Helm schützt vor Rückenschmerzen nicht

02. Oktober 2009 10:49; Akt: 02.10.2009 10:50 Print

Wie schwierig ist eigentlich Skiakrobatik?

von Patrick Toggweiler und Reto Fehr - Was passiert, wenn einer, der nicht Skifahren und einer, der keinen Salto stehen kann, sich gegeneinander in Skiakrobatik messen? 20 Minuten Online hat es ausprobiert und einen Sieger erkoren.

(Video: 20 Minuten Online / Mathieu Gilliand)
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Die Vorzeichen stehen schlecht. In der Umkleidekabine begegnen wir dem 11-jährigen Marco, der soeben eine Wunde am Kinn hat nähen müssen. Bei der Landung hat sich der Junge mit dem Knie selber eine Platzwunde zugefügt. Während unseren ersten Annäherungsversuchen an die Sprungschanze knallt der nächste Junge mitten in die seitliche Absperrung. Nichts passiert. Noch nicht. Unser Betreuer und Weltklasse-Skiakrobat Thomas Lambert meint noch: «Eigenartig, der kann eigentlich Skifahren.» Nicht so Patrick Toggweiler. Seine skifahrerischen Erfahrungen beschränken sich auf wenige Stunden. Für Reto Fehr sind nicht die Latten an den Füssen das Problem, sondern was danach folgt: Erst beim Aufwärmen auf dem Trampolin steht der 20-Minuten-Online-Sportchef seinen ersten Salto – in seinem Leben.

Vorsicht kommt vor dem Fall

Dass Reto zu solchen «Höchstleistungen» getrieben wird, hat zwei Gründe: Thomas Lambert und Andreas Isoz. Die Nummern 10 und 11 in der Skiakrobatik-Welt. Beide sind Hoffnungsträger für die Olympischen Spiele in Vancouver. Diese Klassemänner begleiteten uns bei unseren ersten Skiakrobatik-Versuchen mit fachkundigen Ratschlägen und bewerteten unsere Sprünge. Dank der Skiakrobatik-Wasserschanze «Jumpin» ist eine solche Übung überhaupt möglich und trotz Wasser nicht ungefährlich: Rückwärtssaltos werden uns verboten. Zu gross die Chance, dass wir uns den Kopf aufschlagen. Zum Schutz tragen wir einen Neopren-Anzug, Helm und Schwimmweste. Und wir springen nur über die kleinste Schanze. «Ist das denn überhaupt noch Skiakrobatik?», fragen wir besorgt um unseren Ruf. «Wir alle haben so angefangen. Das ist sehr wohl Skiakrobatik», erhalten wir die zufriedenstellende Antwort. Dann kann es ja losgehen.

Patricks Handicap

Zum ersten Mal oben, zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt wieder auf Skiern. «Die Anfahrt sieht steiler aus, als sie ist», beruhigt Andreas Patrick. «Weniger senkrecht», schiesst es diesem durch den Kopf. «Wenn es bei der Anfahrt zu Stürzen kommt, dann nur bei den Leuten, welche nicht genügend Vorlage geben», mahnt Andreas und dann geht’s auch schon los. Gewicht nach vorne und weg. Die Anfahrt klappt, Erinnerungen daran gibt es allerdings keine mehr. Wachkoma auf Skiern. Mit der nassen Landung kommt das Erwachen und die Gewissheit, dass ein Nachmittag mit extrem viel Spass beginnt.

Strecksprung, 360er

Ob nun Strecksprung oder 360er. Die ersten Sprünge ins Wasser sind einfach nur Erlebnis pur. Die Landung ins Wasser ist eine perfekte Mischung aus Geborgenheit und Warnung, dass man sich doch nicht alles erlauben kann. Auch über die kleinste Schanze klatscht man schon ganz schön hin. Die Anfahrt ist unter strenger Befolgung der Anweisungen auch für den Anfänger zu meistern. Bei der Koordination in der Luft waren die Tipps der Cracks etwas schwerer umzusetzen. Irgendwie hilflos, was wir zustande brachten. Elan macht noch keinen Meister. Namentlich der Salto vorwärts sollte zur unüberwindbaren Hürde werden.

Retos Handicap

Zwei Spünge sind geschafft. Doch die Krönung steht noch aus: der Salto. Reto hatte bis vor wenigen Minuten noch nie einen Salto versucht - und jetzt soll das Ganze gleich mit Skiern über die Bühne gehen. Vom Sprungbrett in der Badi versuchte er früher die Mädchen mit der Arschbombe oder dem Totenbein zu bezirzen. Selbst für einen Kopfsprung vom 3-Meter-Brett fehlte ihm der Mut – geschweige denn für einem Salto. Diese Erfahrung hätte er jetzt gebrauchen können. Andreas gibt ihm vor dem Absprung noch letzte Tipps: «Versuch mit den Armen Schwung zu holen und schon beim Absprung mit dem Salto zu beginnen.» Hört sich gut an. Doch die Umsetzung klappt nicht. Es will einfach nicht drehen. Beim Aufprall ins Wasser schmerzt einmal der Rücken, einmal der Kopf. Lag Reto nach Strecksprung und 360er noch in Führung, schmilzt der Vorsprung gleich nach dem ersten Sprung. Wie im Video zu sehen, bringt der zweite Sprung die knappe Entscheidung.

Fazit

Über die Wasserschanze in Mettmenstetten springen, das ist nicht einfach nur Spass, es sollte Menschenrecht sein. Es ist die perfekte Balance zwischen verschiedenen Elementen: Mut, Technik, Spass und einem Schuss Hilflosigkeit – der Sache bis zu einem gewissen Grad ausgeliefert sein. Auch die abgespeckte Version «Slip and Slide», auf dem Hosenboden runterrutschen, hat Spassfaktor 100. Und so verlassen die 20-Minuten-Online-Redakteure die beiden Sprungprofis und die Anlage mit dem Gefühl, ein kleines sportliches Abenteuer erlebt zu haben.