Ich fahre auf der 7,3 km langen und abgesperrten Originalstrecke das Zeitfahren, das Fabian Cancellara und Co. am späteren Nachmittag absolvieren. Zum Glück zählt meine Schlusszeit nicht fürs Gesamtklassement.

Am Vorabend früh zu Bett und am Renntag ein ausgiebiges Frühstück. Man bereitet sich für einen solchen Anlass ja gut vor. Doch was nützt die ganze Vorbereitung, wenn man zu wenig trainiert oder keine guten Beine hat? Nicht viel. Ich fahre aus dem Starthaus, das fast am See liegt, die Rampe hinunter und nehme schön Tempo auf. Nach einem Kilometer senkt sich mein Schnitt aber deutlich. Es geht rund zwei Kilometer und zirka 140 Höhenmeter den Monte Brè hinauf. Eigentlich kurz, aber nahrhaft. Um mich zu stärken, will ich kurz vor dem höchsten Punkt einen Abstecher in ein Grotto vornehmen. Meine Begleitcrew verweigert mir aber ein Tessiner Plättli und den dazugehörigen Boccalino.

Vom Taxi ausgebremst

Nach dem zwei Kilometer langen Aufstieg kann ich wenigstens die etwa gleich lange Abfahrt geniessen. Denke ich zumindest. Mit rund 50 km/h rase ich den Berg hinunter und muss etwa in der Hälfte stark bremsen. Ein Taxi ist fehlgeleitet worden und versperrt mir den Weg. Situationen, die man als Velorennfahrer liebt. Ich kann mir nicht verkneifen, die eine Hand zu heben und mich lautstark zu beschweren. Wie es sich in südlichen Breitengraden gehört.

Im flachen Teil angekommen, führen mich die restlichen knapp zwei Kilometer durch die Stadt, am Casinò vorbei zum Ziel am See. Bei der Passage der Flamme Rouge – dem roten Fähnlein für den letzten Kilometer – macht sich bei mir eine gewisse Erleichterung breit. Nur noch 1000 Meter. Ich trete nochmals in die Pedalen, was meine Beine hergeben. Beim Überqueren des Zielstrichs stoppe ich meinen Velocomputer: 18 Minuten und 37 Sekunden habe ich für die 7,3 km mit rund 140 Höhenmetern gebraucht.

Von der Zeit bin ich enttäuscht. Ich habe mir vorgenommen, die Strecke in rund 16 Minuten zu absolvieren. Dann wäre mein Rückstand auf Prologsieger Fabian Cancellara, der den Kurs in 9 Minuten 41 Sekunden beendete, auch nicht so hoch. So beträgt er nun halt 8 Minuten und 56 Sekunden. Ich brauchte also fast doppelt so lange wie der Schweizer Zeitfahrweltmeister. Den Prolog der 75. Tour de Suisse selbst zu fahren, war für mich aber trotzdem ein grossartiges Erlebnis.