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Auf Simon Ammanns Spuren
12. Februar 2010 14:36; Akt: 14.02.2010 10:48 Print
Wie schwierig ist eigentlich Skispringen?
Simon Ammann hat am Samstag das erste Schweizer Olympiagold in Vancouver geholt. Was der Toggenburger dabei leistet, versuchte die 20-Minuten-Online-Sportredaktion nachzufühlen und wagte sich selbst auf die Schanze. Klar, dass das nicht gutgehen kann.
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Simon Ammann ist einer der grössten Gold-Trümpfe der Schweiz bei den Olympischen Spielen 2010. Am Samstag setzte er dies auf der kleinen Schanze in die Tat um und stieg nach dem Doppelsieg in Salt Lake City 2002 erneut zuoberst aufs Podest.
Philipp Reich hatte Glück im Unglück. Die Schürfungen sind halb so wild.
Wie schwierig ist eigentlich?
Dieser Titel steht für eine lose Serie, in welcher 20 Minuten Online SportredaktorInnen Sportarten testen, welche in der medialen Berichterstattung nicht immer den grössten Stellenwert geniessen – in der Welt Sports ausserhalb der Schranken von Nachrichtenwerten aber eine wichtige Funktion einnehmen. Die Disziplinen sollen dabei nicht in allen Einzelheiten und technischen Finessen ausgearbeitet, sondern vor allem von der Seite Spassfaktor angegangen werden.
Schon vor dem Wettkampf war der Hype um Ammann Grund genug für Philipp Reich, Patrick Toggweiler und Reto Fehr von der 20-Minuten-Online-Redaktion, sich selbst auf die Schanze zu wagen. Die Bachtelblick-Schanze in Gibswil bietet sich für den kleinen Wettkampf an. Anzug, Helm und Skis fassen und los gehts. Nach kurzem Einturnen und einer Gleichgewichtsübung sowie den erfolgreichen Trockenübungen in der simulierten Anlaufspur und am steilen Auslauf gehts auf den Bakken.
Von den 100 Metern, welche Ammann am Samstag auf der kleinen Schanze wohl übertreffen wird, sind die drei weit entfernt. Sie wären schon froh, heil unten anzukommen. Philipp Reich glückt dieses Vorhaben beim zweiten Sprung nicht – immerhin stellt er dabei den Weitenrekord der Redaktion auf mit fast zehn Metern. Glücklicherweise sind die Folgen einzig ein paar Schürfungen im Gesicht und faule Sprüche der Kollegen. Dass Stürze Teil des Skispringens sind, beweisen kurz nach dem Missgeschick zwei ca. 10-Jährige Junioren, welche gerade beim Training sind. Auf die Frage, ob ihnen das auch schon passiert sei, antworten sie mit einem beschwichtigenden «ja, ja».
Reto Fehr (Startnummer 57): «Schanze sieht aus wie ein Folterwerkzeug»
Von unten sieht die Schanze aus wie ein Folterwerkzeug. Die Anfahrt im Wäldchen, die Landepiste steil wie die Eigernordwand und das alles im düsteren Licht der Flutlichtanlage. Jetzt steigt ein mulmiges Gefühl auf. Dieses wird von einem rund 12-jährigen Junior noch verstärkt: «Ich springe schon seit einigen Jahren – allerdings mit einem Jahr Pause.» Warum? «Ich hatte einen Beinbruch.» Ich frage nicht nach, ob das auf der Schanze geschah. Denn schon sitze ich auf dem Bakken.
Die Schanze ist ja nur wenige Zentimeter hoch, versuche ich mich zu beruhigen. Aber ein anderer Fakt ist stärker: «Verdammt, ich sehe ja nicht einmal, wo ich landen werde, weil die Piste so steil abfällt.» Die Gedanken drehen sich um einen Punkt: «Nur nicht stürzen.» Jede Sekunde Warten macht die Situation schlimmer: Also besser losfahren. Das erste Mal ist das schlimmste. Zum Glück hat man keine Zeit um nachzudenken, sondern kehrt vom Trancezustand erst wieder auf die Welt zurück, wenn man unten versucht auf den Skiern ohne Kanten zu bremsen.
