Die Wahrheit im Handgelenk

13. November 2009 09:39; Akt: 16.11.2009 07:30 Print

Wie alt sind diese Nigerianer wirklich?

von Silvano Speranza, Lagos - Schwere Vorwürfe aus dem eigenen Lager: Nigerias U17-Captain Fortune Chukwudi soll 25-jährig sein. Das Schummeln mit dem Alter hat im afrikanischen Land schon fast Tradition.

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Pressestimmen zum 4:0-Sieg der U17 gegen Kolumbien.

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Seit Tagen brodelt die Gerüchteküche um das für einen U17-Spieler biblisch anmutende Alter des nigerianischen Captains Fortune Chukwudi, von dem es heisst, er sei mindestens 25 Jahre alt. Ein gewisser Adokie Amiesimaka brachte den Ball ins Rollen. Amiesimaka war einst Internationaler der Super Eagles und 1980 Gewinner des Afrika Cups sowie später langjähriger Präsident und Trainer der Sharks aus der südostnigerianischen Stadt Port Harcourt. Er ist Jurist mit bestem Ruf, in komfortabler Position, war nie in politische Grabenkämpfe verwickelt und ist keinem etwas schuldig.

2002 als Elfjähriger im Kader eines Profiteams?

Unlängst meldete er sich in der Presse zu Wort und liess verlauten, eben dieser Chukwudi sei im Jahr 2002 als 18-Jähriger im Kader seines Sharks-Nachwuchses gewesen. Eine Fotografie, die am Mittwoch dieser Woche durch die E-Mail-Konten nigerianischer Journalisten rauschte, untermauert diese Aussage. Beim vierten Spieler von links, in der hinteren Reihe des Mannschaftsbildes, handelt es sich zweifelsfrei um Fortune Chukwudi. Somit müsste er zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht älter als elf gewesen sein, um an der U17-WM auflaufen zu dürfen. Ein einziger Blick auf das markante Gesicht des jungen Mannes macht klar: Dies ist kein Viertklässler.

Das Handgelenk lügt nicht

Nigeria kommt einmal mehr wegen vermuteter Schummeleien um das wirkliche Alter seiner Nachwuchsspieler in die Schlagzeilen. Im Vorfeld der U17-WM hatte die FIFA einen weiteren Versuch gestartet, der nicht nur in Afrika festgestellten Bereitschaft zur Manipulation von Spielerdaten im Junioren-Bereich den Riegel zu schieben. Sie entwickelte über mehrere Jahre ein Verfahren, das mittels Magnetresonanz-Test (MRI) am Handgelenk eine möglichst genaue Altersbestimmung eines Probanden ermitteln soll.

Als Vergleichswerte wurden die Handgelenke von 500 14- bis 19- Jährigen verteilt auf alle fünf Kontinente gescannt und mit den Daten der in Frage kommenden U17-Teams veglichen. Die Wissenschaftler staunten nicht schlecht, als sie bei 35 Prozent der Fussballer viel weiter entwickelte Handgelenke feststellten als bei der Normalbevölkerung. Sind Fussballspieler schneller erwachsen? Wohl kaum.

Nigeria ersetzte 15 Spieler nach Alterstest

Im Vorfeld der WM liessen sich etliche afrikanische Teams freiwillig testen - was zur Folge hatte, dass einige Spieler stillschweigend ersetzt wurden. Um gar nicht erst Gefahr zu laufen, während der WM im eigenen Land erwischt zu werden, ersetzte der nigerianische Verband nach einem MRI-Test im Trainingslager gleich 15 (!) Kaderspieler. Damit hoffte man, dem Misstrauen und den Verdächtigungen der Öffentlichkeit ein für alle Mal entkommen zu sein, denn die schlechte Angewohnheit des so genannten «Age Cheating» verfolgt die Westafrikaner schon seit langem. Zur Erinnerung sei die U20-WM von 1989 erwähnt. Nigeria unterlag damals im Final den Portugiesen um Figo und Co. Das Land feierte seine Helden gleichwohl frenetisch.

