Di Matteos schwarzer Abend

21. November 2012 08:59; Akt: 21.11.2012 09:37 Print

«Das muss nicht ich beantworten»

Die schwache Darbietung von Chelsea bei Juventus dürfte Roberto Di Matteos Ende bei den Blues bedeuten. Selbst der Italo-Schweizer wirkt resigniert. Ein möglicher Nachfolger steht anscheinend bereit.

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Roberto Di Matteo wurde am 29. Mai 1970 in Schaffhausen geboren. Die grosse Leidenschaft des italienisch-schweizerischen Doppelbürgers war und ist der Fussball. Die zweitschönste Nebensache der Welt hat ihn nie mehr losgelassen. Begonnen hat die Karriere des Mittelfeldspielers beim FC Schaffhausen, wo er zusammen mit Joachim Löw, dem heutigen deutschen Bundestrainer, und unter Trainer Rolf Fringer spielte. Nach drei lehrreichen Jahren beim FCS wechselte Di Matteo zum FC Zürich, wo er allerdings nur eine Saison blieb. Sein ehemaliger Trainer Rolf Fringer holte ihn 1992 nach Aarau. Als «Chefdenker» und Libero führte Di Matteo den FCA 1993 sensationell zum Schweizer Meistertitel. Die Schweiz war jedoch zu klein für den talentierten «Robi». Nach nur einem Jahr in Aarau folgte der Wechsel zu Lazio Rom, wo er auch zum italienischen Nationalspieler reifte. Insgesamt spielte Di Matteo 34-mal im Trikot der «Squadra Azzurra». Nach einem Zerwürfnis mit Lazio-Trainer Zdenk Zeman folgte im Sommer 1996 der Wechsel zum FC Chelsea. Bei den «Blues» war Spielmacher Di Matteo zusammen mit Gianfranco Zola der Drahtzieher im Mittelfeld. Unvergessen sein Tor nach nur 43 Sekunden im FA-Cup-Final 1997 gegen Middlesborough. Zwei FA-Cupsiege und und den Erfolg im damaligen Cup der Cupsieger durfte Di Matteo im «Blues»-Dress bejubeln. Im Sommer 2000 endete Di Matteos Karriere als Aktiver abrupt. Im Uefa-Cup-Spiel gegen den FC St. Gallen im Zürcher Hardturm zog er sich einen dreifachen Beinbruch zu. Nach einer achtjährigen Pause vom Fussball stieg Di Matteo ins Trainergeschäft ein. Nach dem englischen Drittligisten Milton Keynes Downs übernahm er 2009 West Bromwich Albion und führte die «Baggies» gleich in seinem ersten Jahr in die Premier League. Nach einer erfolglosen Phase wurde der Schaffhauser aber im Dezember 2010 entlassen. Ein halbes Jahr später kehrte Di Matteo zu «seinem» FC Chelsea zurück. Als Assistent des portugiesischen Hoffnungsträgers André Villas-Boas kümmerte er sich vor allem um die taktische Schulung im Training. Nach der Entlassung von Villas-Boas wurde Di Matteo am 4. März 2012 ad interim zum Cheftrainer befördert. In der Premier League konnte er die «Blues» nicht ganz zurück auf Kurs bringen. Rang 6 ist für den Londoner Klub mehr als eine Enttäuschung. Dafür sorgte Di Matteo in der Champions League für Furore. Im Halbfinal eliminierte das alternde Starensemble um Drogba, Terry und Lampard den haushohen Favoriten Barcelona vor allem dank einer taktischen Meisterleistung des Trainers. Anfang Mai durfte Di Matteo seinen ersten Titel als Trainer bejubeln. Chelsea siegte im FA-Cup-Final gegen Liverpool mit 2:1. Am 19. Mai 2012 der Meilenstein schlechthin in Di Matteos Karriere: Im Champions-League-Final bezwingt er mit Chelsea Bayern München im Penaltyschiessen und sorgt für den grössten Erfolg in der Vereinsgeschichte der «Blues». Ob der Interimstrainer allerdings weiterhin an der Seitenlinie der Engländer bleiben darf, ist trotz dem Titel ungewiss. Roberto Di Matteo wird für seine Erfolge mit den «Blues» belohnt. Er unterschreibt am 13. Juni 2012 einen Zweijahresvertrag. Am 21. November 2012 wird Di Matteo allerdings bereits entlassen. Vier sieglose Partien in der Premier League und das desolate 0:3 bei Juventus Turin waren zu viel. Chelsea steht damit als erster Titelverteidiger der Königsklasse vor dem Ausscheiden in der Gruppenphase.

Die Karriere von Roberto Di Matteo.

