Zwischenbilanz von Gattuso

08. November 2012 10:40; Akt: 09.11.2012 13:23 Print

«Lebensqualität? 10:0 für die Schweiz»

Seit Gennaro Gattuso beim FC Sion spielt, ist im Wallis die Hölle los. Vor den Medien sprach der Weltmeister über die vielen Trainerwechsel, die Lebensqualität – und seine Sucht nach Fussball.

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Gennaro Gattuso ist im Wallis angekommen.

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Vier Monate spielt der Weltmeister und zweifache Champions-League-Sieger aus Italien nun im Wallis. Interviews war Gennaro Gattuso bisher ausgewichen wie der Teufel dem Weihwasser. Weil sich die Anfragen beim FC Sion inzwischen stapelten, entschied sich der ehemalige Milanista am Donnerstag, im Rahmen einer Medienkonferenz Red und Antwort zu stehen. Der Superstar liess aber lange auf sich warten. Mit 25-minütiger Verspätung trat er total «tranquillo» vor die wartenden Journalisten.

Gennaro Gattuso, Sie sind seit vier Monaten im Wallis. Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?
Gennaro Gattuso: Meine Bilanz fällt positiv aus. Es ist so ziemlich alles so eingetroffen, wie ich es erwartet hatte. Ich und meine Familie fühlen uns wohl hier. Meine Kinder sind hier glücklich und dann geht es mir auch gut. Aber ... (verstummt)

... aber?
Ich habe in meiner zwanzigjährigen Karriere gerade mal zehn Trainer gehabt und hier nun schon drei – in lediglich vier Monaten. Das ist schwierig. Schwierig für die Spieler, den Staff, aber auch für die Fans. Sébastien Fournier habe ich beispielsweise sehr geschätzt und ich bedauere es sehr, dass er nicht mehr beim FC Sion ist.

Wieso? Sie sollen bei seiner Nachfolge doch mitgewirkt haben?

Das habe ich im «Blick» auch gelesen und kann Ihnen versichern, dass das nicht wahr ist. Ich hatte ein gutes Einvernehmen mit Fournier und seine Arbeit auf einem taktisch und technisch hohen Niveau sehr geschätzt. Wir hören uns ja heute noch. Wir haben fast zwei Monate tagtäglich, fast rund um die Uhr, gemeinsam für die Mannschaft gearbeitet. Es war seine und auch die Entscheidung des Vereins. Aber es hat mir weh getan, dass er gehen musste.

Aber wie viel Einfluss nehmen Sie tatsächlich bei Präsident Christian Constantin?
Ich spreche über die Spiele und über Strukturen mit dem Präsidenten. Ich versuche, meine Erfahrung einzubringen und weiterzugeben und meine Verantwortung als Spieler wahrzunehmen. Wir haben eine schlagkräftige Mannschaft, die aber noch nicht ganz «fertig» ist. Es ist eine Mannschaft, die meiner Meinung nach unter den ersten drei klassiert sein sollte.

Und wie schätzen Sie die Schweizer Liga nach nunmehr 16 Runden ein?

Die Meisterschaft ist physisch anspruchsvoll. Es wird mit sehr hohem Tempo gespielt. Leider müssen wir oft vor wenigen Zuschauern spielen. Nehmen Sie das Beispiel am letzten Sonntag. St. Gallen hat ein schönes Stadion, die Atmosphäre wäre so gut gewesen, aber leider haben die Zuschauer gefehlt. Ich bedaure das, denn der Schweizer Fussball ist gut, das sieht man an den Punkten, die Schweizer Teams in den letzten Jahren in der Uefa-Wertung erreicht haben und auch daran, dass viele Spieler im Ausland erfolgreich spielen. Das Niveau ist wirklich sehr gut.

Und wie reagieren die Spieler auf Sie?
Für mich ist Fussball wie ein Krieg – auch wenn dies ein hässliches Wort ist. Ich respektiere jeden Gegner und will niemandem weh tun, aber ich muss voll drin sein, mit vollem Einsatz spielen. Der Spirit, die Winnermentalität muss da sein, und zwar bei der ganzen Gruppe, das macht alles einfacher.

Sie sind in Italien ein Superstar, Weltmeister und zweifacher Champions-League-Sieger. Hat Sie der Erfolg als Mensch verändert?

Ich habe meine Wurzeln nie vergessen, weil ich jetzt wohlhabend und bekannt bin. Ich weiss, woher ich komme. Ich spiele Fussball auch nicht des Geldes wegen. Ich will spielen. Ich liebe diesen Sport mit jeder Faser meines Körpers. Ich bin süchtig nach dem Geruch der Kabinen, dem Duft des Massage-Öls in den Katakomben. Der Sport gibt mir das Adrenalin, das ich im Leben brauche.

Heisst das, dass Sie nach ihrer Spielerkarriere eine Laufbahn als Trainer anstreben? Vielleicht sogar beim FC Sion?
Ich will Trainer werden, ja. Auf jeden Fall will ich es versuchen. Ich habe mich aber nicht mit dem Hintergedanken für Sion entschieden, dass ich hier einmal Trainer werde (lacht). Ich denke, unter Präsident Christian Constantin ist das nicht gerade die einfachste Aufgabe.

Abschliessend eine Frage abseits des grünen Rasens: Wie lebt es sich als Italiener in der Schweiz?
Sehr ruhig. Die Menschen im Wallis sind sehr respektvoll, gut erzogen und freundlich. Ich war unlängst in Bologna. Der Lärm, die Hektik – nach 20 Minuten hat mir der Kopf gebrummt. Die Lebensqualität im Vergleich zu Italien? 10:0 für die Schweiz und damit ist wohl alles gesagt.