Disqualifikation bei der U17-WM 1989 wegen «Age Cheating»

Doch kaum eine Woche später kam die Ernüchterung. Nigeria war disqualifiziert. Drei Spieler wurden als massiv älter eingestuft. Einer davon, der inzwischen verstorbene Tunde Ikhidero Charity, war bereits 29 Jahre alt. Insider des nigerianischen Fussballs können aus dem Stand lange Listen abrufen mit Namen und einfachen Rechenbeispielen, die den starken Eindruck vermitteln, dass die Altersmanipulation in diesem Land, seit es den Juniorenfussball gibt, eher Regel als Ausnahme ist. So war ein gewisser Philip Osondu 1980 im Kader der Super Eagles, schaffte es dann jedoch nicht ins Afrika-Cup-Team. 7 (!) Jahre später tauchte der selbe Osondu an der U17-WM auf, wo er Torschützenkönig wurde.

Okocha und Co. waren schon längst bekannt

Solch fantastische Mathematik macht auch vor grossen Namen nicht halt. Jay Jay Okocha, Nwankwo Kanu, Taribo West und Sunday Oliseh waren ausnahmslos bereits bekannte Spieler in der nigerianischen Topliga, bevor sie Nachwuchsweltmeister oder Olympiasieger wurden und schliesslich als ewig junge Stars in Europa den Durchbruch schafften. Als nigerianischer Profi hat man eben zwei verschiedene Alter: Das eigentliche und das Fussballalter.

Amiesimaka des Landesverrats bezichtigt

Dies alles sind in Nigeria keine Geheimnisse. In einem Land, in dem die urkundliche Erfassung von Neugeborenen bis heute nicht immer gegeben ist, darf der eher generöse Umgang mit Daten nicht erstaunen. Auf ein paar Jährchen mehr oder weniger kommt es nicht an, so die gängige Meinung. Im Junioren-Fussball der 17-Jährigen fällt hingegen schon ein Jahr merklich ins Gewicht. Und Wettbewerbe, die auf Grund verschiedener Altersgruppen unter den Teilnehmern verfälscht sind, werden zum Ärgernis.

Am meisten beklagt Amesiamaka, den sie nun in Nigeria wegen dem Fall Chukwudi des Landesverrats bezichtigen, dass wegen systematischer Wettbewerbsverfälschungen die nachhaltige Formung und Ausbildung der wirklich 17-jährigen Talente kompromittiert wird - dies nur wegen eines kurzfristigen, erschlichenen Erfolges.

Fifa will Thema am Samstag besprechen

Die Nation diskutierte am Tag der Halbfinalspiele heftig pro und kontra. Und im ganzen Durcheinander meldet sich in einer Radiodiskussion zum Thema eine Stimme aus dem Volk: «Wenn unsere 17-Jährigen schon 25 sind, könnten wir sie doch an Stelle des logischerweise überalterten A-Teams zum entscheidenden WM- Qualifikationsspiel nach Kenia schicken.» Doch die Chance ist gross, dass eine solche Rettungstat umsonst wäre und dass sich die Super Eagles erneut nicht für die WM qualifizieren würden.

Die FIFA bleibt, wie zu erwarten war, in ihrer Stellungnahme zurückhaltend. Aus jedem der an der WM beteiligten Teams seien vier Spieler getestet worden, und das OK werde sich am Samstag, einen Tag vor dem Final, an seiner Sitzung mit dem Thema beschäftigen. Ob der Spieler Fortune Chukwudi unter den zufällig ausgewählten Testpersonen war, entzog sich der Kenntnis des FIFA- Medienverantwortlichen Wolfgang Resch.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • STOLZ am 13.11.2009 20:17 Report Diesen Beitrag melden

    seit doch mal froh drüber,

    dass die schweiz im final ist und tollen fussball zeigt ! erst motzen, dass ja alle sowieso keine schweizer sind und danach, wenn sie zurecht das land wechseln, kommen plötzlich kommentare wie "er hats ja eh bei uns gelernt und ist eh ein schweizer!"...wie bei rakitic und petric...

