«The time is now»

24. Januar 2010 18:04; Akt: 03.02.2010 13:13 Print

Hockeyanerin schreibt Schweizer Olympia-Song

von Monika Brand - Keine drei Wochen geht es mehr - und dann wird in Vancouver das Olympische Feuer entzündet. Das Schweizer Team wird dort auf seiner Medaillenjagd von einem speziellen Olympia-Song begleitet - getextet von Eishockey-Nati-Captain Kathrin Lehmann.

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«The time is now» handelt vom berühmt-berüchtigten Tag X, an dem ein Sportler seine volle Leistung abrufen können muss. Der Tag X, vor dem sich so manch einer auch ein wenig fürchtet, sich aber dennoch darauf freut. Lehmann beschreibt ihn ihrem Text die Vorfreude, aber auch die Angst zu versagen. Und kommt zum Schluss: Mit Herz und Leidenschaft geht alles gut.

Die Zürcherin weiss, auf was es an einem Tag X ankommt. Seit über 15 Jahren spielt sie parallel Eishockey und Fussball - auf allerhöchstem Niveau. Zwischenzeitlich war Lehmann sogar in beiden Schweizer Nationalteams vertreten. Aktuell jagt Lehmann beim schwedischen Meister AIK Solna dem Puck nach und hütete zuletzt im Fussball das Tor des deutschen Bundesligisten FCR Duisburg. Wegen den Olympischen Spielen setzt sie allerdings momentan nur auf die Karte Eishockey.

«Entweder der Text oder der Rhythmus ist schlecht»

Den Olympia-Song (Hörprobe rechts unten) hat sie geschrieben, nachdem ihr ehemaliger Eishockey-Nationaltrainer sie gefragt hatte, mit welcher Musik sie sich denn jeweils mental auf ein Spiel vorbereite. «Die gibt es leider nicht», war die Antwort der Torjägerin, die aktuell mit 92 Toren und 64 Assists in 185 Länderspielen zu Buche steht. «Entweder ist der Rhythmus schlecht oder der Text.» Da brachte der Coach Lehmann auf die Idee, einen eigenen Songtext zu schreiben, und vernetzte sie mit der Musikerin Karin Meier (Kaja Music). «Verrückt und abenteuerlustig wie ich bin, habe ich mich darauf eingelassen», so Lehmann.

Ende Juli war der Text fertig, daraufhin stellte der bekannte Schweizer Komponist Paul Etterlin die richtige Musik zu den Worten der Sportlerin zusammen. Es folgten Tonaufnahmen im Studio, bei denen auch Kathrin Lehmann und weitere Teammitglieder der Schweizer Frauen-Eishockey-Nationalmannschaft zum Mikrofon griffen. Das Resultat lässt sich hören: Ein rockiger Song mit einer gängigen Melodie, der die Schweizer Sportlerinnen und Sportler in Vancouver zu Höchstleistungen antreiben soll.

20 Minuten Online hat kurz nach Abschluss der Tonaufnahmen mit Kathrin Lehmann gesprochen.

Sie haben den Song «The time is now» geschrieben, weil es für Sie bisher keine passende Musik gab. Haben Sie deshalb bisher auf Musik vor einem Spiel verzichtet?
Kathrin Lehmann:
Nein, nein. Ich höre immer Musik. Meistens jedoch klassische. Es beruhigt mich vor den Spielen und ich schöpfe Kraft daraus. Aber manchmal habe ich auch Lust auf etwas «Fätziges» wie Coldplay oder Tina Turner.

Und nun hören Sie nur noch Ihren eigenen Song?
(Lacht.) Keine Angst, ich höre den Song nicht permanent – aber ab und zu schon. Ich bin sehr stolz auf das Lied und finde, dass wir alle das super hinbekommen haben. Wenn man ihn so richtig aufdreht, dann «fägts» schon.

Haben Sie vorher schon einmal einen Songtext geschrieben?
Nein. Darum habe ich dieses Abenteuer auch sehr gerne angenonmmen. Ich schreibe sehr gerne und viel – ich habe nicht zuletzt deshalb Germanistik studiert. Mir liegt es, Emotionen zu beschreiben und über Erlebtes zu berichten.

