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Roman Josi
08. Februar 2012 14:25; Akt: 08.02.2012 15:27 Print
Ein Berner Hockey-Profi unter Rednecks
von Jürg Federer, USA - Roman Josi ist ein Eishockey-Verteidiger mit Stürmerblut, der eigentlich immer Fussball spielen wollte. Nun holt er in der Country-Hauptstadt Nashville einen fetten Zahltag ab.

Roman Josi ist definitiv in der NHL angekommen. (Bild: Keystone)
Die Nashville Predators haben in dieser Saison bereits ihren Rekord an ausverkauften Heimspielen egalisiert. Dabei ist erst gut die Hälfte der NHL-Saison gespielt. Nashville ist während der 14 Jahre, in denen es die Predators gibt, zur Eishockeystadt geworden. Die Menschen kommen in Scharen, vor dem Stadion floriert der Schwarzmarkt mit Tickets, in der Arena ist es laut und unterhaltsam. «Ich habe in den letzten Monaten kein lauteres NHL-Stadion erlebt als das in Nashville», sagt Roman Josi gegenüber 20 Minuten Online.
Bildstrecken Schweizer in der NHL 2011/2012NHL-Topverdiener 2011/12Die Einheimischen aus Tennessee sind sich sicher, dass das Interesse an den Predators seit dem Einzug in den Playoff-Halbfinal gegen Vancouver im letzten Jahr gestiegen ist. Aber würde allein Erfolg die Menschen mobilisieren, hätten Dallas oder Anaheim jeden Abend die Bude voll. Beide Teams haben nämlich schon einmal den Stanley Cup gewonnen. Trotzdem kommen nur gut 14 000 Zuschauer pro Spiel, in Nashville sind es über 2000 mehr.
Ein Schwingfest an der Streetparade
Tennessee ist bekannt für seinen Whisky, so wie Anaheim für Disneyland steht. In Tennessee zelebrieren die Menschen Cowboy-Traditionen und Nashville ist die Hauptstadt dieser Folklore. «Music City» wird die Heimat von Roman Josi genannt. Aus jeder Bar ertönt Livemusik, die Stadt lebt von Tonstudios, Kamerateams, die die Country-Stars filmen und vom Geld der Musiker, die es zu Reichtum und Ruhm gebracht haben. Sie wohnen im Westen der Stadt in Schlössern wie Elvis und werden verehrt wie Götter. Die Predators haben es verstanden, in diesem eishockeyfremden Umfeld Freunde zu finden. Ein Eishockeyspiel in Nashville ist, als würde man zu einem Country-Konzert gehen und zwischen den Songs wird Eishockey gespielt. Die Pausenunterhaltung, die Animation nach einem Tor und die Prominenz im Stadion, alles entspringt der Welt des amerikanischen Ländlers. Es ist, als würde das nationale Schwingfest an der Zürcher Streetparade stattfinden und alle feiern mit. «Man merkt an jeder Strassenecke, dass hier die Musik regiert», sagt Josi. Der Berner hat auf seinem iPod keine Countrysongs laufen, «aber wir können nie in den Ausgang gehen, ohne Country zu hören».
Im Sommer vor seiner ersten NHL-Saison musste Josi einen speziellen Zettel ausfüllen. «Alle Spieler der Mannschaft haben einen Denksport-Test gemacht, wo wir uns Wörter und Formen merken mussten. Als ich dann in der Saisonvorbereitung mit Verdacht auf eine Hirnerschütterung ausgefallen bin, musste ich den Test wiederholen. Anhand der Resultate konnten die Ärzte sofort feststellen, ob mein Gehirn richtig funktioniert.» Josi hat den Test nicht bestanden, die Diagnose Hirnerschütterung verzögerte seinen NHL-Traum. «Damals war ich sehr enttäuscht, doch auf einmal ging alles sehr schnell», sagt Josi. Seit bald drei Monaten spielt er in der NHL, zuerst sehr gut, dann etwas schlechter und seit einiger Zeit so gut wie noch nie. «Wenn man in die NHL geholt wird, ist man euphorisch und alles läuft wie am Schnürchen. Nach einer gewissen Zeit ist die Euphorie weg und da hatte ich dann einige Partien, in denen es mir nicht so gut lief.»
«Abräumen ist nichts für mich»
Mittlerweile gehört Josi zu den vier Top-Verteidigern der Predators, Headcoach Barry Trotz prophezeit Josi eine grosse Zukunft. «Er hat das Potenzial, zu einem der besten Spieler dieser Liga zu reifen», sagt er gegenüber 20 Minuten Online. «Und ich will natürlich, dass er dann immer noch in Nashville spielt.» Josi hat als Junior beim SC Bern als Stürmer gespielt und so wie man Fahrradfahren nie verlernt, hat der Verteidiger auch heute noch Stürmerblut in sich. «Es zieht mich oft nach vorne», gibt er zu, so hat man Josi auch im Kader des SC Bern erlebt. «Ich bin kein kräftiger Eishockeyspieler, hinten stehen und Abräumen ist nichts für mich», sagt er. Der SC Bern hat ihm einst 3000 Franken Monatslohn bezahlt. «Das war schon damals ein gutes Salär, weil ich ja noch bei meinen Eltern gewohnt habe.» Jetzt, fünf Jahre später, bezahlen ihm die Nashville Predators mehr als 10 000 Dollar für jedes einzelne NHL-Spiel. Das ist etwa gleich viel wie Christian Dubé in seinen besten SCB-Jahren verdient hat.
Heute spielt Josi nicht mehr mit Dubé gegen Reto und Jan von Arx, sondern gegen Daniel und Henrik Sedin. Headcoach Trotz traut dem Schweizer neuerdings zu, auch gegen Weltstars auf dem Eis zu stehen. Am Mittwoch in Nashville verteidigte Josi gegen Henrik Sedin. Dem Superstar der Vancouver Canucks gelang, wenn Josi auf dem Eis stand, kein Skorerpunkt. Josis Linie hingegen erzielte gegen den Schweden ein Tor. «In Vancouver habe ich noch gegen beide Sedin-Brüder verteidigt», sagt Josi. «Die sind unglaublich, sie spielen blinde Pässe wie sonst kein Sturmduo. Mit meinem Bruder funktioniert das nur in der dritten Liga.» Josis Bruder Yannick hat ihn einst im Alter von vier Jahren zum SC Bern gebracht. «Eigentlich habe ich lieber Fussball gespielt und ich weiss bis heute nicht, weshalb ich im Alter von zehn Jahren damit aufgehört habe.»
Vielleicht hätte es Josi im Fussball bis zum BSC Young Boys geschafft, aber viel eher würde er heute irgendwo auf der Welt als kaufmännischer Angestellter «bügle» und beim FC Bern in der zweiten Liga vor viel weniger Zuschauern «schüttele» als in Anaheim oder Dallas zu einem Eishockeyspiel kommen.
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