Abstiegs-Krimi

15. Mai 2017 09:40; Akt: 15.05.2017 10:07 Print

Schmidts schlimmste 20 Minuten als Trainer

von E. Tedesco, Mainz - Er war heftig angezählt, erhielt von den Bossen dennoch das Vertrauen. Trainer Martin Schmidt zahlte es mit dem Ligaerhalt zurück.

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0:2 lag Mainz am Samstag nach 50 Minuten gegen Frankfurt zurück, drehte das Spiel und gewann 4:2. Doch obwohl Mainz drei wichtige Punkte im Kampf gegen den Abstieg einfuhr, blieb die Party aus. Der Grund: In Wolfsburg regnete es wie aus Kübeln. Das Spiel musste für rund 20 Minuten unterbrochen werden.

«Das war brutal. Es waren die schlimmsten 20 Minuten, die ich als Trainer je erlebt habe», sagte Martin Schmidt später. «Für mein Herz war das nicht gut.» Als der Ligaerhalt nach schier endlosem Warten feststand, sank der 05-Trainer auf die Knie und schickte ein Stossgebet gen Himmel. Jene Spieler, die sich die letzten Minuten des Spiels in Wolfsburg auf dem Bildschirm angesehen hatten, fielen sich erst lachend in die Arme und stürmten danach aufs Feld, um mit den Fans zu feiern, die bangend auf den Rängen in der Opel-Arena ausgeharrt hatten.

Vertrauen und Verständnis

«Dass wir nach einem 0:2 noch einmal zurückgekommen sind und das Spiel gedreht haben, ist eine Riesengeschichte», sagte Schmidt, dem die Erleichterung im Gesicht stand. Das habe man mit «Vertrauen, Ruhe und Strategie» hinbekommen. Das Vertrauen, das er seinem Team gibt, hatte er auch von der Vereinsleitung erhalten. Denn am 9. April sagten die Mainz-Bosse: «Wir werden die Mechanismen des Geschäfts nicht bemühen. Martin Schmidt bleibt unser Trainer. Wir haben hundertprozentiges Vertrauen in ihn.» Obwohl die Rheinhessen gerade die fünfte Niederlage in Serie hinnehmen mussten.

Schmidt hat den Druck, der auf ihm lastete, angenommen. «So unfair das im Erfolg sein kann, so unfair kann das auch im Misserfolg sein. Die Wahrheit liegt in der Mitte und da wollte ich mich aufhalten. Das Team funktioniert nur mit Vertrauen und Verständnis.» Das zeigte sich auch, als es am Samstag gegen Frankfurt zur Pause zurücklag und dann das Spiel drehte. «Ich wollte nicht, dass das Team ausflippt, denn wer sich zu früh freut, den bestraft das Leben.» Mainz flippte nicht aus, belohnte sich mit dem Ligaerhalt und Schmidt mit der Fortführung seiner Arbeit in Rheinhessen. Wenn er denn bleibt.

Löst Schmidt Korkut in Leverkusen ab?

Kicker.de berichtete, dass Leverkusen Martin Schmidt, der im Februar 2015 Kasper Hjulmand in Mainz ablöste und beim FSV eine grossartige Arbeit leistete, als Nachfolger von Roger Schmidt im Visier hatte. Der Pillenclub holte zwar Tayfun Korkut (auch weil Schmidt nicht verfügbar war), aber nur bis zum Saisonende der Saison.

Die Mainzer – so spekulieren deutsche Berater – sollen einen Trainer für die U23 suchen. Das könnte – fast schon normal in Mainz – bedeuten, dass der bisherige ambitionierte U23-Trainer Sandro Schwarz nachgezogen wird, um Schmidt abzulösen. Denn: Jürgen Klopp war Juniorentrainer (Frankfurt), ehe er die Profis in Mainz übernahm. Thomas Tuchel trainierte den Mainzer Nachwuchs und wurde dann Coach der ersten Mannschaft, und auch Schmidt trainierte die U23, bevor er Cheftrainer wurde.

Kuhhirte, Skirennfahrer und Nacktmodell

Trainer in Deutschland wurde Schmidt überhaupt erst, weil er Tuchel besiegte. Als U21-Trainer in Thun spielte er 2009 mit seiner Mannschaft ein Turnier im schwäbischen Ergenzingen. Die Berner Oberländer erreichten den Final, ohne einen einzigen Gegentreffer kassiert zu haben. Gegner war Tuchel mit den Mainzer A-Junioren. Und der hatte seinen Bezwinger aus der Schweiz nie mehr vergessen und holte Schmidt zur U23 nach Mainz.

Generell liest sich Schmidts Lebenslauf im Fussballgeschäft wie ein Märchen. Schmidt wuchs mit sechs Geschwistern in Naters auf, lernte Mechaniker, eröffnete seine eigene Autogarage und arbeitete in der deutschen Tourenwagen-Meisterschaft. Später betrieb er auch ein Bekleidungsgeschäft in Brig. In seiner Biographie steht auch, er habe als Kuhhirte, Skirennfahrer und Nacktmodell gearbeitet. Für den Nacktkalender posierte er für einen guten Zweck – natürlich vor einer Taktiktafel.

