Ibra begeistert

15. November 2012 11:53; Akt: 15.11.2012 12:38 Print

Zlatanunser statt Gähn-Gipfel

Gibt es etwas Schöneres als die Schadenfreude, wenn Deutschland für einmal schlecht gespielt hat und in den heimischen Medien zerrissen wird? Eigentlich nicht. Aber heute schon.

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Zlatan Ibrahimovics Tor zum 4:2 gegen England (Quelle: YouTube). Im Grossformat auf dem Videoportal Videoportal
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Es war alles bereit in der herrlichen Amsterdam Arena. Holland gegen Deutschland stand auf dem Programm – was für ein Klassiker! Schon so oft hatten diese beiden Teams in emotionsgeladenen Duellen die Fussballfans verzückt. 51'000 Zuschauer waren da, die Stimmung ausgelassen, als die Spieler einliefen trällerte – wie so oft wenn die holländische Nationalmannschaft spielt - «met bloed, zweet en tranen» durch das Stadion und alle im Oranje-Meer johlten mit.

«Blut, Schweiss und Tränen» waren also gefordert vom Heimteam. Es bot nur Tränen. So defensiv und uninspiriert hatte man die Holländer lange nicht mehr gesehen. Zwei Torschüsse in der Schlussphase waren das höchste der Gefühle. Leider konnten auch die Deutschen nicht verstecken, dass ihnen Starspieler wie Özil, Gomez, Khedira oder Schweinsteiger fehlten. 0:0 trennten sich die beiden Teams.

Das einzig Gute am enttäuschenden Schlagerspiel: Die Reaktionen der deutschen Medien. Vom «Fussball-Schnarch des Jahres» oder dem «Gähn-Gipfel» (Bild) über den «Käse-Kick» (Express), dem «Klassiker zum Vergessen» (WAZ) und dem «deutsch-holländischen Nichtangriffspakt» (Frankfurter Allgemeine) bis zum «2012: Ende ohne Freude» (kicker) war alles dabei. Der «Spiegel» schafft gar die kürzeste und präziseste Zusammenfassung in drei Worten: «Ideenlos, leblos, torlos.» Ja, da kann beim geneigten Schweizer schon Schadenfreude aufkommen und trotz des nebligen, kalten Novembermorgens wir einem warm ums Herz.

Ibrahimovics Treffer entschädigt für alles

Das macht Lust auf mehr und im Wissen, dass Österreich zuhause 0:3 gegen die Elfenbeinküste tauchte, freut man sich schon schelmisch auf die Pressestimmen unseres östlichen Nachbarns. Dort halten sich die Medien allerdings zurück. Die «klare Abfuhr» (Krone), die «Bittere 0:3-Niederlage» (Kurier) oder das «ÖFB-Team schlittert in 0:3-Heimpleite» (Österreich) sind die harmlosen Erkenntnisse. Der zweite Anzug «zwickt und zwackt», schreibt «Die Presse» noch.

Ja gut, dann wenden wir uns doch den wirklich schönen Dingen zu: Zlatan Ibrahimovics viertes Tor gegen England. Überall wird der Schwede in höchsten Tönen gelobt. Selbst in Deutschland. Dort also, wo der Angreifer noch vor wenigen Wochen die Aufholjagd vom 0:4 zum 4:4 orchestrierte. Das Magazin für Fussballkultur «11Freunde» liess sich vom fantastischen Fallrückzieher gar dazu hinreissen, das Vaterunser in ein Zlatanunser zu ändern. Lesen lohnt sich:

«Zlatan, der Du prollst im Fussballhimmel
Geheiligt werde Dein Talent und Deine komische Frisur.
Dein Reichtum verteile sich auf alle.
Dein Fallrückzieher-Versuch geschehe
wie in Schweden, England oder von uns aus auch in Paris.
Unsere tägliche Show gib uns heute
Und vergib uns unsere gehässigen Kommentare über Schrottfrisuren und Deinen Lebensstil
wie auch wir vergeben unsern Lesern, die diesen Text nicht mögen.
Und führe uns nicht gedanklich zurück zu Holland-Deutschland,
sondern erlöse uns von diesen 90 Minuten.
Denn dein ist das Vier-Tore-Spiel und die Kraft
und die Herrlichkeit in 90-minütiger Ewigkeit.
Amen»

Apropos lesen: Ibrahimovic schrieb bekanntlich eine Autobiographie. Ein schwedisches Lehrer-Ehepaar erzählte mir darauf angesprochen: «Das einzig gute an diesem Buch ist, dass die Jugendlichen so einmal ein Buch lesen.» Wer weiss, vielleicht lernen sie jetzt dank «11Freunde» gar das Vaterunser auswendig. Oder zumindest das Zlatanunser.

(fox)