Ihre Story, Ihre Informationen, Ihr Hinweis?
feedback@20minuten.ch 
«Time-out»
23. Januar 2012 11:23; Akt: 23.01.2012 11:50 Print
Warum das KHL-Projekt eine Chance hat
von Klaus Zaugg, Riga - Wie realistisch ist der KHL-Einstieg der «Helvetics»? Betrachtet man Markus Bösigers russisches Abenteuer mit gebührender Skepsis, bleibt eine Erfolgschance von 50 Prozent.

Das offizielle Logo der «Helvetics». (Bild: www.helveticshockey.ch)
-
Die «Helvetics» kommen: Schweizer KHL-Team offiziell bestätigt
-
Projekt «Helvetics»: Diese KHL-Stars könnten in die Schweiz kommen
-
Projekt «Helvetics»: «Wir nehmen dieses Projekt ernst»
-
«Time out»: Verändert sich unsere Hockeywelt?
-
Bald mit Schweizer Team?: Die russische Konkurrenz für die NHL
- Dossiers
-
«Time-Out»
Um die Chancen zu beurteilen, ob es ab 2014/15 ein Schweizer Team in der höchsten russischen Liga (KHL) geben wird, müssen wir sportliche, geographische, historische, infrastrukturelle, juristische, wirtschaftliche und sportpolitische Faktoren berücksichtigen.
Bildstrecken Diese KHL-Stars könnten in die Schweiz kommenNach einem Augenschein und zahlreichen Gesprächen mit den KHL-Granden beim Allstar-Spiel in Riga lässt sich das russische Abenteuer des Immobilien-Unternehmers aus Langenthal zum ersten Mal schlüssig beurteilen.
Zur Historie: Der Drang nach Westen ist ein Teil der russischen Geschichte, der Sauerstoff des russischen Imperialismus und der KHL-Philosophie. Das Fernziel der KHL ist der Zusammenschluss aller eurasischen Hockeykräfte in einer wahrhaft kontinentalen Liga, um endlich auf politische, sportliche und wirtschaftliche Augenhöhe mit der ebenfalls kontinentalen nordamerikanischen NHL zu kommen. Bisher ist die KHL jedoch Richtung Westen noch nicht über Lettland und die Slowakei hinaus gekommen. Ein Team in der Schweiz wäre der Durchbruch.
Zum Geld: Russlands Oligarchen haben unvorstellbar viel Geld. Die Finanzierung eines KHL-Teams in Huttwil ist das kleinste Problem und kann, um die Dimensionen zu zeigen, über die Portokasse eines Konzerns wie Gazprom laufen. Es braucht in einer ersten Phase weder Zuschauer noch Werbung. Dabei spielt es möglicherweise eine Rolle, dass Investitionen in Immobilien oder Sportunternehmen in der Schweiz nicht den gleichen gesetzlichen Regelungen unterliegen wie reine Finanz-Transfers auf eine Bank.
Zur Geographie: Ob in Moskau, Riga, Minsk oder Zürich/Huttwil ist einerlei: Die Charterflüge zu den Spielorten ins ferne Sibirien sind von Huttwil aus halt drei Stunden länger. Huttwil ist nur eine gute Fahrstunde vom internationalen Flughafen Kloten entfernt und besser erreichbar als die meisten KHL-Stadien.
Zur Infrastruktur: Bisher sind alle KHL-Expansionsversuche nach Westeuropa vor allem an der Stadionfrage gescheitert: Es gibt in Westeuropa keine Arenen, die nicht bereits durch Hockeyteams belegt sind. Und diese Teams sind an eine Liga gebunden. Markus Bösiger hat in Huttwil dieses Stadion und er muss aus keiner Liga austreten. In einer ersten Phase könnte er im aktuellen Stadion in Huttwil spielen. Das Gesuch für Ausbaupläne (Volumen 20 Millionen) ist publiziert, ein Projekt für ein neues Stadion gleich nebenan in der Schublade (Volumen 70 Millionen).
Zur Sportpolitik: Es wird bald auf nationaler und internationaler Ebene so viel Energie investiert, um die «Helvetics» zu verhindern, wie die anderen Seite fürs Gelingen aufwendet. Es wäre reichlich naiv anzunehmen, dass die Funktionäre des nationalen und internationalen Hockeyverbandes bzw. der Nationalliga Markus Bösigers KHL-Abenteuer befürworten und fördern werden. Das Gegenteil dürfte der Fall sein.
Nach wie vor ist von unseren Verbands- und Liga-Funktionären keine vernünftige Stellungnahme erhältlich. Weil sich die Verbands-Direktoren und -Angestellten inklusive Präsident bis heute nicht um das Projekt «Helvetics» gekümmert haben. Die offizielle Stellungnahme lautet wortwörtlich so: «Wir haben via KHL-Homepage Kenntnis von einer offenbar getroffenen Absichtserklärung. Wir entnehmen der Information, dass offenbar die KHL eine Partei ist. Wir kennen aber die Partei ‹Helvetics› nicht, zumindest nicht im Detail. Wir haben keine weiteren Informationen und äussern uns daher nicht weiter dazu.» Das ist die in Worte gefasste, schier unglaubliche Arroganz und Ignoranz, gegen die Markus Bösiger ankämpfen muss.