Lieber kein drittes Mal

In Deutschland hat es eine Weile gedauert, bis er sich von den Klischees lösen konnte, sagte er einst der «NZZ». Das sei ihm auch wichtig gewesen. Er wollte nicht als «Alpöhi» wahrgenommen werden. Darüber muss er sich nun keine Gedanken mehr machen. Schmidt leistet gute Arbeit. Und das nun schon über eine lange Zeit.

In seinem dritten Bundesligajahr sind nur zwei Fussballlehrer (Christian Streich bei Freiburg und Peter Stöger in Köln) länger beim gleichen Club im Amt. 2015 rettete Schmidt Mainz vor dem Abstieg und führte die Rheinhessen auf Rang 11. In der darauffolgenden Saison (Rang 6) schaute die Europa League heraus. Vor dem Spiel gegen Frankfurt habe er eine SMS mit dem Inhalt erhalten: «Du hast es schon einmal geschafft – du schaffst es auch ein zweites Mal.»

Der Absender sollte recht behalten. Ein drittes Mal sollte Schmidt besser vermeiden. Allein schon seines Herzens wegen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jamaika Jamal am 15.05.2017 10:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super

    Sehr gut. Weiter so. Herzliche Gratullation

  • FC TIBET am 15.05.2017 11:12 Report Diesen Beitrag melden

    Bundesliga Fan

    Ich finde der Trainer Martin Schmidt cool obwohl er fast entlassen wäre. Der letzte Spiel gegen Frankfurt war Hammer. Weiter so.. Schweizer Helden im Ausland..

  • Roberto Sibonetti am 15.05.2017 09:45 Report Diesen Beitrag melden

    Gut gemacht!

    Gratulation und weiterhin Freude als Trainer. Mit den doofen Che Guevara Sprüchen sollte er aber wirklich aufhören.

Die neusten Leser-Kommentare

  • F.Meiet am 15.05.2017 21:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schmidt...

    ...ist sicher ein guter Coach und Trainer. Er ist ein Besessener, ein kompletter Fussballwahnsinniger. Aber die blöden Geschichten von Rennfahrer und Kuhhirte, damit könnte man definitiv aufhören. Jeder im Oberwallis war mal irgendwo Hirte. Warum muss man bei allen Prominenten immer versuchen eine dümmliche Tellerwäscherkarrieren Geschichte zu konstruieren.

  • Näsli am 15.05.2017 12:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ...

    Leverkusen als Pillenclub zu bezeichnen, ist herablassend .

    • Franz Müller am 16.05.2017 02:17 Report Diesen Beitrag melden

      @Näsli

      BAYER Leverkusen... Firma Bayer, Pharmakonzern... Finde 'Pillenclub' da schon passend und witzig.

    • Näsli am 16.05.2017 08:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Franz Müller

      Mir ist schon bewusst dass Leverkusen von den anderen Fans so genannt wird . Aber dies ist abwertend und beleidigend gemeint. Finde nur man sollte solche Ausdrücke in einem neutralen Artikel nicht benutzen.

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  • FC TIBET am 15.05.2017 11:12 Report Diesen Beitrag melden

    Bundesliga Fan

    Ich finde der Trainer Martin Schmidt cool obwohl er fast entlassen wäre. Der letzte Spiel gegen Frankfurt war Hammer. Weiter so.. Schweizer Helden im Ausland..

  • rodolfo am 15.05.2017 11:07 Report Diesen Beitrag melden

    Problematischer Auftritt

    Ein Besuch beim Coiffeur würde auch nichts schaden. In den Sechzigerjahren haben die Halbstarken solche langen und ungepflegten Haare getragen. Der Coach der 1. Mannschaft sollte auch ein Vorbild für den Nachwuchs sein!

    • wasp am 15.05.2017 12:09 Report Diesen Beitrag melden

      Vorbilder

      Ein Uli Höness platzt fast aus allen Näten und hat eine Glatze. Zudem war er im Knast. Ist aber immer schick gekleidet. Das mit den Vorbildern ist halt so eine Sache.

    • R. Feller am 15.05.2017 17:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @rodolfo

      Das Äussere des Menschen ist schon das wichtigste für seinen Beruf. Lieber ein schlechter Trainer dafür eine anständige Frisur, oder. Es gibt auf dieser Kugel immer noch Leute , die andere nach dem äussern beurteilen. Sollte eigentlich überholt sein im 21 Jahrhundert.

    • Walter Portmann am 16.05.2017 09:44 Report Diesen Beitrag melden

      Mehr Pflege tut Not

      Trotzdem: Vielleicht hat ihn auch das die Freundschaft mit einer der hübschesten Frau gekostet, denn die war immer top und er in dieser Aufmachung !?!

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  • Jamaika Jamal am 15.05.2017 10:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super

    Sehr gut. Weiter so. Herzliche Gratullation