WM-Barrage gegen Nordirland

07. November 2017 14:56; Akt: 07.11.2017 14:56 Print

Nati-Spieler brauchen Krafttraining für den Kopf

von E. Tedesco, Basel - Für die Playoff-Spiele gegen Nordirland müssen die Schweizer Nati-Spieler vor allem im mentalen Bereich in WM-Form sein. Einfach wird das nicht.

Bildstrecke im Grossformat »
Für Vladimir Petkovic ist klar, dass er eine Entscheidung, wie den Penaltypfiff für die Nati in Belfast, akzeptieren würde. Gemeinsam mit dem Nati-Trainer stellten sich Stephan Lichtsteiner (M.) und Granit Xhaka den Fragen der Presse. Fabian Frei hat die Nati wegen eines Todesfalls in der Familie verlassen. Der Rückflug der Nati am Freitagabend aus Nordirland verzögerte sich um mehr als eine Stunde. Dies weil eine Flybe-Mschine in Belfast notlanden musste. Am Schluss landete dann die ganze Truppe gesund wenn auch etwas müde und spät auf heimischem Boden. Die Schweiz ist der WM in Russland einen grossen Schritt nähergerückt. Das Barrage-Hinspiel entschied sie dank einem verwandelten Penalty von Ricardo Rodriguez (r.) in Belfast für sich. Granit Xhaka (Nr. 10) und Denis Zakaria jubeln mit und führten im Mittelfeld eine feine Klinge. Die Szene, die zum Strafstoss führte, war allerdings sehr umstritten und wohl eher nicht elfmeterwürdig. Doch das war der Nati sowie den Fans letztendlich egal. Die Weichen fürs Rückspiel am Sonntag sind gestellt. Xherdan Shaqiri wirkt an der Pressekonferenz etwas skeptisch. Hauptsache, im Spiel am Donnerstagabend weiss er genau, was zu tun ist. Petkovic strahlt viel Ruhe aus. Und Behrami zieht sich bei ungemütlichen Temperaturen warm an. An einer Pressekonferenz in Belfast gibt der SFV kurze Zeit zuvor bekannt, dass Valon Behrami, der selber nicht an der PK teilnimmt, bei der Nati bleibt und nicht zu seinem Verein Udinese zurückkehren wird. Wenig später trainiert der Udinese-Söldner bereits wieder mit den Kollegen und ist bester Laune. Auch die anderen Nati-Spieler zeigen vollen Einsatz. Der angeschlagene Valon Behrami soll zu spät zur Nati eingerückt sein. Sein Verein Udinese verlangt nun die sofortige Freigabe seines Spielers und droht dem Schweizerischen Fussballverband SFV mit rechtlichen Konsequenzen, falls Behrami nicht zurückkehrt oder gegen Nordirland sogar eingesetzt wird. Die Nati landete am Dienstagabend in Belfast. Ein Autogrammjäger will ein Selfie mit Ricardo Rodriguez. Auf gehts nach Nordirland. Vladimir Petkovic (r.) und sein Assistent Antonio Manicone am Flughafen Basel. Steven Zuber, Remo Freuler und Haris Seferovic (v. l.) checken vor dem Abflug ihre Handys. Valon Behrami macht es sich im Flieger bequem. Zuvor gaben Behrami (M.), Seferovic (l.) und Fabian Schär den Medien Auskunft. Vladimir Petkovic, Trainer der Schweizer Nationalmannschaft, zeigt sich an der Pressekonferenz entspannt. Petkovic begrüsst einige Journalisten persönlich. Druck vor dem wichtigen Spiel in Nordirland am Donnerstag scheint der 54-Jährige keinen zu verspüren. Xherdan Shaqiri (r.) und Admir Mehmedi treffen im Hotel Marriott Courtyard in Pratteln BL ein. Breel Embolo kommt mit dem Teambus. Ebenso Yann Sommer (vorne) und Nico Elvedi (links hinten). Granit Xhaka mit pfiffiger Frisur. Valon Behrami weiss noch nicht, ob er wegen seiner Oberschenkelprobleme spielen kann. Captain Stephan Lichtsteiner. Denis Zakaria sieht beinahe wie ein Tourist aus. Steven Zuber (vorne) und Remo Freuler.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Sieg, Sieg, Sieg, Sieg, Sieg, Sieg, Sieg, Sieg, Sieg. Neunmal in Folge haben die Schweizer in der WM-Quali zwischen September 2016 und Oktober 2017 gewonnen. Sie waren Erste, Erste, Erste, Erste, Erste, Erste, Erste, Erste und nochmals Erste. Dann kam die diskussionslose 0:2-Niederlage gegen Portugal – und die Nati war Zweite. Deshalb wartet nun die undankbare Zusatzschlaufe.

