Europarat fordert

13. Juli 2012 16:25; Akt: 13.07.2012 16:42 Print

Blatter muss Erklärungen abliefern

Sepp Blatter gerät weiter unter Druck. Der französische Europarat-Abgeordnete François Rochebloine verlangt vom Fifa-Oberhaupt Erklärungen zu den Schmiergeldzahlungen.

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Joseph Blatter wurde am 10. März 1936 in Visp im Kanton Wallis geboren. Seine Schulzeit durchlief er im Wallis, studiert hat er Volkswirtschaft an der Universität Lausanne (Foto von 1966) Der Walliser spielte selber in der 1. Liga Fussball. Hier sieht man ihn in Aktion beim Sepp-Blatter-Turnier in Ulrichen VS im Jahr 2000. 1975 trat Blatter in den Dienst der Fifa. Von 1989 bis 1998 bekleidet der Schweizer das Amt des Fifa-Generalsekretärs. WM-Auslosung 1983 in Regensdorf. Die Ziehung dauerte damals 67 Minuten und wurde von über 150 Medienvertretern und rund 200 Verbandsdelegierten verfolgt. 25 TV-Stationen übertrugen das Geschehen direkt. Während der Eröffnung einer Fifa-Ausstellung im Olympia-Museum von Lausanne spielte Generalsekretär Blatter mit dem damaligen Fifa-Präsidenten João Havelange eine Partie Tischfussball (17. Mai 1994). 1998 gab Blatter seine Kandidatur für das Amt des Fifa-Präsidenten bekannt. Neben ihm kandidierte der schwedische Uefa-Präsident Lennart Johansson. Am 8. Juni 1998, wählt der Fifa-Kongress in Paris Joseph Blatter zum Nachfolger von João Havelange als Fifa-Präsident. Die Freude bei Blatter ist gross. Hier umarmt er seine Tochter Corinne. Viele bekannte Persönlichkeiten gratulierten dem Walliser zu seinem Sieg. Im Bild: Der damalige Bundesrat Adolf Ogi (l.) und der damalige Xamax-Präsident Gilbert Faccinetti. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern übt Joseph Blatter den Fifa-Chefposten nicht ehrenamtlich aus, sondern erhielt 1998 ein Jahressalär von rund 750'000 Euro. Schon kurz nach sein Wahl zum Präsidenten kam es zum ersten Skandal. Enthüllungsautor David Yallop beschrieb in einem Buch, wie Blatter bei der Wahl angeblich 22 Stimmen kaufte. Der Fifa-Chef ging juristisch gegen das Buch vor und erwirkte einen Verkaufsstop. Umgeben von Fussballstars: Blatter bei der Eröffnung des neuen Fifa-Hauptquartiers (Zürich, Nov. 1998) mit Michel Platini, Angel Maria Villar Llona, Bobby Charlton und Franz Beckenbauer (v. l.). Seit 1999 ist Joseph Blatter auch Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Auf diesem Foto ist Blatter im Gespräch mit dem damaligen IOC-Chef Juan Antonio Samaranch. Im Laufe seiner Karriere traf Blatter viele berühmte Persönlichkeiten, z.B. im Dezember 2000 Papst Johannes Paul II. Eine seiner Errungenschaften als Fifa-Präsident: Sepp Blatter hat die Vermarktung der WM vorangetrieben. Hier sieht man eine Werbung mit Roberto Carlos, Luis Figo und Ronaldo aus dem Jahr 2002. Zu den grössten Widersachern der Schweizer Fifa-Präsidenten gehörten der schwedische Uefa-Präsident Lennart Johannson (Mitte) ... ... der einstige CEO der Uefa, Gerhard Aigner... ... und vor allem auch der eigene Zögling Michel Zen-Ruffinen. 2002 erhob der damalige Fifa-Generalsekretär Vorwürfe gegen Blatter wegen finanziellem Missmanagement und Korruption. Die entsprechende Klage wurde durch ein Schweizer Gericht fallen gelassen. Trotz der schlechten Presse konnte er sich im gleichen Jahr über seine erste Wiederwahl freuen. Der Schweizer geriet aber auch weiterhin immer wieder in Kritik. So etwa wegen seiner strengen Regelauslegung bei den hautengen Trikots der kamerunischen Nationalmannschaft am Africa-Cup 2004 (im Bild: Samuel Eto'o) ... ... oder ebenfalls 2004 wegen eines Kommentars in einem Interview. Darin forderte er, dass Fussballspielerinnen ihre Sportbekleidung femininer gestalten sollen. Diese Massnahme sollte neue Geldgeber aus Kosmetik- und Modeindustrie anlocken. Was dachte wohl Birgit Prinz, die Weltfussballerin des Jahres 2004, zu diesem Vorschlag? 