Kevin Lötscher

15. September 2012 08:55; Akt: 15.09.2012 11:50 Print

Ein Hockeystar zwischen Mitleid und Wirklichkeit

von Klaus Zaugg - Kevin Lötschers Rückkehr ins Hockeygeschäft mit Sierre ist in Langenthal missglückt. Er wurde nach der 1:6-Niederlage zum besten Spieler seines Teams ausgezeichnet - das ist fatal.

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Es sind bittere Lorbeeren für Kevin Lötscher. Sierre hat soeben das erste NLB-Meisterschaftspiel in Langenthal 1:6 verloren. Langenthals Sportchef Reto Kläy und sein Medienchef Rolf Eggimann wählen den Stürmer mit der Nummer 91 zum besten Spieler der Partie. Die Geste ist gut gemeint. Eigentlich rührend. Aber sie zeigt die ganze Tragik um den 24-Jährigen auf.

Kevin Lötscher steht noch bis Saisonende beim SC Bern unter Vertrag. Sein Lohn wird nach wie vor vom SCB bezahlt. Weil er noch nicht in der NLA spielen kann, versucht er, in der NLB den Weg zurück ins Hockey zu finden.

Die Partie mit Sierre gegen Langenthal ist wegen eines schweren Unfalls sein erster Ernstkampf seit dem 9. Mai 2011. Die Schweiz gewinnt an diesem 9. Mai 2011 die letzte WM-Partie gegen die USA 5:3. Kevin Lötscher dominiert dieses Spiel gegen die amerikanischen NHL-Profi, erzielt zwei Treffer und wird zum besten Spieler der Schweizer gewählt. Es ist eine echte, eine wohlverdiente, eine grosse Auszeichnung.

Und nun, etwas mehr als 500 Tage später, wird er bei seinem nächsten Ernsteinsatz erneut zum besten Spieler seines Teams erkoren. Aber diesmal aus Mitleid.

Eine Bilanz zum Vergessen

Kevin Lötscher sitzt nach der Partie noch in der Ausrüstung im Kabinen-Nebenraum und sagt mit leiser Stimme: «Ich habe diese Auszeichnung nicht verdient. Man hätte mir meinetwegen eine Medaille geben können. Aber nicht diese Auszeichnung. Ich weiss, es ist gut gemeint. Aber ich war katastrophal.»

Katastrophal spielt Kevin Lötscher in dieser Partie nicht. Diese Beurteilung ist zu hart. Er hatte einfach keinen Einfluss auf das Spiel und war bloss ein Mitläufer. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Er stürmte in der dritten Angriffsreihe neben Nicolas Gay (22) und Pierre Mathez (22) und ging mit einer Minus-2-Bilanz vom Eis. Er bekam regelmässig Eiszeit, drei Mal auch im Powerplay. Hiesse er Fritz Meier oder Otto Müller, wäre er bei gleicher Leistung gar nicht beachtet worden und möglicherweise bei Spielmitte unter der Wolldecke verschwunden.

Kevin Lötscher ist im Vergleich zu seinem letzten Ernsteinsatz am 9. Mai 2011 gegen die Amerikaner, als er der beste Schweizer Stürmer mit Schweizer Pass war, nur ein Schatten seiner selbst und gegenüber sich selbst schonungslos ehrlich. Er sagt: «Ich wusste zeitweise nicht, was ich machen sollte. Es ist alles viel zu schnell gegangen. Ich bin zu wenig explosiv und es fehlt die Koordination.»

Das Programm «Hockeyspielen» wurde gelöscht

Nur in einem Bereich ist er wieder auf dem gleichen Niveau wie vor seinem Unfall: Er hat genug Energie fürs ganze Spiel. «Die Kondition ist nicht das Problem. Ich hatte beim SCB nach dem Sommertraining die zweitbesten Werte.»

Kevin Lötscher ist körperlich also fit. Ja, er sieht gleich aus wie vor gut 16 Monaten, als er sein bestes Hockey gespielt hat. Und doch ist er noch kein Eishockeyspieler. Die Gabe, zu laufen, dabei die Scheibe anzunehmen, gleichzeitig bereits zu ahnen, wo die Gegenspieler, wo die freien Mitspieler sind und dann den genauen Pass zu schlagen, hat er fast gänzlich verloren. Als sei in seinem Kopf ein Computerprogramm namens «Hockeyspielen» gelöscht worden. Er kann die Scheibe ein paar Mal an der Bande behaupten und mit einen Kurzpass weiterleiten – aber sonst laufen Puck und Spiel an ihm vorbei. Auf offenem Eis wirkt er verloren.

Nur Checks bringen Lötscher weiter

Alle im Stadion Schoren (1626 sind gekommen) wissen um die Tragik in seiner Karriere. Wissen, dass er überfahren worden ist und sich nun mit einer bewundernswerten, schier übermenschlichen Willensleistung zurück ins Leben, zurück ins Eishockey gekämpft hat. Und alle wünschen ihm von ganzem Herzen, dass er jetzt auch noch den letzten Schritt zurück ins Hockey-Geschäft, zurück in die NLA schafft. Auch die gegnerischen Spieler denken und fühlen so. Deshalb spielt Kevin Lötscher in dieser Partie sozusagen wie unter einer Käseglocke: Er wird von den Langenthalern in Ruhe gelassen. Keiner checkt ihn richtig, keiner fordert ihn im Zweikampf heraus, keiner provoziert ihn. Ein Hockeystar im Niemandsland zwischen Mitleid und Wirklichkeit.

