«Time-out»

07. Dezember 2012 17:09; Akt: 08.12.2012 08:59 Print

Wie die Kanadier ihre Seele verkauft haben

von Klaus Zaugg - Immer noch kein NHL-Hockey in Nordamerika. Die Kanadier büssen dafür, dass sie ihre Seele verkauft haben. Es ist vergleichbar damit, wie wenn Deutsche über den Schwingsport entscheiden müssten.

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Warum können in den anderen grossen nordamerikanischen Sportarten (Basketball, Baseball, Football) die Differenzen zwischen Klubbesitzern und Gewerkschaft in nützlicher Frist bereinigt werden – aber im Eishockey nicht? Warum hat das Eishockey bereits einmal eine ganze Saison wegen des Arbeitskampfes verloren (2004/05) und alle anderen Sportarten hingegen noch keine?

Umfrage
Glauben Sie, dass die in der NHL diese Saison noch gespielt wird?
21 %
23 %
56 %
Insgesamt 1744 Teilnehmer

Die Antwort ist gar nicht so schwierig zu finden. Im Football, Basketball und Baseball brummt das Geschäft. Im Eishockey nicht. Das zeigen uns ein paar Kennzahlen (in Dollar, geschätzt).

MLB (Baseball)
30 Teams
Saisonumsatz: 7,7 Milliarden
Spieler pro Team (Roster): 25
Durchschnittslohn: 1,3 Millionen
Zuschauer pro Spiel: 29'900
Kosten pro Spiel für den Fan*: 145 Dollar.
Durchschnittlicher Wert eines Teams: 60 Millionen

NFL (Football)
32 Teams
Saisonumsatz: 9,5 Milliarden
Spieler pro Team (Roster): 45
Durchschnittslohn: 1,2 Millionen
Zuschauer pro Spiel: 67'400
Kosten pro Spiel für den Fan*: 303 Dollar
Durchschnittlicher Wert eines Teams: 1,1 Milliarden

NBA (Basektball)
30 Teams
Saisonumsatz: 4,3 Milliarden
Spieler pro Team (Roster): 15
Durchschnittslohn: 3,5 Millionen
Zuschauer pro Spiel: 17'200
Kosten pro Spiel für den Fan*: 277 Dollar
Durchschnittlicher Wert eines Teams: 393 Millionen

NHL (Hockey)
30 Teams
Saisonumsatz: 3,3 Milliarden
Spieler pro Team (Roster): 23
Durchschnittslohn: 2,2 Millionen
Zuschauer pro Spiel: 17'400
Kosten pro Spiel für den Fan*: 274 Dollar
Durchschnittlicher Wert eines Teams: 240 Millionen.

*Kosten für den Fan: Der Betrag enthält die Kosten für den Spielbesuch einer vierköpfigen Durchschnittsfamilie für 4 Tickets in der günstigsten Kategorie, Getränke, Verpflegung und Parkplatzgebühr etc. Falls überhaupt Tickets erhältlich sind.

NHL zahlt zu hohe Löhne

Daraus ist ersichtlich: Die NHL macht zu wenig Umsatz und bezahlt zu hohe Löhne. Der Grund dafür: Baseball, Football und Basketball decken den ganzen US-Markt ab und kassieren deshalb viel mehr Geld aus nationalen TV-Verträgen in den USA. Die NHL ist nach wie vor in starke lokale Märkte (Kanada, US-Ostküste) aufgesplittert und kommt nicht im gleichen Ausmass an die nationalen TV-Honigtöpfe heran. Die höheren Umsätze der anderen Liga resultieren aus den höheren TV-Einnahmen.

Gary Bettman hat eine auf den ersten Blick geniale Strategie entwickelt und seit seinem Amtsantritt am 1. Januar 1993 im Auftrag der Teambesitzer umgesetzt: Expansion in den Süden der USA («Sunbelt»). Wie eine Restaurantkette, die ein paar gute Restaurants hat und nun einfach die Anzahl Restaurants mit Neueröffnungen in vermeintlich guten Märkten erhöht.