  • Remo am 13.11.2009 10:32 Report Diesen Beitrag melden

    Weltmeister ohne Spiel?

    Was kann man von der FIFA am Samstag erwarten? Dass sie Nigeria an dessen Heim-WM disqualifiziert und die Schweiz ohne Final-Spiel Weltmeister wird? Wohl kaum. Sepp Blatter könnte ja dann 20 Wählerstimmen im westafrikanischen Raum verlieren und wäre mit 90 nicht mehr FIFA-Präsident.

    einklappen einklappen
  • Manfred Müller am 13.11.2009 12:31 Report Diesen Beitrag melden

    Wie schweizerisch sind diese Schweizer?

    Ich finde es amüsant zu sehen, wie man diese "Schweiz" bejubelt. Man könnte gleich ein paar neue Formen des jubel erfinden ... Hopp Schwic! Ale Suissos! Forza Svizzera .. hmm diese Version bleibt gleich ... auf alle Fälle, sie haben es gut gemacht :)

Die neusten Leser-Kommentare

  • berni am 15.11.2009 12:42 Report Diesen Beitrag melden

    disqualifizieren...

    da gibt es nur eines: nachweisen und sofort das team disqualifizieren und für die nächste wm sperren... da sollte sich die fifa rigoros durchsetzen. zu gunsten eines fairen sports halt. fifa ist halt macht- und politikgeil, darum wird nichts geschehen....

  • Josh Garner am 14.11.2009 12:58 Report Diesen Beitrag melden

    Die Wahrheit ist....

    Ihr schweizer könnt eifach nicht zufrieden sein stimmts... Die Nigerianer sind betrüger die anderen sind betrüger....und und und!!!! ich finde eure nu-17 nati spielt ein super fussball und trotzdem hat es so viele ausländer in der mannschaft. Seid zufrieden mit dem was ihr erreicht.... bevor die Welle des glücks sich zurückwendet.

  • STOLZ am 13.11.2009 20:17 Report Diesen Beitrag melden

    seit doch mal froh drüber,

    dass die schweiz im final ist und tollen fussball zeigt ! erst motzen, dass ja alle sowieso keine schweizer sind und danach, wenn sie zurecht das land wechseln, kommen plötzlich kommentare wie "er hats ja eh bei uns gelernt und ist eh ein schweizer!"...wie bei rakitic und petric...

  • Juan Valdez am 13.11.2009 19:21 Report Diesen Beitrag melden

    Secondos oder Schweizer?

    Secondos oder Schweizer? Erstens, bei dieser Akzeptanz ist es kein Wunder, dass sich ein Doppelbürger später nicht für die Schweiz, sondern für seine zweite Heimat entscheidet. Zweitens, dass die "Doppelbürger" besser Fussball spielen können - auf Grund ihres Hintergrundes - als "reine" Schweizer ist totaler Schwachsinn. Diese Jungs wurden alle von ihren Vereinen und dem SFV top ausgebildet. Zum Schluss, es ist halt typsich-schweizerisch sich nicht über einen riesen Erfolg freuen zu können. Anstatt sich zu freuen können, sucht man immer wieder nach sinnlosen Gründen.

  • Peter am 13.11.2009 16:02 Report Diesen Beitrag melden

    pvz@gmx.ch

    Das Thema wird auch in Nigeria seit 1-2 Wochen intensiv diskutiert. Hier ein Link zu einem (ziemlich umfangreichen) Forum mit Stimmen die Adokiye Amiesimaka unterstützen, und solche die sich über ihn aufregen. Dass in Nigerias Team einige Spieler zu alt sind wird da eigentlich von keiner Seite wirklich bestritten.