Theoretisch können der nationale und der internationale Verband die «Helvetics» vom hohen Ross herunter holen und durch ein Transfer- und Spielverbot in der Schweiz verhindern. Daher die Arroganz. Praktisch ist das indes nicht so einfach machbar: Russlands Macht im internationalen Eishockey ist viel zu gross und Russlands Eishockey personifiziert KHL- und Gazprom-General Alexander Medwedew. Zudem reiben sich die Anwälte die Hände, wenn einem Spieler die freie Wahl des Arbeitsplatzes untersagt wird.
Zum Sport: Mit der «Homebase Schweiz» wird es kein unlösbares Problem sein, bis 2014 genügend Spieler aus der Schweiz, Europa und Nordamerika zu finden um ein Team aus dem Stand heraus aufzubauen: Die Schwierigkeit der KHL-Teams bei der Rekrutierung von Spielern aus dem Westen ist die fehlende Lebensqualität in Russland. Huttwil wäre sozusagen «KHL-Disneyland». Zumal Absicherungen für ein Betriebsbudget für die ersten drei Jahre im Umfang von 20 Millionen Franken bestehen.
Zur rechtlichen Grundlage: Ein «Fall Xamax» ist bei den «Helvetics» nicht zu befürchten. Denn Alexander Medwedew hat – anders als Xamax-Bösewicht Bulat Tschagajew – nachweislich Geld. Er gehört zu den reichsten Männern der Welt. 2009 stand er auf der Liste der 100 einflussreichsten Menschen des «Time Magazine». Er sitzt im Vorstand des russischen Ölkonzerns Gazprom, ist Präsident der KHL und des Eishockeyklubs St. Petersburg. Mehr noch: Er verkörpert Russlands Eishockey. Allerdings würde es für ein Schweizer Team in der KHL nie eine Rechtssicherheit im schweizerischen Sinne geben: Die Geschäftsgrundlage wird immer das Vertrauen und die Gnade der KHL-Granden sein - und nicht die Kraft, die aus den Buchstaben von Verträgen kommt. Die Chancen stehen gut, dass Markus Bösiger mit seinem «Rumpel-Charme» das Vertrauen seiner russischen Freunde dauerhaft erhalten kann.
Abhängig von Medwedews Willen
Wir sehen also: Wenn KHL-General Alexander Medwedew ein KHL-Team in Huttwil wirklich will, dann wird er es bekommen. Die Frage ist aber auch, ob Markus Bösiger die Geduld, die Kaltblütigkeit und die Zähigkeit aufbringt, um sich gegen alle Widerstände in der heimischen Hockeyszene durchzusetzen. Der eigenwillige und machtbewusste Berner ist ein «Westentaschen-Oligarch» und das Wesen und Wirken von Alex Medwedew dürfte ihm nicht gänzlich fremd sein. Auch wenn das Vermögensverhältnis der beiden Parteien ungefähr eins zu mehreren Milliarden betragen dürfte: Beim Projekt «Helvetics» sind Oligarchen aus Russland und dem Oberaargau sozusagen unter sich. Deshalb stehen die Chancen auf eine Realisierung immerhin bei 50 Prozent. Nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger.
Markus Bösigers Russland-Abenteuer hat nun seit Riga hochoffiziellen Charakter bekommen und Fahrt aufgenommen. Die Dynamik wird nicht einfach zu kontrollieren sein. Selbst wenn alles grandios scheitern sollte – das Wagnis war dieses Abenteuer wohl wert und die Unterhaltung wird so oder so vorzüglich. Selbst Bundesrat Johann Schneider-Ammann aus Langenthal wird es in seinem Amte schwer haben, den Oberaargau so spektakulär über die Landesgrenzen hinaus ins Gespräch zu bringen.
Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»
Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.
«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»
Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.
«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»
Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)
Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?
Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.
-
Alle 234 Kommentare




























Visionäre Idee
Dieses Projekt stellt alles in den Schatten! Wer so etwas auf die Beine stellen kann, dem gehôrt Respekt. Seien wir ehrlich: wer hätte so eine Idee für möglich gehalten? Es zeigt, dass auch in so einer geschlossenen Gesellschaft wie der Eishockeywelt Schweiz Bewegung möglich und notwendig ist. Hey Konkurrenz belebt das Geschäft! Das ist überall so. Auch wenn es für träge Grossklubs heisst, sich und ihr Produkt komplett zu überdenken. Gewinner werden die Fans sein!
Tönt gut
Es ist nicht schlecht, wenn die Schweiz eine Mannschaft in eine Liga von Eishockey begeisteter Länder stellt, da die Schweiz auch ein solches ist. Nur, dummerweise sind KHL-spiele von Prügelorgien durchzogen, wie es selbst für uns Schändlich ist. Ich hoffe die Helvetics lassen sich bloss nicht auf ein solches Niveau herunter und können trotzdem gut Spielen!
think big
immer diese kleinkarierte denkensweise der Schweizer, hey THINK BIG! Geld haben wir ja genug ;-)