Umfrage
Schlägt die Schweiz Nordirland in der Barrage?

Am Donnerstag (ab 20.45 Uhr im Ticker) und Sonntag (ab 18 Uhr im Ticker) wartet der zähe Gegner aus Nordirland, der um jeden Grashalm kämpfen wird. Zu verlieren haben die Briten nichts. Sie waren nie Erste. In der Gruppe mit Weltmeister Deutschland war für sie schon der zweite Platz ein Erfolg. Und sie konnten sich lange auf den Umweg einstellen.

Die falsche Frage

Für die Schweizer präsentiert sich die Ausgangslage vor dem Hinspiel in Belfast ganz anders. Wer nur gewinnt und sein Ziel doch nicht erreicht, muss das erst verarbeiten – auf die Nati wartet Krafttraining für den Kopf. Nur wer Resultate richtig einordnen kann, ist, bleibt oder wird ein grosser Sieger. Aber: In den mindestens 180 Minuten kann die Equipe von Vladimir Petkovic auch alles verlieren.

«Das ist eine typische Situationseinschätzung unserer defizitorientierten Gesellschaft. Man fragt sich sofort, was man alles zu verlieren hat, anstatt: Was kann ich alles gewinnen? Auch in Belastungssituationen soll man von Erfolgsszenarien ausgehen», sagt Alain Meyer, «das heisst, mir muss als Spieler immer bewusst sein, was ich für Kompetenzen und Qualitäten habe, um die Situation erfolgreich zu gestalten.»

Der 40-jährige Bieler muss es wissen. Er selbst war ein mittelmässiger Goalie in der Challenge League bei Biel und Winterthur, der in bestimmten Drucksituationen nicht sein Potenzial abrufen konnte. Wie so viele Fussballer stolperte auch er in die Konzentrationsfalle. Statt sich auf das Wesentliche zu fokussieren, liess er sich ablenken. Meyer ist heute Sportpsychologe mit eigener Praxis in Biel und einem Mandat beim FC Basel. Er unterstützt Spitzensportler, die ihre Leistung optimieren wollen.

Mit Drucksituationen locker umgehen

«Als Nati-Spieler, aber generell als Sportler», erklärt Meyer, «kann ich doch selbst entscheiden, auf wen oder was ich meinen Fokus richte. Es geht letztlich immer darum, was ich beeinflussen kann und was nicht. Konzentriere ich mich auf den Gegner? Auf Schiedsrichter-Fehlentscheide? Auf die Medien? Das hilft nicht wirklich. Die eigene Leistung aber kann jeder beeinflussen und die hat am Ende Auswirkungen auf das Ergebnis.»

Fokussiert bleiben, mit Drucksituationen locker umgehen: Nur die wirklichen Champions beherrschen das. Aber wie? «Beispielsweise mit Bildern im Kopf», so Meyer. «Positive Bilder haben einen Einfluss auf das Gehirn.» Dabei werden Hormone ausgeschüttet und der Körper hat eine völlig andere Energie. Aus psychologischer Sicht ist ein guter Trainer einer, der unter anderem auch in Visionen spricht.

Gehirn kommt nicht mit Adjektiven zurecht

«Der Trainer kann nicht sagen, wir sind heute nicht nervös, denn das Nicht erkennt das Gehirn nicht. Wenn ich mir zum Beispiel sage, ich will nicht nervös sein, dann kreiert es das Wort Nervosität», so Meyer. «Neuropsychologisch ist erwiesen, dass das Gehirn mit Adjektiven nicht zurechtkommt.»

Die erfolgreichsten Athleten sind jene mit den meisten Bewältigungsstrategien (Bilder und vieles mehr) für schwierige Situationen. Wenn eine Mannschaft im Rückstand ist, ruhig bleibt und nicht auseinanderfällt, ist die Wahrscheinlichkeit wesentlich grösser, die Situation besser zu gestalten. Je besser man vorbereitet ist, desto schneller kann man reagieren – oder man gerät gar nicht erst in eine solche Situation.