Auf Dauer geht das so nicht. Sonst verkommt Kevin Lötscher zu einer Art Zirkusattraktion. Eishockey ist der intensivste, härteste Mannschaftsport und Kevin Lötscher wird erst wissen, wo er tatsächlich steht, wenn er wie jeder andere Spieler behandelt wird. Wenn er richtig gecheckt, im Zweikampf herausgefordert und provoziert wird wie jeder andere auch. Wenn seine Leistung genau gleich und unbefangen beurteilt wird wie die seiner Mitspieler. Und vor allem: Wenn er nicht mehr aus Mitleid zum besten Spieler ausgezeichnet wird.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Nicolas Beiner am 15.09.2012 13:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gratulation

    Herr Zaugg Sie schreiben abundzu so einen Mist zusammen! Aber eben nur abundzu! Aber diesen Text ist Genial, sie umschreiben das Schicksal von Herr Lötscher treffenst! Herr Lötscher steht am Anfang seiner zweiten Karriere, und ich hoffe für den schweizer Eishockey, das es eine Erfolgreiche wird!

  • Hockeyspieler am 15.09.2012 09:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Guter Beitrag

    Habe den nicht viel anzufügen, Mitleid hilft Kevin sicher nicht weiter, das braucht er auch nicht. er braucht nur etwas Zeit. Mitläufer in der NLB nach dem Unfall ist eine verdammt gute Leistung. Alles was er jetzt braucht ist Zeit um wieder einen Hockeysinn zu entwickeln. Was die Gegenspieler betrifft, kann ich die Zurückhaltung verstehen. Mit Mitleid hat das kaum etwas zu tun. Eher mit Angst, derjenige zu sein der ihn mit einem Check verletzt und wieder zurück wirft.

  • Simon Wehrli am 15.09.2012 14:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Paralellen

    Mit Andreas Furrer vom EVZ ist es ja ganz ähnlich..!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ueli H. am 16.09.2012 12:30 Report Diesen Beitrag melden

    Er weiss was er will und kann!

    Am besten hilft man ihm, wenn er auf dem Eis behandelt wird wie jeder andere Spieler auch. Dann kommt evtl. auch der Instinkt wieder. Also kein Mitleid sondern Kampf. Alles Gute an Kevin Löscher und Hut ab vor dem Willen den er an den Tag legt. Dieser Wille kann durchaus auch als Bespiel genommen werden, gegen Widrigkeiten allgemein zu kämpfen.

  • Oliver am 15.09.2012 17:04 Report Diesen Beitrag melden

    hoffnung

    es tut mir unendlich leid für lötscher :( ich habe nach dem unfall sofort nicht mehr an seine rückkehr geglaubt, wil aber hier nicht den miesepeter spielen und die hoffnug stirbt zuletzt.

  • Simon Wehrli am 15.09.2012 14:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Paralellen

    Mit Andreas Furrer vom EVZ ist es ja ganz ähnlich..!

  • Mauro Colaianni am 15.09.2012 14:21 Report Diesen Beitrag melden

    Fehl am Platz

    Der härteste Mannschaftssport ist Lacrosse oder vielleicht Football. Aber dieser Fussball auf Eis, der da in der Schweiz gespielt wird, hat doch nichts mit Härte zu tun.

    • Svn Ad am 15.09.2012 17:18 Report Diesen Beitrag melden

      tja...

      du bist hier wirklich fehl am platz!!!

    • Pierre Lang am 15.09.2012 20:57 Report Diesen Beitrag melden

      Wann ....

      .... hast du zuletzt ein NLA Spiel live in der Schweiz gesehen? Vermutlich noch gar nie ... Fussball auf Eis ... da kann ich nur lachen ...

    • T. O'Morph am 15.09.2012 22:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Rugby

      Schon mal was von Rugby gehört?

    • Kritiker am 16.09.2012 09:57 Report Diesen Beitrag melden

      Unrecht hat er nicht

      NHL-Eishockey ist ok, aber was da in der Schweiz gespielt wird hat nicht mehr sonderlich viel mit Härte zu tun. Checks werden kaum fertig gefahren, Intensität ist kaum spürbar und das Eisfeld ist dazu noch breiter. Das lässt zwar die technisch versierten Spieler dominanter werden (was auch eine gute Sache ist), aber es lässt das Spiel halt etwas langsamer und... weicher erscheinen. Wie Fussball halt.

    • Mabu am 16.09.2012 11:47 Report Diesen Beitrag melden

      Typisch!

      Der Herr Colaianni und der Kritiker sind wohl solche die kaum Schlittschuhlaufen geschweige den auf Nationalliganieveau einmal Hockey gespielt haben und solche wollen noch die Härte dieses Sportes infrage stellen, ich war selber Aktiv und heute im Nachwuchs tätig!

    • Kritiker am 17.09.2012 11:49 Report Diesen Beitrag melden

      @ Mabu

      Weit gefehlt, ich bin momentan in der Ausbildung zum Juniorencoach und regelmässiger Stadiongänger in div. Altersstufen, sei es auf der Tribüne oder hinter den Kulissen. Mein letzter Kommentar ist vielleicht etwas ungünstig formuliert. Ich meine mit ihm natürlich NICHT, dass das Schweizer Eishockey ungefähr so hart ist wie Fussball. Was ich sagen wollte, ist, dass das Schweizer Eishockey, verglichen mit dem NA-Eishockey, Ähnlichkeiten mit Fussball aufweist. Das Schweizer Eishockey ist extrem tempo- und techniklastig. Die Physis hingegen ist bei uns verpönt, wenn nicht gehasst (z.B. Forster).

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  • manu r. am 15.09.2012 13:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    mein beileid

    tönt nicht danach, dass er's nochmals schaffen würde. tut mit sehr leid für kevin lörtscher. das leben kann sich von einer auf die andere sekunde dramatisch ändern. damit rechnet niemand, aber treffen kann's jeden...:-(

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