Martin Gerber

22. Juli 2009 18:11; Akt: 22.07.2009 19:18 Print

«Meine NHL-Karriere ist nicht zu Ende»

von Klaus Zaugg und Monika Brand - Martin Gerber wechselt für eine Saison zu Atlant Mytischtschi in die russiche KHL. Im Interview mit 20 Minuten Online erklärt der Emmentaler, was ihn an seiner neuen Aufgabe reizt und weshalb seine NHL-Karriere noch nicht zu Ende ist.

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Martin Gerber, Sie haben in der höchsten russischen Liga bei Atlant Mytischtschi einen Vertrag unterschrieben. Welches waren Ihre Beweggründe, dieses Abenteuer einzugehen?
Martin Gerber:
Da liegt sicher sehr viel Ungewisses vor mir. Der Hauptgrund war, dass ich etwas Neues probieren wollte. Ich habe mir schon vor ein paar Jahren in der Lockout-Saison einmal überlegt, ob ich nach Russland gehen soll, aber habe es dann sein lassen. Jetzt war aber ein guter Zeitpunkt dafür. Denn in ein paar Jahren wird es auch viel schwieriger sein, da einen Platz zu bekommen. Ein anderer Grund war, dass ich zwar einen Job als Ersatztorhüter in der NHL gehab hätte, ich aber glaube, dass ich jetzt in einer Situation bin, wo ich möglichst viel spielen muss, also irgendwo in einer guten Liga die Nummer 1 sein sollte. Deshalb ist dieser Schritt nun die beste Lösung für mich.

Welcher NHL-Klub wollte Sie verpflichten?
Das wäre bei Pittsburgh gewesen.

Welche Erwartungen hat man in Mytischtschi an Sie?
Die Erwartungen sind sehr hoch. Es ist eine aufstrebende Liga, man will dort einen Gegenpol zur NHL bilden. Daher sind die Erwartungen sowohl von der Liga her als auch von der Mannschaft sehr hoch. Das Team muss ein paar Abgänge verkraften, nachdem es eine gute letzte Saison hatte. Durch die Budgetkürzung hat es einige Verschiebungen gegeben. Aber ich glaube, wir haben weiterhin eine gute Mannschaft und wir wollen einen Schritt vorwärts machen.

Sie haben nun ein paar Wochen Abstand zur vergangenen Saison. Wenn Sie jetzt zurückschauen: Was ist in Ottawa schief gelaufen, dass Ihre NHL-Karriere nun zu Ende gegangen ist?
Nun gut, eine NHL-Karriere ist erst dann zu Ende, wenn du dein letztes Hockeyspiel gespielt hast. Ich denke nicht, dass ich mit dem Wechsel nach Russland die Türe zur NHL nun endgültig zuschlage. Mit einer super Leistung dort kann ich meinen Namen wieder ins Spiel bringen und das ist sicher auch ein Hintergedanken bei dieser ganzen Aktion. Aber um aufs letzte Jahr zurückzukommen: Da sind sicher viele Sachen gelaufen, bei denen man nicht genau wusste, weshalb das so ist. Es war schwierig für mich, ins Spiel zu finden. Ich wurde zu Beginn der Saison als Nummer 1 hingestellt, aber dann begann man schon in der ersten Woche damit, die Torhüter auszuwechseln. Es war eine sehr unruhige Zeit und ich habe mich vielleicht auch ein wenig beeinflussen und ablenken lassen. In der Folge habe ich dann auch meine Leistung nicht mehr gebracht. Wir steckten mit der ganzen Mannschaft in einem Loch und niemand fand ein Mittel, um uns da herauszuholen. Wie es dann kam, dass ich gehen musste, weiss ich nicht. Das wissen nur die Verantwortlichen, mir hat man das nie erklärt.

Hat man Sie als Sündenbock gebraucht, um die Krise zu erklären?
Das weiss ich nicht. Das liegt bei den Verantwortlichen. Ich hatte dann aber das Glück, dass ich nach Toronto gehen konnte und hatte da eine tolle Zeit. Ich habe es enorm genossen, in dieser eishockeyverrückten Stadt zu spielen.

Sie haben es vorher bereits angedeutet: Glauben Sie, dass eine gute Saison in Russland Sie zurück in die NHL führen kann?
Das werde ich mir sicher offen halten, soweit ich das beeinflussen kann. Es ist klar: Je älter man wird, desto schwieriger wird es, den Weg wieder zurückzufinden. Im Moment kommt in der NHL vor allem die Jugend zum Zug. Aber ich denke, am Ende zählt immer noch die Leistung – und deshalb kann ich mich in die Lage bringen, in dieser Geschichte noch einmal ein Wörtchen mitzureden.

