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24. Juni 2010 10:29; Akt: 17.06.2011 14:16 Print

«Zwei Zombies, die Zuschauer fressen»«Zwei Zombies, die Zuschauer fressen»

von Monika Brand - John Isner und Nicolas Mahut definieren das Wort Tennis-Marathon neu: Stundenlang trieben sie den Ball über das Netz – und einen Reporter in den Wahnsinn.

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Nahe der Erschöpfung: Das längste Spiel der Tennisgeschichte dauerte elf Stunden und fünf Minuten. Es musste beim Stand von 59:59 im fünften Satz wegen Dunkelheit unterbrochen werden - bereits zum zweiten Mal. Tags zuvor war nach vier Sätzen ebenfalls wegen Dunkelheit Schluss. Die Hauptakteure: der Franzose Nicolas Mahut (damals ATP 148) und ... ... der US-Amerikaner John Isner (damals ATP 19). Tatort: Wimbeldon 2010, 1. Runde, auf einem Nebenplatz. Als die Nachricht vom epischen Spiel allerdings die Runde machte, strömten die Zuschauer in Massen zum Spielfeld. Jeder Fleck mit Sicht auf den Rasen wurde besetzt. John Isner ruht sich beim verhältnismässig tiefen Spielstand von 43:44 im fünften Satz aus. Wie soll das enden? Ein erschöpfter Nicolas Mahut am Netz. Während Mahut sich wärmt und trinkt, ... ... führt sich Isner Nahrung zu – bei über elf Stunden Spieldauer nicht zu unterschätzen. Auch Toilettenpausen sind bei dieser Zeitspanne nicht zu vermeiden. Schiedsrichter Soeren Friemel unterbrach das Spiel am 24. Juni 2010 nach rund sieben Stunden zum zweiten Mal wegen Einbruchs der Dunkelheit. Isner und Mahut hatten an diesem Tag keinen einzigen ganzen Satz gespielt. Die Zuschauer verabschiedeten die beiden Ausdauerspieler mit einer Standing Ovation – einzelne forderten sie gar zum Weiterspielen auf. Das Spiel wurde aber erst einen Tag später wieder aufgenommen. Am Ende setzte sich Isner nach über elf Stunden im fünften Satz mit 70:68 durch. Die Erleichterung beim Amerikaner war riesig ... ... wahrscheinlich aber auch bei Verlierer Mahut. Die beiden Kontrahenten fielen sich in die Arme. Ein strahlender Sieger. So ein Bild werden wir wohl so schnell nicht wieder sehen.

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Welcher Tennis-Fan erinnert sich nicht an den denkwürdigen Tag im Juli 2008, als Rafael Nadal Roger Federer in Wimbledon entthronte? Die Partie ging über fünf Sätze, wurde zwischenzeitlich immer wieder unterbrochen und endete schliesslich nach 4:50 Stunden reiner Spielzeit in tiefer Nacht unter Scheinwerferlicht mit dem Triumph des Mallorquiners. Dieser entschied den fünften Satz mit 9:7 Games für sich. Die Partie ging in die Geschichte ein - in erster Linie, weil es ein denkwürdiger Triumph Nadals war, zum anderen als «epischer Tennis-Marathon».

Doch im Vergleich mit dem, was sich der Amerikaner John Isner und der Franzose Nicolas Mahut seit Dienstag in Wimbledon liefern, ist das epische Spiel zwischen Federer und Nadal ein Klacks. Nicht einmal halb so lange war die reine Spielzeit von 4:50 Stunden. Isner und Mahut sind schon seit 10:06 Stunden dran – und sind noch nicht fertig. Die Partie geht heute beim Stand von 59:59 im fünften Satz in ihren dritten Spieltag. Rekorde waren bisher 6:33 Stunden zwischen Fabrice Antoro und Arnaud Clément beim French Open 2004 und ein 23:21 im Entscheidungssatz zwischen Mark Knowles/Daniel Nestor und Simon Aspelin/Tod Perry im Wimbledon-Doppel von 2006. Auch dieses Resultat war nicht einmal halb so viel wie der neue Rekord von Isner und Mahut.

Das Leiden des Reporters

Das Weltrekord-Spiel - eine Erstrundenpartie zwischen den Weltnummern 19 und 148 notabene – sorgt weltweit für Augenreiben. Wohl auch beim Reporter des britischen «Guardians», der gestern offensichtlich lieber Fussball geschaut hätte. Er beschreibt im Live-Ticker wie er andere Journalisten «Nein, nein» schreien hört und stellt fest, dass sie damit nicht die Partie zwischen Inser und Mahut meinen, sondern eine Szene bei England - Slowenien.

Wenig später schreibt er: «Es ist vorbei. Es ist endlich vorbei. Es war ein langes, hartes Spiel und es verlangte den Spielern alles ab. Aber endlich haben wir ein Resultat.» Und dann fügt er an: «Ich rede übrigens hier von Fussball. England gewinnt gegen Slowenien 1:0 und übersteht die Gruppenphase. Das Isner-Mahut-Spiel ist immer noch im Gange: 24:24 im letzten Satz.»

Die Bitte um Hilfe von oben

Eine Stunde später, um 17.45 Uhr, haut der Reporter in die Tasten: «Es dämmert und schimmernde Luftbilder ziehen aus dem Kongo-Dschungel von Platz 18 auf. Für einen Moment habe ich geglaubt, Isner bricht ein. Der Mann kann seine Füsse kaum noch bewegen und Mahut hat immer noch einige kräftig aufspringende Returns auf Lager.» Eine gute halbe Stunde später philosophiert er weiter: «Ich frage mich, ob vielleicht ein Engel kommt und die beiden befreit. Ist das zu viel verlangt? Nur ein kleiner Engel mit weissen Flügeln und einem verständnisvollen Lächeln, der ihnen sagt, dass es okay sei, dass sie genug gelitten hätten und dass sie jetzt aufhören könnten. Der Engel könnte sie umarmen und ihre Stirn küssen und sie aufmuntern, ihr Racket beiseite zu legen. Und sie könnten alle gemeinsam zum Himmel fahren. John Isner, Nicolas Mahut und der liebenswürdige Engel.»

Der Wunsch des Reporters wurde bekanntlich nicht erhört. Gegen 21.30 Uhr beim Stand von 59:59 wurde der Arbeitstag von Isner und Mahut beendet. Die beiden spielten gestern keinen ganzen Satz durch, brauchten aber rund sieben Stunden. Sieben Stunden, die nicht nur den beiden Tennis-Assen, sondern auch dem Live-Tickerer des «Guardian» alles abverlangten. «Das war jenseits des Tennis. Ich glaube, das war auch jenseits des Überlebbaren. Für John Isner wäre es etwa beim Stand von 20:20 ratsam gewesen, aufzugeben. Und für Mahut wenig später. Der Rest des Spiels wurde von zwei untoten Zombies bestritten, die bei den Seitenwechseln die Zuschauer frassen.» Und nicht ganz unglücklich schliesst der Reporter: «Ich bin morgen weg, wahrscheinlich liege ich irgendwo in einem Graben. Aber mein Kollege wird weiterberichten. Ich bin am Freitag zurück, wenn sich dieser letzte Satz wahrscheinlich im vierstelligen Resultat-Bereich befindet.»

Für John Isner und Nicolas Mahut geht es heute Nachmittag ab ca. 15 Uhr weiter. 20 Minuten Online wird live berichten.