2006 bekommt die Fifa einen schicken Neubau am Zürichberg. Die neue Fifa-Zentrale gleicht mehr dem Hauptquartier eines Weltkonzerns als dem Sitz eines Fussballverbands. Zürich ist stolz darauf, die Fifa beheimaten zu dürfen. Daher steht sie dem Verband stets zu Diensten, etwa bei der Grundstückssuche oder bei den sehr niedrigen Fiskalabgaben. Die Stadt Zürich benannte sogar eigens für den Neubau eine Strasse nach dem Weltfussballverband. Hier posiert Blatter mit dem damaligen Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber und dem Fifa-Generalsekretär Urs Linsi. Als enger Vertrauter und fleissiger Helfer Blatters gilt der Fifa-Vizepräsident Jack Warner aus Trinidad und Tobago. Privat zeigte sich Sepp Blatter gerne in Begleitung jüngerer Frauen. Den WM-Achtelfinal 2006 besuchte er mit seiner 31 Jahre jüngeren On-off-Freundin Ilona Boguska. Trotz allem wird Sepp Blatter 2007 als Präsident der Fifa wiedergewählt. Symbolisch erhält er während des 57. Fifa-Kongresses in Zürich einen Globus überreicht. 2008 sorgte ein Autounfall des Fifa-Chefs im Berner Oberland für Aufregung. Bei einem Überholmanöver geriet Blatter auf die Gegenfahrbahn und verursachte einen Frontalcrash. Alle Beteiligten wurden nur leicht verletzt. Für Aufregung sorgte, dass die Polizei die Nummernschilder entfernte, bevor Blatters Wagen fotografiert wurde. Jedes Jahr überreicht der Fifa-Chef die Trophäe des besten Fussballers des Jahres. 2008 ging sie an Cristiano Ronaldo ... ... 2009 an Lionel Messi. Eines seiner Verdienste: Blatter brachte die WM zum 2010 ersten Mal nach Afrika. Überhaupt etablierte Blatter den heute üblichen Turnus: Das Turnier findet abwechslungsweise einmal in Europa und einmal auf einem anderen Kontinent statt. Herbst 2010: Joseph Blatter gerät erneut unter Druck. Drei Tage vor der Vergabe der Fussball-WM-Turniere 2018 und 2022 geraten mehrere Fifa-Mitglieder unter Korruptionsverdacht. Davon völlig unbeeindruckt gab Blatter am 2. Dezember 2010 bekannt, dass die WM 2022 in Katar ausgetragen wird. Am 1. Juni 2011 wird Joseph Blatter gegen seinen Herausforderer Mohamed Bin Hammam um seine bereits vierte Amtszeit als FIFA-Präsident kämpfen. Lange galt Mohamed Bin Hammam als Weggefährte Sepp Blatters, beschaffte dem Fifa-Präsidenten in zwei Wahlkämpfen wichtige Stimmen. Jetzt will der katarische Spitzenfunktionär gegen Blatter antreten. Erst in den Tagen vor der Wahl wird der Kampf um den Vorsitz der Fifa schmutzig. Gegen Blatter und Bin Hammam werden Untersuchungen wegen Bestechung eingeleitet. Während sein Konkurrent von der Fifa-Ethik-Kommission suspendiert wird, wird Blatter noch vor der Wahl freigesprochen. Bei der Wahl am 1. Juni 2011 wird Blatter - mittlerweile als einziger Kandidat - mit 186 der 208 Stimmen für vier Jahre wiedergewählt. Juli 2012: Nachdem aufgedeckt wurde, dass hohe Fifa-Funktionäre Schmiergelder in Millionenhöhe angenommen hatten und Blatter davon gewusst hat, gerät der Fifa-Chef stark unter Druck. Es werden Rücktrittsforderungen laut. 17. Juli 2012: Das Exekutivkomitee der Fifa nimmt den neuen Ethikcode an, damit soll die Fifa besser gegen Korruption vorgehen können. Blatter erklärt an der Sitzung, dass ein Rücktritt (der in den letzten Tagen vermehrt wegen des ISL-Falls gefordert wurde) ausser Frage stehe.

