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06. Oktober 2015 07:19; Akt: 06.10.2015 07:19 Print

«Ein Denkmal für sprachliche Klischees»

von Sandro Compagno - In einem lesenswerten Buch nimmt Alex Raack die «Phrasen, Posen und Plattitüden» im Fussball unter die Lupe und aufs Korn.

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Wenn der Flatterball vor dem Pausentee zum Doppelpack geschnürt wird, und das noch bei Fritz-Walter-Wetter, dann feiert der Allgemeinplatzwart sein Hochamt.

Alex Raack hat sich auf eine Reise tief in die Abgründe der deutschen Sprache gemacht und fördert auf 176 höchst unterhaltsamen Seiten unzählige Klischees der Fussballsprache zu Tage. Veredelt wird das Werk mit den Illustrationen der Designerin Katharina Noemi Metschl. Mit 20 Minuten spricht der Redaktor des Fussball-Magazins «11 Freunde» über Pferdelungen, fulminante Stilblüten und einen reichlich unromantischen Ort der Lektüre.

Alex Raack, Hand aufs Herz: Was waren Sie als Fussballer? Pferdelunge, Aleinikov oder Fummelkutte?
Ganz ehrlich? Ich war ein Treter, ein Raubein. Ich weiss gar nicht, ob das Wort in meinem Buch vorkommt. Ich habe es in die Kreisliga geschafft, dann war Schluss. In meiner Jugend hatte ich mehr und mehr Zeit auf dem Fussballplatz verbracht, um danach in der Lokalzeitung darüber zu schreiben, als um selbst zu spielen.

Wieso werden eigentlich nur untalentierte Fussballer Journalisten?
(Lacht) Gute Frage. Wenn ich mich so in der Redaktion von «11 Freunde» umschaue, sehe ich schon ein paar Kollegen, die ganz gut kicken können. Aber darüber zu schreiben macht auch viel Spass.

Wie viele Journalisten-Kollegen haben sich nach diesem Buch schon von Ihnen abgewandt?
Bis jetzt noch keiner. Hinter dem Buch steckt ja auch nicht die Absicht, dem Sportjournalismus eins auf den Deckel zu geben, es soll eher ein Denkmal für sprachliche Klischees sein. Diese Phrasen und Plattitüden sind ja eigentlich auch sympathisch, ich mag sie, solange sie nicht zu flach und abgedroschen sind. Hören Sie mal in alte Matchreportagen von Heribert Fassbender rein, das ist mittlerweile eine fast vergessene Sprache. Die Fussballsprache von heute ist reich an Ausdrücken, die Sie sonst nirgends mehr finden. Eines meiner Lieblingswörter ist «fulminant». Wo hört man das sonst noch? So betrachtet, haben diese Ausdrücke auch etwas von einer Geheimsprache.

Wer ist eigentlich die Zielgruppe des Werkes?
Ich denke, die Zielgruppe entspricht in etwa jenen Fussball-Interessierten, die auch «11 Freunde» lesen. Aber es richtet sich an jeden, der schon mal gegen einen Ball getreten und sich in diesen Sport verknallt hat. Jeden, der sich auf dem Bolzplatz schon mal die dummen und weniger dummen Sprüche anderer anhören musste. Und mein Traum wäre, wenn es sozusagen ein Standardwerk für angehende Sport-Reporter würde.

Ein Buchhändler hat sich bei mir einmal beklagt, dass Fussball-Fans in der Schweiz keine Bücher lesen und Literatur-Freunde sich nicht für Fussball interessieren.
Ich weiss nicht, wie das in der Schweiz ist. In Deutschland hat sich diesbezüglich nicht zuletzt seit der WM 2006 sehr viel getan. Es werden viele Fussballbücher geschrieben, nicht alle davon sind lesenswert, aber es gibt ein paar gute. Der Markt für Fussball-Bücher ist sicher gewachsen.

Ihr Buch wirft keinen wirklich aufbauenden Blick auf den Wortschatz des gemeinen Fussball-Reporters. Müssen wir uns damit abfinden, dass alles schon mal gesagt und folglich auch geschrieben wurde?
Hoffentlich nicht! Es gibt ja auch heute noch Leute, die intelligent über Fussball sprechen und schreiben. Ich hatte vor einiger Zeit ein Interview mit Slaven Bilic. Der Mann lebt im Gespräch eine Leidenschaft und Intensität vor, wie sie sonst vielleicht nur noch von Künstlern erreicht wird. Toll geschriebene Texte über Fussball werden mich auch in Zukunft begeistern, egal ob jetzt die eine oder andere Phrase darin auftaucht. Es kommt ja immer auch drauf an, wie sie platziert wird. Nur von den Fussballspielern selber dürfen wir auch in Zukunft sprachlich nicht zu viel erwarten.

Es wird ja oft und gern gejammert: Wie hat sich der Sportjournalismus in Ihren Augen entwickelt? Wurde er in den letzten Jahren besser oder schlechter?
Darüber will ich mir kein Urteil erlauben. Der Fussball ist gerade in Deutschland immer grösser und wichtiger geworden, fast schon bedenklich gross. Mittlerweile ist Fussball für breite Bevölkerungsschichten wichtiger als Politik und Religion. Die Politik macht die Frau Merkel und die Religion spielt keine Rolle. Aber der Fussball ist ein Riesenthema. Auf der anderen Seite wird es für Sportjournalisten immer schwieriger, über tolle Themen zu berichten. Es ist schon ein Unterschied, ob die Medienstelle eines Vereins 20 oder 100 Medienanfragen erhält.

Letzte Frage: Ist Ihnen bewusst, wo Ihr Buch höchstwahrscheinlich gelesen wird?
(Lacht) Als ich damit anfing, sagte ich mir, ich würde eine ideale Klo-Lektüre schreiben! Das ist nun nicht gerade der romantischste Ort, aber die vielen Listen und kurzen Texte laden geradezu ein. Ich habe nichts dagegen, wenn man es auf dem Klo liest.

Ich kann Sie beruhigen, ich habe es im Tram gelesen.
Das ist doch auch schön.

Alex Raack: Den muss er machen. Phrasen, Posen, Plattitüden – die wunderbare Welt der Fussball-Klischees. Edel-Verlag.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Chris G am 06.10.2015 09:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Noch eins???

    Wie viele von diesen Fussballsprüchen gibt es denn mittlerweile...zumindest zu viele als das man ein weiteres hier vorstellen muss. Ich kann an solchen Copy/Paste-Bänden mit beweisen für die Unverträglichkeit von Kopfbällen für das Artikulationszentrum nichts tolles finden!

  • nic alexakis am 06.10.2015 11:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    sportcluster

    kommt ,ich sag mal, auch vor, obwohl der spieler noch gar nichts gesagt hat?

Die neusten Leser-Kommentare

  • nic alexakis am 06.10.2015 11:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    sportcluster

    kommt ,ich sag mal, auch vor, obwohl der spieler noch gar nichts gesagt hat?

  • Chris G am 06.10.2015 09:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Noch eins???

    Wie viele von diesen Fussballsprüchen gibt es denn mittlerweile...zumindest zu viele als das man ein weiteres hier vorstellen muss. Ich kann an solchen Copy/Paste-Bänden mit beweisen für die Unverträglichkeit von Kopfbällen für das Artikulationszentrum nichts tolles finden!