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«Ich bin verantwortlich für das Resultat und die Darbietung. Es war ein schlechter Abend und wenn jemand dafür die Schuld trägt, dann bin ich das.» Wer so etwas nach einer derart uninspirierten Leistung seines Teams sagen muss, der hat eigentlich schon verloren. So anscheinend auch in diesem Fall. Die Worte stammen von Roberto Di Matteo nach dem 0:3 bei Juventus Turin. Ein Gefühl der Machtlosigkeit muss ihn überrannt haben.

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Machtlos dürfte der Italo-Schweizer – im Mai noch hochgejubelter Champions-League-Sieger – auch in den nächsten Tagen sein, wenn über seine Zukunft entschieden oder zumindest heiss diskutiert wird. Fest im Sattel sitzt der Schaffhauser schon seit einigen Wochen nicht mehr. Ex-Barca-Trainer Pep Guardiola soll spätestens im Sommer kommen, so der Wunsch von Chelsea-Boss Roman Abramowitsch. Jetzt wird wohl vorher gehandelt.

Englische Medien spekulieren, dass Rafael Benitez bis Ende Saison übernehmen soll, falls Guardiola weiterhin an seiner Auszeit festhält. Benitez ist seit dem Abgang bei Inter 2010 ohne Job, gilt jedoch weiterhin als Toptrainer – und versteht sich gut mit Stürmer Fernando Torres. Dieser ist bei Di Matteo in Ungnade gefallen und stand auch gegen Juventus nicht in der Startformation.

«Das muss nicht ich beantworten»

Benitez war schon im Februar Kandidat bei Chelsea, als Andre Villas-Boas entlassen wurde. Damals sagte er ein kurzfristiges Engagement ab – Di Matteo wurde zum Cheftrainer befördert. Würde der Spanier den Blues erneut einen Korb geben, wäre gar Avram Grant ein Kandidat für die Zwischenlösung, bis Guardiola im Sommer kommen soll.

Di Matteo liess sich fast eine Stunde Zeit, bis er zur Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Juventus erschien. Ob er vorher bei seinem Chef Abramowitsch antraben musste? Das wollte er nicht kommentieren. Trotzdem wirkte der Italo-Schweizer geknickt. «Ich bin noch hier und soweit ich weiss, werde ich weiterarbeiten.»

Chelsea droht als erster Titelverteidiger der Königsklasse schon in der Gruppenphase auszuscheiden. Retten kann Di Matteo im Moment wohl nur ein Sieg gegen Manchester City am Wochenende – falls er bis dann im Amt bleibt. Wird er denn am letzten Spieltag der Champions League in zwei Wochen noch da sein? «Ich bin die falsche Person, um dies zu beantworten. Soweit ich weiss schon», so Di Matteo. Und würde er eine Entlassung nach all den Erfolgen in der letzten Saison für richtig halten? «Das muss nicht ich beantworten.»

(fox)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • KvB am 21.11.2012 10:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Chelsea

    Auch Guardiola hat Null-Chancen, mit diesem Saustall etwas zu erreichen. Schade, das Di Matteo nicht schon nach dem CL-Sieg ging. Bei dieser verstrittenen Mannschft kann man nur ganz wenige weiter empfehlen. Dieser Abramowitsch brachte genau die Südrusslandmentalität nach London. Einfach nur grauenhaft. Wie stehen überhaupt die Engländer dazu?

  • Chummera Pesche am 21.11.2012 10:20 Report Diesen Beitrag melden

    Di Matteo der einzig wahre

    Di Matteo trifft sicher keine Schuld. Der Manschaft fehlt es an Willen. Das war letzte Saison noch nicht so weil ein Drogba Terry, Lampard noch eine Willenskraft an den Start legten alle dachten sie scheiden aus gegen Napoli doch die 3 dachten dass nicht und zeigten was sie können. gegen Bayern nachdem 1:0 dachten dies auch alle doch Drogba schaffte den Ausgleich. Die neuen jungen haben nicht das gleiche für chelsea über und kämpfen nicht bis in den tod.

  • vh football am 21.11.2012 10:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    heute ist er weg vom Fenster

    Er wird heute entlassen. Abramo mag diese Niederlagen nicht. und nach dem zaehen hick hack nach der CL Trophy war es das.

  • marianne broennimann am 21.11.2012 09:53 Report Diesen Beitrag melden

    Dier Mannschaften spielen!

    Neuerdings werden laufend Trainer geschasst, aber die Mannschaft spielt und nicht er! So leicht machen es sich die Vereine???Sehr praktisch und teuer!

  • Beni Manser am 21.11.2012 09:45 Report Diesen Beitrag melden

    Wäre ich Abramowitsch, dann...

    ...dann würde ich nicht nur den Trainer entlassen, sondern auch die Spieler, welche gestern am extremsten Arbeitsverweigerung gezeigt haben, zur Strafe an irgendeinen kirgisischen 3.Liga Verein ausleihen. Diese Typen kassieren Millionen für gar nichts!