Wie haben Sie diese «Premiere» mit dem ganzen Drumherum erlebt?
Es war unglaublich spannend. Am meisten war ich gespannt auf die erste Komposition. Wie würde Paul Etterlin meine Worte umsetzen, trifft er den Rhythmus, eine gute Melodie? Ich war schon ein wenig nervös, als ich die Urmelodie das erste Mal hörte. Aber ich war sehr begeistert – vor allem als ich dann erfahren habe, was der Produzent, Bernie Staub, noch alles daraus machen kann. Da konnte ich meinen Wünschen und Fantasien freien Lauf lassen. Wirklich interessant war dann auch das Einüben des Singens selber. Karin Meier hat mir aufgezeigt, wie man mit der Schärfe der Tonlage und der Rhythmisierung den Song total unterschiedlich singen und somit interpretieren kann. Jeder Baustein hat sozusagen den Song mehr geformt. Damit hätte ich nie gerechnet – ich dachte: Komposition, Singen fertig. Aber dem ist nicht so.

War es für Sie schwer, die passenden Worte zu finden?
Nein, überhaupt nicht. Ich verarbeite praktische alle Emotionen und Erlebnisse in dem ich sie niederschreibe. Ich habe den Text sehr lange im Kopf gehabt und ihn dann im richtigen Moment in einem Guss niedergeschrieben. Ich hatte während drei Wochen immer ein Blatt Papier und einen Stift zur Hand – ich wusste einfach, dass ich bis zum 31. Juli den Text schreiben muss. Am 27. Juli abends auf einer Bank im Freien entstand dann der Text.

Sie beschreiben im Songtext auch die Angst zu versagen. Sprechen Sie da aus eigener Erfahrung? Welcher?
Ja, sicher. Ich habe schon so ziemlich alles erlebt im Sport. Entscheidende Spiele verloren, entscheidende Spiele «mitvergeigt». Aber eigentlich ist die Herausforderung selbst, dass man zeigt, wofür man geübt und trainiert hat, der eigentliche Kick. Auch wenn man felsenfest überzeugt ist, so gibt es immer dieses eine blöde Restprozentchen, das einen einen kurzen Moment hinterfragt, ob es denn auch reicht, ob man gut genug ist. Und je nachdem wie nervös man ist, wird aus dem einen Prozentchen plötzlich mehr - oder man kann es sogleich ausradieren.

Im Lied gewinnen aber schliesslich das Herz und die Leidenschaft Überhand. Ist das das Erfolgsrezept für Sportler?
Ja, absolut. Auch wenn Taktik und gute Vorbereitung auch sehr wichtig sind, so kann im Sport immer wieder etwas Unvorhergesehenes eintreten – schiesslich spielt man ja gegen einen Gegner, der auch gewinnen will. Und wenn es hart auf hart kommt, dann wird sich derjenige durchsetzen, der mit seinem ganzen Herzen dabei ist und aus der Leidenschaft für den Sport und sein Team den letzten Schweisstropfen herauswringt, um am Ende erfolgreich zu sein. Auch wenn es vielleicht einmal knapp nicht reicht, so kann man sich nichts vorwerfen, so lange man mit jedem Herzschlag seine volle Aufmerksamkeit dem Spiel widmet.

Wie bereiten Sie sich auf einen Tag X vor?
Für mich ist es sehr wichtig, dass ich genügend schlafe. Ich bin gerne alleine, dann kann ich am besten alles um mich herum abschalten und in mich hineinfühlen, was ich brauche. Brauche ich zum Beispiel ruhige Musik? «Fätzige» Musik? Oder eine Tafel Schokolade?

Was war bisher Ihre grösste Herausforderung im Sport?
Ich denke, dass die grösste Herausforderung es immer war, sowohl im Fussball als auch im Eishockey auf einem Toplevel zu agieren.

Sie sind Ihre ganze Karriere lang «zweigleisig» gefahren. Bestand da nie die Gefahr, entweder im Fussball oder im Eishockey zu «entgleisen»?
Nein. Weil ich sehr bewusst mit dieser Doppelgleisigkeit umgehe. Ausserdem spielen mir meine zwei unterschiedlichen Postionen (Sturm im Eishockey, Tor im Fussball, Anm. d. Red) in die Karten. Wäre ich im Fussball Feldspielerin, so wäre diese Doppeltätigkeit nie möglich. Es ist alles eine Frage des bewussten Umgangs, der Kommunikation zwischen allen Beteiligten sowie der Oranisation. Und dadurch, dass ich das die letzten 15 Jahre gemacht habe, ist es für mich mittlerweile auch Alltag. Es ist wie bei einer Dolmetscherin: Sie muss auch zwei Sprachen können – und entgleist dabei auch nie.

Die Doppelbelastung ist sicher nicht nur körperlich sondern auch mental enorm. Wie gehen Sie damit um?
Ich habe bereits mit 14 Jahren begonnen mich mit diesem ständigen Wechsel auseinanderzusetzen, als ich beide Sportarten auf internationaler Ebene zu spielen begann. Ich hatte sicherlich das Glück, dass ich früher noch nicht so im Rampenlicht stand wie heute. Ich konnte also über mehrere Jahre lernen wie ich mit welchen Situationen umgehe, wie ich in welchen Momenten reagiere. Ich mache sehr viel autogenes Training und Entspannungsübungen. Und dadurch, dass ich meine Erlebnisse immer niederschreibe, finde ich darin eine erste Form der Verarbeitung. Ich glaube, dass meine mentale Stärke und meine Leidenschaft die Grundsteine für meine Erfolge sind.