Die Karriere von Joseph Blatter.

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Nachdem in dieser Woche Schmiergeldzahlungen an die ehemaligen brasilianischen FIFA-Funktionäre João Havelange und Ricardo Teixeira publik geworden sind, werden vom Präsidenten des Weltverbandes Erklärungen erwartet.

Der französische Parlamentarier und Europarat-Abgeordnete François Rochebloine verlangt vom 76-jährigen Walliser klare Antworten: «Wann hatte Blatter von diesen Zahlungen erfahren? Warum hat die Fifa diese stillschweigend akzeptiert und dagegen nichts unternommen? Welche Schritte will die Fifa nun unternehmen, damit dies nie mehr passiert?» Und der frühere DFB-Präsident und das heutige Fifa-Exekutivmitglied Theo Zwanziger fordert Konsequenzen für den Ehrenpräsidenten Havelange, der von 1974 bis 1998 den Weltverband geführt hatte.

Blatter war über Schmiergeldzahlungen informiert

Blatter hatte am Donnerstag verlauten lassen, dass es nicht in seiner Kompetenz liege, den 96-Jährigen zur Rechenschaft zu ziehen. Nur der Kongress könne entscheiden, was mit Havelange zu geschehen habe.

Die am Mittwoch veröffentlichte Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft des Kantons Zug dokumentiert, dass Blatter als Fifa-Generalsekretär (1981 bis 1998) und später als Präsident über die Zahlungen informiert gewesen war. Laut Gerichtsakten sollen von der 2001 Konkurs gegangenen Zuger Vermarktungsagentur ISL zwischen 1989 und 2001 insgesamt 160 Millionen Franken an die Fifa geflossen sein.

Blatters Vorgänger Havelange erhielt davon 1,5 Millionen Franken, der langjährige Präsident des brasilianischen Verbandes und Fifa-Exekutivmitglied Teixeira 12,7 Millionen Franken. «Dies ist ein schockierender Skandal im Herzen der Fussball-Welt», so Rochebloine. «Dies ist eine Beleidigung für den Fussball und seine Legionen von loyalen Fans weltweit.»

«Zahlungen konnten von den Steuern abgezogen werden»

Blatter hatte am Donnerstag laut Fifa-Homepage zugegeben, dass er von den Zahlungen gewusst hatte, diese aber verharmlost, da zum damaligen Zeitpunkt diese im Gegensatz zu heute nicht strafbar gewesen seien. «Solche Zahlungen konnten sogar als Geschäftsausgaben von den Steuern abgezogen werden», so Blatter. Zu seiner Verteidigung liess der Walliser auch verlauten, dass aufgrund der Ereignisse im «Fall ISL» 2006 auf seine Initiative die FIFA-Ethikkommission gegründet worden ist. Zudem zielten die derzeitigen Reformbemühungen innerhalb des Weltverbandes in dieselbe Richtung. Im letzten Jahr wurde von der Fifa eine unabhängige Steuerungskommission (ICG) eingesetzt, die vom Schweizer Strafrechtsprofessor Mark Pieth geleitet wird.

Für viele Kritiker sind die jüngsten Entwicklungen ein weiterer Beweis dafür, dass Korruption, Bestechung und Schmiergeldzahlungen bei hochrangigen Fifa-Funktionären an der Tagesordnung sind. Zuletzt war es vor gut einem Jahr vor der Fifa-Präsidentschaftswahl zu Diskussionen um mögliche Bestechungszahlungen im Vorfeld der WM-Vergaben 2018 (Russland) und 2022 (Katar) im Dezember 2010 in Zürich gekommen. Blatters Gegner im Kampf um das Amt des Präsidenten, Mohamed bin Hammam (Katar), war kurz vor der Wiederwahl Blatters (bis 2015) am 1. Juni 2011 zusammen mit dem Vizepräsidenten Jack Warner wegen Bestechungsvorwürfen suspendiert worden.

(si)

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