Zu viele Teams schreiben rote Zahlen

Die NHL hat unter Bettman von 24 auf 30 Klubs expandiert (1967: 6 Teams). Die NHL hat den Süden der USA erobert und sogar Teams aus Kanada in den Süden der USA verpflanzt. Der Umsatz ist unter Bettman von 440 Millionen auf 3,3 Milliarden gestiegen. Der Durchschnittslohn der Spieler von 120'000 auf 2,2 Millionen Dollar. Das Problem: Zu viele Teams in den USA verlieren Geld. Insgesamt schreiben 18 von 30 Teams rote Zahlen. Während in den traditionellen kanadischen Märkten Geld gedruckt wird (Toronto verdient pro Saison rund 50 Millionen) sind etwa die Phoenix Coyotes pleite gegangen und wurden auch letzte Saison von der NHL betrieben damit sie nicht aus der Liga fallen.

Mit dieser Expansion unter Gary Bettman haben die Kanadier ihren Nationalsport und damit ihre Seele an die Amerikaner verkauft. Eishockey wird heute mehr denn je durch amerikanische Kapitalisten kontrolliert. Der Hauptsitz der Liga ist längst von Toronto nach New York verlegt worden. Das erfahren die Kanadier jetzt auf ganz bittere Art und Weise: Weil zwei amerikanische Rechtsanwälte keine Lösung finden (Liga-General Gary Bettman und Gewerkschaftsboss Don Fehr) wird kein NHL-Hockey gespielt.

Wie wenn Deutsche übers Schwingfest entscheiden würden

Mit ziemlicher Sicherheit hätten zwei Kanadier in der gleichen Position längst eine Lösung gefunden. Das ist ungefähr so, wie wenn zwei Deutsche Rechtsanwälte bei Streitigkeiten zwischen dem Schwingerverband und den Schwingern eine Einigung finden sollten, dazu nicht in der Lage sind und deshalb das Eidgenössische Schwingfest nicht durchgeführt werden kann.

Eishockey hat damit in den USA das gleiche Problem wie in Europa. Das Eishockeygeschäft brummt in einigen Ländern in Skandinavien, Osteuropa und Mitteleuropa – aber in den riesigen TV-Märkten im Süden und damit im Gesamtmarkt Europa hat es keine Chance. Eishockey bleibt auch in Europa ein regionales Geschäft. Alle Versuche, einen europäischen Klubwettbewerb zu schaffen um an die TV-Honigtöpfe heranzukommen, sind gescheitert. Genauso wie es nicht gelungen ist, Eishockey im Süden der USA fest zu verankern.

Nur ein Weg bleibt: Lohnkosten müssen runter

Die Teambesitzer haben kurzfristig nur eine Möglichkeit, die Verluste zu reduzieren: Die Lohnkosten müssen runter. Zuletzt machten die Spielersaläre 57 Prozent der Einnahmen aus. Die Liga wollte den Anteil ursprünglich auf 43 Prozent drücken. Nun ist sie bereit, im Verhältnis 50:50 mit den Spielern zu teilen. Die Spielerlöhne sind in der heissen Phase der Expansion in den 1990er Jahren zu stark angestiegen. Diese Entwicklung ist im Sommer 2005 durch die Einführung einer Lohnobergrenze erstmals wirkungsvoll korrigiert worden (die Spieler willigten erst nach der Absage der Saison 2004/05 in die Salärobergrenze ein). Und nun wird im neuen Gesamtarbeitsvertrag erneut eine Korrektur der Löhne angestrebt.

Dagegen wehrt sich die Spielergewerkschaft mit allen Mitteln. Und riskiert mit der unnachgiebigen Haltung letztlich den Verlust von Arbeitsplätzen: Unter den aktuellen Geschäftsbedingungen ist nicht mehr auszuschliessen, dass die NHL mittelfristig mehrere Teams verlieren wird.

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