Generation Smartphone

08. November 2017 06:53; Akt: 08.11.2017 06:53 Print

Das Handy spielt in der Nati eine Schlüsselrolle

von E. Tedesco, Belfast - Das Smartphone ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Auch für die Schweizer Fussballer ist es matchentscheidend.

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Flughafen Basel. Die Nati-Spieler warten am Gate auf ihren Charterflug nach Belfast. Ricardo Rodriguez spricht mit Granit Xhaka. Die beiden schauen sich aber nicht an. Sie sind vertieft in ihre Smartphones. Unweit der beiden ist Haris Seferovic am Texten. Von Xherdan Shaqiri sieht man gerade den Scheitel, weil er den Kopf zum Surfen im Internet gesenkt hält. Und Yann Sommer hat zwei Stöpsel im Ohr – er entspannt sich mit Musik. Auch in der modernen Fussballer-Generation ist das Handy nicht mehr wegzudenken. Die Nationalspieler haben das Smartphone wohl öfter in der Hand als den Ball am Fuss.

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Diesen Umstand haben sich Trainer und Staff-Mitglieder zunutze gemacht. Das Sammeln von Daten gehört mittlerweile zum Alltag der Fussballclubs. Alles wird erfasst: Wie schnell die Spieler laufen, wie weit, welche Laufwege sie zurücklegen, wie exakt sie passen und wie häufig. Bei Pflichtspielen stehen hochauflösende Kameras im Stadion, die alle Bewegungen aufzeichnen. Die Spieler tragen Chips und Sensoren am Körper, die zusätzliche Informationen liefern.

Was bisher die wenigsten wussten: Die wichtigsten Daten, Videos und PDF-Dateien landen via eigene Nati-App auf den Smartphones der Nati-Cracks.

Videos und Leistungsdaten direkt nach Schlusspfiff

«Jeder Spieler bekommt unmittelbar nach einem Spiel sämtliche Videos mit seinen Aktionen auf sein Handy. Das ist Bildmaterial von circa fünf bis acht Minuten Länge, worauf nur jene Szenen zusammengeschnitten sind, in der er involviert war», sagt Vincent Cavin, seit Sommer 2016 Videoanalyst im Betreuerteam von Nati-Coach Vladimir Petkovic. So erfahren Schär, Xhaka & Co. auf digitalem Weg, was sie zuvor auf dem Rasen richtig oder falsch gemacht haben.

Die Spieler erhalten auch ihre Leistungsdaten. So wissen sie, wie viele Kilometer sie gelaufen sind, wie viele Sprints sie angezogen haben, wie hoch dabei die Belastung war und wann und wie lange sie in ein Leistungstief gekommen sind – wenn das der Fall war. «Technisch können wir alles erfassen, analysieren, aufbereiten und schicken», sagt Cavin, «aber zu viel ist nicht gut. Am Ende entscheidet der Spieler, was er sich ansehen will und wann.»

Der Trainer will alles sehen

Auch Nati-Trainer Vladimir Petkovic nutzt die technischen Hilfsmittel für seine Arbeit. «Der Trainer will sogar alles sehen», so Cavin, «er hat schon in Italien mit Video-Analyse gearbeitet. Die Sicht an der Seitenlinie ist für den Trainer zu wenig gut, um das Spiel wirklich analysieren zu können. Zudem beeinflussen die Emotionen die Aufarbeitung. Deshalb sieht sich der Trainer das ganze Spiel noch einmal auf Video an.»

Das sei oft auch der Grund, macht Cavin eine Klammer um seine Ausführungen, warum Trainer generell nach Spielen gegenüber den Medien nur knappe Bilanzen ziehen oder ihre Meinung später gar revidieren müssen.

Was, wenn der Akku leer ist?

Die modernen Hosencomputer taugen aber längst nicht nur für Kurzvideos oder PDF-Dateien. Die Spieler chatten untereinander, tauschen Informationen aus, manchmal auch ganz simple. Dazu hat man bei der Nati eigene Chats eingerichtet. Einen unter den Spielern, die sich mal zum Geburtstag oder zu einem guten Spiel gratulieren, aber auch einen für Staff-Mitglieder und Spieler.

Da flattern die wichtigsten Infos fürs Team herein: Wann fährt der Bus ins Training los? In welchem Saal haben wir Theorie? Wann gibt es Znacht? Wer hat wann einen Termin beim Physio? Auch wenn der Team-Bus nicht auf einen Spieler warten muss, weil der noch bei der Dopingkontrolle hängen geblieben ist oder einen Medientermin wahrnehmen muss, wird dies übers Smartphone kommuniziert.

Das einzig Dumme daran: Wenn einer den halben Tag nicht aufs Handy schaut, verschläft oder der Akku leer ist und dann auf einmal 55 neue Whatsapp-Nachrichten angezeigt bekommt, kann es schon vorkommen, dass die eine oder andere wichtige Info in der Bilder-, Video- und Textflut untergeht.

Tore schiesst das Smartphone keine

Ein Infozettel an der Pinnwand? Eine Telefonkette? Ein Anruf? Das ist längst überholt. Die neue und sichere Kommunikationsform in der Nati ist das Handy. Es genügt ein Fingertipp auf das Display, und die gewonnenen Dribblings oder Ballverluste sind gezählt – für jeden Spieler. Nur Tore schiessen und verhindern müssen sie immer noch selber. Dafür gibt es weder ein Smartphone noch eine App.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mani Motz am 08.11.2017 07:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht auf dem Feld

    Solange sie auf den Feld nicht das Handy zücken, ist es ok.

  • Uncle SAM am 08.11.2017 08:48 Report Diesen Beitrag melden

    Jeder hat ne Wanze

    "Das Smartphone ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken" zum Glück aus meinem nicht!

  • Tomson1994 am 08.11.2017 07:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Analyse gut ABER

    Mit Handy führt man nicht....

Die neusten Leser-Kommentare

  • Realist am 08.11.2017 13:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zwei Fragen

    1) Warum wird immer dieser Shakiri gezeigt? Es hat mindestens noch 10 Andere die ebenso gut sind - oder besser! 2) Müssen die nicht Fussball spielen damit es Matchentscheidend wird? Oh, dann verlieren die in Nordirland weil das Smartphone nicht dabei war?

  • Mertin am 08.11.2017 13:09 Report Diesen Beitrag melden

    Schlüsselrolle.

    Fragen Sie einen dieser Boys, was ein Buch ist.

  • Smudo am 08.11.2017 11:55 Report Diesen Beitrag melden

    Traurig

    Wie traurig die Welt geworden ist . Superjob Monsieur Steve Jobs . Wieviele tote gab es schon Weltweit wegen den sozialen Netztwerken . Wie schön miteinander verbunden zu sein oder eben nicht .

  • huschmie am 08.11.2017 10:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schiris?

    Wie ist das bei den Schiris? Zeigt denen auch ein Film, was sie gut oder weniger gut gemacht haben. Darüber erfährt man leider viel zu wenig.

  • der Fussballkenner am 08.11.2017 09:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mbabu vs Lang

    Herr Petkovic Warum nicht mal Mbabu in die Nati aufbieten?. Für mich zeigt er in dieser Saison eine sehr Konstante Leistung.