Werden Sie in Mytischtschi die Nummer 1 sein?
Auch hier zählt natürlich die Leistung. Aber die beiden letztjährigen Torhüter von Mytischtschi sind weg, neben mir hat man einen Russen verpflichtet. Ich habe sicher die Möglichkeit, die Nummer 1 zu werden.

Sie sind haben es unter anderem so weit gebracht, weil Sie sich überall anpassen können. Sie waren in Schweden und haben dort die Meisterschaft gewonnen. Sie waren in Nordamerika und haben dort den Stanley Cup gewonnen. In Amerika sprachen Sie schnell so gut Englisch, dass man Sie für einen Einheimischen hätte halten können. Nehmen Sie jetzt im Sommer noch ein paar Lektionen Russisch?
Ich habe bereits versucht, mir ein Bild vom russischen Vokabular zu machen. Aber es sieht extrem schwierig aus. Die haben ein anderes Alphabet – die gleichen Buchstaben, die wir auch haben, bedeuten plötzlich etwas anderes. Das wird sicher eine Herausforderung. Aber das ist schon etwas, was ich mir aneignen möchte – wenn ich schon ein Jahr lang die Möglichkeit bekomme, eine neue Sprache zu lernen. Das war ja auch schon in Schweden so. Eine Sprache zu lernen ist etwas Schönes und etwas, das man das ganze Leben lang brauchen kann. Es ist schon mein Ziel, dass ich mir da zumindest die Grundkenntnisse aneigne.

Hatten Sie eigentlich auch Angebote aus der Schweiz?
Ich habe mich nie gross mit einer Rückkehr in die Schweiz auseinandergesetzt. Es gab ein paar lose Gespräche mit ein, zwei Klubs. Aber so lange es mir noch im Ausland gefällt, möchte ich das Abenteuer fortsetzen.

Wie hoch sind eigentlich die Chancen für die Fans der SCL Tigers, dass sie Sie irgendwann einmal wieder im Dress der Emmentaler spielen sehen?
Das ist bei mir natürlich immer im Hinterkopf. Ich komme aus dem Emmental und hier hat eigentlich auch alles angefangen, was ich jetzt geniessen kann. Man weiss es nie – die Situation muss einfach stimmen. Und bisher war das einfach noch nicht der Fall. Wenn es sich aber einmal ergeben sollte, wäre das für mich sicher eine Option. Aber im Moment möchte ich im Ausland spielen.

Sie müssen wohl schon bald ins Trainingscamp einrücken. Wie geht es jetzt für Sie weiter?
Am Montag fliege ich nach Helsinki. Da ist das Team bereits im Trainingslager. Von dort aus geht es dann nach Moskau. Das ist eigentlich alles, was ich im Moment weiss. Und dass am 12. September die Meisterschaft beginnt.

Als Sie nach Nordamerika wechselten, war Ihnen ja in etwa klar, wohin sie gehen. Was wissen Sie über Ihr neues Zuhause?
Sehr wenig. Ich weiss, dass sich der Verein in der Nähe von Moskau befindet, dass es 12 Millionen Leute rundherum hat. Die Stadt selber hat etwa 160 000 Einwohner. Und es gibt teilweise enorm grosse Distanzen, um an die Spiele zu reisen. Russland ist ein unbeschriebenes Blatt für mich und deshalb reizt es mich auch umso mehr, das Land kennenlernen zu dürfen.

Haben Sie irgendwelche Bedenken?
Ich bin vielleicht schon etwas skeptisch. Manchmal hört man irgendwo her eine «Räubergeschichte», die passiert sein soll. Aber solche Sachen gibt es wohl auf der ganzen Hockeywelt irgendwie einmal. Ich werde versuchen, das Ganze zu geniessen – aber ich werde sicher auch gewisse Vorkehrungen treffen, damit ich mich dort auch wohlfühlen werde.

Im Gegensatz zur NHL pausiert die russische Liga, wenn die Nationalmannschaft spielt. Das heisst, sie werden dann auch zur Verfügung stehen. Sind Sie weiterhin ein Thema bei Ralph Krueger?
Wenn ich angefragt werde, werde ich das Angebot natürlich annehmen. Ich würde mich freuen, weiterhin in der Nationalmannschaft sein zu dürfen. Von daher ist es natürlich günstig, dass wir wie die anderen europäischen Ligen diese Pausen haben. Es ist eine gute Ausgangslage für mich.

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