Sie haben 1999 im Fussball und 2001 im Eishockey als eine der ersten Schweizer Frauen den Sprung ins Ausland gewagt. Was hat Sie dazu bewogen?
Ich wollte mich weiterentwickeln. 1999 gewann ich mit dem FC Schwerzenbach im Fussball die Schweizer Meisterschaft, ich war die Nummer 1 in der Schweiz und wurde zur Schweizer Fussballerin des Jahres gekürt. Ich brauchte dann einfach etwas Neues. So kam der Schritt zuerst in die deutsche Bundesliga, dann in die USA und schliesslich nach Schweden. Das Eishockey ist sozusagen immer dem Fussball gefolgt. Nur mein Schritt nach Schweden war wegen dem Eishockey. Dort habe ich das erste Mal den Fussball «mitgenommen».

Wäre eine Karriere wie Sie sie bis jetzt gelebt haben in der Schweiz überhaupt möglich gewesen?
Leider nein. Nicht in den letzten zehn Jahren. Auch in der Zukunft muss sich noch vieles entwickeln in der Schweiz. Aber wir sind auf einem guten Weg sowohl im Eishockey als auch im Fussball. Das Problem ist, dass in der Schweiz Sport überhaupt nicht in der Gesellschaft etabliert ist. Wenn man in der Schweiz sagt, dass man Trainer ist, dann kommt sofort die Frage «Und was machst du sonst noch?» In den USA ist «Coach» ein Begriff wie «Doktor» – und in Schweden sagt man statt «Trainer» oft mals «Lehrer». Und so lange in der Schweiz der Sport nicht von allen getragen wird, ist es für Teamsportarten - und vor allem auch für Frauen-Teamsporarten - schwierig, sich schnell professionell aufzustellen.

Leben Sie momentan vom Sport?
Ja. Ich lebe vom Sport, habe aber mit meinen Mädchen-Fussball-Camps und meinem Frauen-Eishockey-Camp ein weiteres Standbein aufgebaut.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?
Ich möchte gesund bleiben, damit ich noch lange aktiv sein kann. Gleichzeitig möchte ich aber meine Karriere danach – ich werde ja Ende Februar doch schon 30 – auch aufgleisen. Ich referiere vermehrt in Firmen und organisiere Incentive-Seminare und auch meine Camps werden immer mehr ausgebaut. Alle Projekte, die ich mache, haben mit meinen Erfahrungen im und rund um den Sport zu tun.

Zurück zu Vancouver: Es sind bereits Ihre zweiten Olympischen Spiele. Trotzdem noch nervös – oder ist das für Sie schon Routine?
Olympische Spiele sind etwas ganz Besonderes. Da kann man nicht von Routine sprechen. Vancouver wird sicherlich ein ganz anderes Kaliber als Turin. Trotzdem kann ich natürlich vor allem was die Vorbereitung auf die Spiele anbelangt aus den Erfahrungen von Turin lernen. Ich nehme mir beispielsweise mehr freie Zeit für mich, ehe wir abfliegen. Denn danach sind wir vier Wochen am Stück nonstop zusammen. Und während dieser Zeit gibt es fast keine Privatsphäre.

Ihr bestreitet das Eröffnungsspiel gegen Schweden. Wie bereitet ihr euch auf diesen Tag X vor?
Wir bereiten uns schon die ganze Saison auf diesen Tag vor. Das wichtigste ist, dass wir den Ablauf für das frühe 12 Uhr Spiel (Ortszeit, Anm. d. Red.) mehrere Male durchlaufen, damit wir wissen, welcher Tagesrhythmus der beste ist. Auch was man am besten zum Frühstück ist usw. Und dann heisst es trainieren – und mit Mut und Leidenschaft alles geben.

Was können die Schweizer Eishockeyanerinnen in Vancouver erreichen?
Die Top 6. Das ist unser Ziel.

Und Ihr persönliches Ziel?
Ich möchte an den Olympischen Spielen eine Topleistung bringen und für mein Team da sein. Ich werde mit grösstem Stolz das Dress der Schweiz tragen und wünsche mir, dass wir die eine oder andere Überraschung schaffen. Ich wünsche mir, dass wir ganz viele Herzen für das Schweizer Frauen-Eishockey gewinnen können.