Weit weg von Fluggefühl, V-Stil und Telemark sind die ersten Skisprungversuche. Doch das ist egal. Man steht unten und denkt nur noch eines: «Ich habs geschafft – und ich bin noch gesund.» Und jetzt will ich nochmals runter.
Philipp Reich (Startnummer 58): «Ich pralle mit dem Gesicht voran im pickelharten Schnee auf»
«Es ist ja nur die ganz kleine Schanze», rede ich mir gut zu. «So schwierig sieht's gar nicht aus», geht mir durch den Kopf, als ich Reto bei seinem ersten Sprung zuschaue. Die Nervosität steigt. Die guten Tipps des Experten höre ich oben sitzend nicht mehr. Ich stosse mich an der Metallstange ab und weiss, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt. Nach wenigen Sekunden ist alles vorbei und ich lande mehr oder weniger sicher. Die Erleichterung ist gross, die Weite spielt vorerst keine Rolle. Wie schon beim Einfahren bremse ich im Auslauf mit einem kontrollierten Sturz.
Beim ersten Sprung ist alles so rund gelaufen, dass ich mir für den zweiten sehr viel vornehme. Nach dem zögerlichen Absprung beim ersten Versuch will ich nun am Schanzentisch alles geben. Schliesslich soll es diesmal eine zweistellige Weite werden. Voller Selbstvertrauen gehts los. Ich konzentriere mich nur auf den Absprung und komme gut weg, doch in der Luft geht etwas schief. Kaum gelandet pralle ich mit dem Gesicht voran im pickelharten Schnee auf und es wirbelt mich ziemlich durch. Zur Ruhe gekommen, bin ich erstmal erleichtert, dass ich mir nichts gebrochen habe. Und auch mein anfälliges Knie hat offenbar nichts abbekommen. Nur die Nase tut etwas weh und schnell merke ich, dass an der einen oder anderen Stelle die Haut wohl etwas gelitten hat.
Nach dem Interview sehe ich dann endlich, wie mein Gesicht aussieht. Leider nicht ganz so schön. Nach dieser doch etwas ungemütlichen Erfahrung entscheide ich, den letzten Sprung auszulassen. Trotzdem würde ich gerne wieder einmal einen Sprung wagen, denn Skispringen macht unheimlich Spass.
Patrick Toggweiler (Startnummer 59): «Bitte kein Kreuzbandriss, bitte kein Kreuzbandriss»
Skispringen, so die Vorstellung, ist Fliegen. Der Wind, der einen sanft trägt, der kurze Moment mit sich und der Natur alleine, die Kraft der Elemente – man kann es romantisieren wie man will, als blutiger Anfänger denkt man nur das Eine: «Bitte kein Kreuzbandriss, bitte kein Kreuzbandriss». Und dieser Gedanke zieht sich durch. Von Beginn weg bis ans Ende, wenn man sich endlich wieder aus dem Anzug schälen darf.
Kein Kreuzbandriss bedeutet vor allem kein Sturz bei der Landung. Meine Chancen als Nicht-Skifahrer ohne solchen durchzukommen, schätze ich im Nachhinein auf etwa Fifty-Fifty. Ich hatte einfach zweimal Glück. That's it. Über die langen Latten hatte ich etwa so viel Kontrolle wie die USA über das Atomprogramm von Iran. Ich konnte ja nicht einmal bei Schritttempo verhindern, dass sich die Skier kreuzten und ich letztendlich doch hinfiel.
Skispringen ist trotzdem auch für den blutigen Anfänger eine ganz grosse Sache. Am Ende nämlich kann man sich gegenseitig auf die Schultern klopfen. Gemeinsame Adrenalinausschüttung schweisst zusammen. Es ist so ein Kerlending. So etwas, womit man eine Kiste Bier gewinnen kann. Auch wenn die Schanze nur wenige Zentimeter hoch war und der weiteste Flug unter 10 Metern. Man ist ein kleiner Held. Und das tut gut.
((pre/tog/mgi/fox))




