Mehr als das letzte Resultat

Und doch kam die Nati mit der Niederlage in Lissabon in «eine Situation». Meyer: «Es ist oftmals so, dass man die Mannschaft nach dem letzten Resultat definiert. Aber die Nati ist viel mehr. Sie definiert sich nicht über ihr letztes Ergebnis, sondern über die gesamte Kampagne – und dann hat man eine völlig andere Situationsbewertung.»

«Ich gehe davon aus, aber das ist nur meine Einschätzung aus der Distanz, dass innerhalb der Nati Ruhe herrscht, eine Vertrautheit und ein Plan da sind. Aber nicht nur ein taktischer Matchplan», so der Sportpsychologe, «sondern wie man miteinander umgeht, wie man sich gegenseitig unterstützt, auf Stärken hinweist. Wenn das alles zusammenspielt, bin ich hundertprozentig überzeugt, dass die Nati die Barrage-Spiele souverän runterspielt.»

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Don Logan am 07.11.2017 16:45 Report Diesen Beitrag melden

    Alle für einer, einer für alle

    Nordirland ist ein harter Gegner aber bezwingbar. Die Schweizer Spieler müssen alles geben und noch eine Portion drauf, dann reicht's.

    einklappen einklappen
  • Johnny Schmidt am 08.11.2017 01:21 Report Diesen Beitrag melden

    Einfach herrlich :)

    Was da alles Leute immer über die Nati schimpfen, oder wie Petkovic nicht richtig Deutsch rede (als Tessiner!!!)... und dabei verstehen viele ja selber nicht mal, was 'Krafttraining für den Kopf' bedeutet - im Zusammenhang mit dem Antreten gegen ein Team, dass immer rennt bis zum Umfallen. Ja, ja... was könnte damit bloss gemeint sein? Aber hey, nörgeln darf man immer nur an den Anderen ;)

  • Hectopascal am 07.11.2017 16:22 Report Diesen Beitrag melden

    Gnadenlosigkeit

    Die Iren werden ihre Chance gnadenlos nutzen. Die beiden Spiele werden uns klar aufzeigen, woran UNSER Sport krankt. Die Einstellung stimmt überhaupt nicht, es sind die falschen Spieler an Board.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • EnBWler am 08.11.2017 12:29 Report Diesen Beitrag melden

    Deutschland

    "Wir" haben 3:1 und 2:0 gewonnen. Ihr seid dran ;)

  • Johnny Schmidt am 08.11.2017 01:21 Report Diesen Beitrag melden

    Einfach herrlich :)

    Was da alles Leute immer über die Nati schimpfen, oder wie Petkovic nicht richtig Deutsch rede (als Tessiner!!!)... und dabei verstehen viele ja selber nicht mal, was 'Krafttraining für den Kopf' bedeutet - im Zusammenhang mit dem Antreten gegen ein Team, dass immer rennt bis zum Umfallen. Ja, ja... was könnte damit bloss gemeint sein? Aber hey, nörgeln darf man immer nur an den Anderen ;)

  • Geordie am 07.11.2017 20:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Herz und Lunge

    Krafttraining für den Kopf? Wo will man etwas trainieren, wo nix ist? Training für Lunge und Beine wäre besser. Sonst gibt es eine Katastrophe. Aber alles ein wenig spät für die verwöhnten Schwyzerlis.

  • Mike Zac am 07.11.2017 17:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nati fliegt

    aber ins AUS. Meine Wette ist schon platziert.

    • Swisslos am 07.11.2017 22:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Mike Zac

      Ihre Werte in Ehren , doch manchmal taugen sie wenig , nicht weiter tragisch , eine Provo , mehr nicht

    einklappen einklappen
  • Don Logan am 07.11.2017 16:45 Report Diesen Beitrag melden

    Alle für einer, einer für alle

    Nordirland ist ein harter Gegner aber bezwingbar. Die Schweizer Spieler müssen alles geben und noch eine Portion drauf, dann reicht's.

    • Swisslos am 07.11.2017 20:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Don Logan

      der spielerische und technische vorteil ins mentale vernetzen , umsetzung mit taktischer reife , so gehts

    einklappen einklappen