(ete)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Pat am 08.11.2012 20:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Respekt vor seiner Leistung

    Einfach nur genial. Wer ihn noch nie hat Spielen sehen, hat was verpasst. Gattuso gibt immer alles, zwar teils am Limit des Legalen teils halt im Legalen. Aber der Einsatz von ihm ist vorbildlich. Hatte ja nicht umsonst den Übernamen "Pitbull" !

  • CH Neider am 08.11.2012 16:46 Report Diesen Beitrag melden

    bald sind auch wir soweit

    Ich säg nur Hopp Schwiz . Bald werden wir unseren ersten Stern nach Hause bringen!

    einklappen einklappen
  • Adrian am 08.11.2012 19:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sehr mutig

    Ist schon sehr mutig Constantin wegen der vielen Trainerwechsel anzugreifen!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Curiglianisi DOC am 09.11.2012 10:31 Report Diesen Beitrag melden

    Grande jennearu!!!

    Für mich der beste Spieler überhaupt, er ehrt ganz Kalabrien :-)

  • Sanggaller am 09.11.2012 07:53 Report Diesen Beitrag melden

    St. Gallen = wenig Zuschauer ??

    Hä was? Wenig Zuschauer bei FCSG-Sion letzten Sonntag? Es waren über 15'000 Leute da und die Stimmung war ausgezeichnet!

    • Sion am 09.11.2012 09:29 Report Diesen Beitrag melden

      wie?

      Das ist auch nicht viel...

    • Patrick Schrofer am 09.11.2012 09:32 Report Diesen Beitrag melden

      83000

      Wenn man sich gewohnt ist in Mailand vor durchschnittlich circa 40000 Fans zu spielen, ausverkauft sogar 83000 sind 15000 nicht der rede wert. sorry.

    • daniel mannhart am 09.11.2012 10:25 Report Diesen Beitrag melden

      serie a

      mehr als die meisten clubs in italien :-)

    • Yannick am 09.11.2012 10:31 Report Diesen Beitrag melden

      viel mehr passen nicht ins stadion...

      @sion st.gallen hat nach basel durchschnittlich wohl am 2. meisten zuschauer (vielleicht noch mit yb) v.a. die zuschauer kommen in st. gallen auch, wenn es dem team nicht läuft nicht so wie in sion, luzern oder zürich und das sage ich als luzerner...

    • hans am 09.11.2012 10:49 Report Diesen Beitrag melden

      80'000

      wenn du in einem stadion gespielt hast, wo 80'000 zuschauer platz haben, sind 15'000 nicht wirklich viel...

    • AlleSGeh am 09.11.2012 11:37 Report Diesen Beitrag melden

      Was?!

      ..., aber mehr wie in so manchen anderen Stadien in der Schweiz! ich würde behaupten, nach Basel und YB haben die St. Galler die meisten Fans!!

    • Bieler am 09.11.2012 11:58 Report Diesen Beitrag melden

      Gattuso

      15000 wiwe beeidruckend. Dies sind ja Eishockey Zahlen. Tut mir Leid, aber dieser Typ spielte Jahrelang bei Milan. Die hatten manchmal schon nur 15000 im Training.

    • Hopper am 09.11.2012 15:12 Report Diesen Beitrag melden

      @Sion

      als Sion-Fan muss man in Sachen Zuscharaufmarsch im Vergleich zum FC St. Gallen schön ruhig bleiben!!

    • R. Steiner am 10.11.2012 10:09 Report Diesen Beitrag melden

      Aufwachen

      Nur Basel, YB und Servette haben ein richtiges Fussballstadion. Der Rest hat nur Sportanlagen, wenn man es mit der 2. Bundesliga oder 3. Bundesliga vergleicht.

    einklappen einklappen
  • Neutral am 09.11.2012 07:09 Report Diesen Beitrag melden

    Zuschauer fehlen in SG?

    Hä, was labert der? Die Zuschauer in SG haben gefehlt? Über 15k bei einer Kapazität von 19k ist ja wohl nicht übel - übrigens wärs das auch bei vielen Vereinen in Italien nicht....

    • soso am 09.11.2012 09:37 Report Diesen Beitrag melden

      stolz verletzt?

      ja 15 mille sind schon ein bisschen karg. in basel hatte es wenigstens 27 mille gegen sion. wo er recht hat, hat er recht (hrhr)

    • P./St. am 09.11.2012 10:47 Report Diesen Beitrag melden

      das ist in der ganzen schweiz soo

      warst du schon in mailand? inter-milan-juve! da gehen die gemüter über in den stadien. das ist ein richtiger kessel. st.gallen ist für die schweiz super, aber für einen gattuso eine stimmung wie an einer beerdigung!

    • Viva Calabria am 09.11.2012 15:26 Report Diesen Beitrag melden

      Forza Gattuso

      Naja, er ist sich halt FCB und YB gewohnt... dagegen sind die anderen Zahlen lächerlich

    einklappen einklappen
  • En Aargauer am 08.11.2012 23:15 Report Diesen Beitrag melden

    Vorbild

    Was Gattuso und das andere ehemalige "Enfant terrible" des italienischen Fussballs Materazzi gemeinsam haben: stammen beide aus ärmlichen Verhältnissen, kämpfen und ackern bis zum Umfallen für Ihren Klub und haben einen Charakterzug den leider nicht viele Fussballer haben: Demut..... hatte vor Jahren das Vergnügen beide kennenzulernen und kannte sie bis dahin auch nur als Fussballer - als Privatpersonen sind sie sogar noch besser.

  • Peter Silie am 08.11.2012 21:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Forza Gattuso!

    Selbst als 100%iger Napoli Fan finde ich Gattuso einen sensationellen Kaempfer und Teamplayer. Schade hat er nie für uns gespielt!