Fussball und Aberglaube

09. November 2011 15:57; Akt: 09.11.2011 15:57 Print

Die «verfluchte» Madonna

von Camilla Landbø, Buenos Aires - Im argentinischen Fussball treibt der Aberglaube seltsame Blüten. Selbst katholische Marienbildnisse werden bedenkenlos «geopfert».

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Die Statue der Jungrau von Guadalupe, die aus dem Stadion verschwunden ist.

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Die 2,5 Meter grosse Madonnen-Statue ragte mitten im Fussballstadion in die Höhe. Beschützend schaute die Jungfrau Maria von Guadalupe auf das Feld und die Spieler des argentinischen Erstliga-Fussballklubs Colón. Doch der Klub aus der Provinz Santa Fe nördlich von Buenos Aires verlor seit längerem ein Spiel nach dem anderen. Eines Tages fand man den Sockel, auf welchem die Statue gestanden hatte, leer. Über Nacht war die Madonna im vergangenen September verschwunden, und niemand wusste wohin.

Die Fussball-Begeisterung der Argentinier ist legendär. Für viele ist Fussball mehr als Leidenschaft und Liebe. Etwas Göttliches, Übersinnliches. So wundert es nicht, dass Fussball und Aberglaube im südamerikanischen Land oft Hand in Hand gehen. Fans, Spieler und Mitglieder des Fussballclubs Colón jedenfalls verzweifelten ob der Niederlagenserie schier. Sie waren sich sicher: Die Statute der Jungfrau von Guadalupe ist «mufa». So nennen die Argentinier Menschen, Tiere und Sachen, die angeblich das Pech anziehen.

Der Spruch des blinden Hexers

In 30 Spielen hatte Colón 21 Niederlagen erlitten. Und dann verlor der Klub obendrein gegen seinen ärgsten Rivalen Unión, den zweiten Erstligaklub von Santa Fe. Das brachte das Fass zum Überlaufen: Die Spieler holten einen «Hexer», damit er das Stadion von «bösen Geistern» befreie. Der blinde Geisterbeschwörer soll auf dem Spielfeld herumgelaufen sein und plötzlich gefragt haben: «Gibt es hier eine Jungfrau?» Damit sahen sich die Spieler darin bestätigt, was sie seit langer Zeit vermuteten: Die Madonnen-Statue bringt Pech.

Ein paar Tage später verschwand sie. Die katholische Kirche protestierte, das Marienbildnis sei kein Talisman gewesen. Die Justiz eröffnete ein Verfahren. In einem Communiqué teilte der Klub mit, die Jungfrau werde lediglich restauriert. Als Colón trotz Aufforderungen seitens der Kirche und Justiz ihren genauen Aufenthaltsort nicht preisgab, nahm der mediale Druck zu. Zur Beruhigung veröffentlichte der Fussballklub in einer lokalen Zeitung Mitte Oktober ein Foto mit dem Bildhauer und der nun restaurierten Statue.

Die Menschen fühlten sich betrogen, schnell erkannte man nämlich, dass dies nicht die Originalstatue war. Schliesslich meldete sich Ende Oktober der Mannschaftskapitän in einem Schreiben an die Justiz: Auf dem Weg zum Restaurator sei die Statue leider vom Kleinlaster gefallen und kaputt gegangen. Deswegen habe der selbe Skulpteur eine neue aus Stein gemeisselt. Mehrere Menschen aus der Nachbarschaft des blinden «Hexers» berichteten allerdings, sie hätten gesehen, wie die Statue bei ihm zerstört worden sei.

Der abergläubische Nationalcoach

Glaube, Aberglaube und Hexerei: Alltag in der Fussballwelt. Religiöse Abbilder und Statuen begleiten Spieler auf ihren Reisen, Trainer verspritzen Weihwasser oder machen Mannschaftsaufstellungen nach den Sternzeichen der Spieler. Als Alfio «Coco» Basile den Fussballklub Vélez Sársfield trainierte, schickte er 1990 drei Spieler zu Hexern. Mehrere Niederlagen hatten ihn dazu bewogen. In von Kerzen beleuchteten Zimmern mussten die Fussballprofis, wie später einer von ihnen berichtete, sich nackt auf einer Liege ausstrecken. Verkleidete Männer tanzten um sie herum und sangen «Ba-ba-ba».

Später, als Trainer des bekannten Fussballklubs Boca Juniors in Buenos Aires, liess Basile seinen Assistenztrainer in dessen Hosentasche auf Talg herumkneten, wenn ein Gegenspieler angriff. Standen hingegen seine Spieler vor dem gegnerischen Tor, musste der Assistent Talg auf die Schulter von Basile schmieren, das sollte Glück bringen. Eine Reihe anderer seltsamer Rituale hielt er auch als Trainer der argentinischen Nationalmannschaft ab, die er von 1991 bis 1994 und von 2006 bis 2008 betreute.

Der verfluchte Präsident

Die neue Madonnen-Statue soll bald im Stadion von Colón aufgestellt werden. Fans und Spieler glauben nach wie vor, dass die erste Jungfrau «mufa» war. Denn seit sie weggeschafft wurde, gab es einen Sieg und zwei Unentschieden. War an der Geschichte doch was dran? Viele Argentinier glauben zum Beispiel auch, dass ihr früherer Präsident Carlos Menem (1989-1999) «mufa» ist. Viele sprechen nicht einmal seinen Nachnamen aus, wenn sie von ihm reden – damit das Pech nicht auf sie übergeht. Gegen Menem wurden schon allerlei skurrile Mittel eingesetzt: Der ehemalige Nationalcoach Carlos Bilardo zog sich als Pechschutz rote Unterhosen an, wenn er sich mit dem Ex-Staatschef traf.