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EM-Qualifikation
03. September 2010 14:45; Akt: 03.09.2010 15:13 Print
Stolpersteine warten auf WM-Versager
von Philipp Reich - Im Gegensatz zur Schweiz geht es für Europas grosse Fussballnationen bereits heute um die Wurst. Während die einen den Schwung von der WM mitnehmen wollen, geht es für die anderen um Wiedergutmachung.

Frankreichs Fussballer stehen vor dem Spiel gegen Weissrussland ganz schön unter Druck. (Bild: AFP)
Unterschiedlicher hätte die WM für die «Grossen» des europäischen Fussballs nicht verlaufen können. Während Spanien, Holland und Deutschland die WM-Kampagne als Erfolg verbuchen konnten, sind in England, Frankreich und Italien noch nicht alle Wunden des in Südafrika erlittenen Debakels verheilt.
Vicente del Bosque hat beim Training offenbar grossen Spass.(Bild: AFP)
Spanien: Kantersieg ist Pflicht
Sorgen hat Vicente del Bosque vor dem Auftakt in die EM-Qualifikation gegen Liechtenstein keine. Zwar schrammte der Welt- und Europameister vor drei Wochen gegen Mexiko nur haarscharf an einer Niederlage vorbei, doch im spanischen Lager hat niemand Angst, sich im «Ländle» blamieren zu können. Alle Topstars - bis auf den verletzten Puyol - sind an Bord. Was soll also schiefgehen?
In Spanien diskutiert man nur über die Höhe des zu erwartenden Sieges und ob David Villa bereits gegen den Fussballzwerg den Torrekord von Raúl bricht. Um die Bestmarke des Schalke-Stürmers zu toppen, müsste der Torjäger in Vaduz drei Treffer erzielen. Rekordschütze Raúl hatte in seinen 102 Länderspielen für Spanien 44 Tore geschossen, Villa kommt auf 42 Treffer in 65 Spielen.
Frankreich: Die Angst vor den eigenen Fans
Einen radikalen Neustart wollte Frankreichs neuer Trainer Laurent Blanc mit seiner «Equipe tricolore» vollziehen. Mangels Alternativen musste der neue französische Hoffnungsträger nach dem 1:2 in Norwegen im August aber acht Spieler aus dem WM-Kader aufbieten. Fehlen werden weiterhin die vom Verband gesperrten Nicolas Anelka, Franck Ribéry, Patrice Evra und Jeremy Toulalan. Nicht mit dabei sind die aussortierten Yoann Gourcuff, Sidney Govou, Djibril Cissé und der zurückgetretene Thierry Henry.
Vielmehr Sorgen als um die Qualität des Kaders müssen sich die Franzosen über die Reaktionen des eigenen Publikums machen. Zum ersten Mal nach dem peinlichen Auftritt bei der WM spielt die Grande Nation wieder in der Heimat. «Ich fürchte das Wiedersehen mit den Fans», gab Arsenals Abou Diaby offen zu. Damit sprach er wohl etlichen Kollegen aus der Seele. Nicht auszudenken, wie die Zuschauer auf eine weitere Niederlage gegen den Underdog aus Weissrussland reagieren würden.
Holland: Van Bommel neuer Kapitän
Wie Spanien kann Holland seinen ersten Auftritt in der EM-Qualifikation gelassen angehen. Gegen San Marino sollten die drei Punkte leicht einzufahren sein. Das Team des Vizeweltmeisters bleibt beinahe unverändert, Bert van Marwijk setzt auf bewährte Kräfte. Mark van Bommel erbt vom zurückgetretenen Giovanni van Bronckhorst die Kapitänsbinde und als Ersatz für den verletzten Robin van Persie steht Ruud van Nistelrooy wieder im Kader der «Oranje». Verzichten müssen die Holländer weiterhin auf Arjen Robben, der noch mehrere Monate ausfallen wird.
England: Capellos letzte Chance?
«Erst schafft ihr den Gott, dann schafft ihr das Monster», sagte England-Trainer Fabio Capello an der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Bulgarien in seinem gewohnt leicht gebrochenen Englisch. Der Italiener, der nach der verpatzten WM partout nicht zurücktreten wollte, hadert vor dem Start in die EM-Qualifikation mit der englischen Presse. Das Ansehen von Capello, einem der erfolgreichsten Vereinstrainer der Welt, ist nach den schlechten WM-Auftritten der «Three Lions» und insbesondere nach der 1:4-Schlappe gegen Deutschland drastisch umgeschlagen. Dem zuvor allseits gelobten Teamchef wurden unter anderem mangelnde Fach- und Englischkenntnisse unterstellt.
Capello hat aber nicht nur Sorgen mit der Presse, auch sein Kader ist vor den Spielen gegen Bulgarien und die Schweiz zusammengeschrumpft. Tottenham-Stürmer Peter Crouch musste ebenso absagen wie Rio Ferdinand und die Chelsea-Stars John Terry und Frank Lampard. Auf der Torhüter-Position plagen die Engländer die üblichen Sorgen. Zu Beginn des Zusammenzugs stand Capello mit Joe Hart nur ein Keeper zur Verfügung, so dass kurzfristig der 19-jährige James Shea, die Nummer 5 von Arsenal, einspringen musste.
Deutschland: Ballack komplett vergessen machen
Beim WM-Dritten Deutschland sorgte wie schon vor der WM ein Abwesender für die fettesten Schlagzeilen. Ob Michael Ballack oder doch Philipp Lahm die DFB-Elf als Kapitän anführen soll, war die grosse Frage. Bundestrainer Joachim Löw entschied sich für einen Kompromiss und ernannte Ballack wieder zum Captain (Lahm bleibt Co-Captain), bot ihn allerdings nicht für die Partie gegen Belgien auf. Der Mittelfeld-Stratege ist nach seiner Knöchelverletzung noch immer nicht ganz fit. Mittlerweile wurde der 33-Jährige auch noch von einem Magen-Darm-Infekt «lahm»-gelegt.
Für Löw war aber ohnehin klar, dass er auch gegen Belgien im zentralen Mittelfeld wieder auf die Achse Khedira-Schweinsteiger setzen will. Auch ansonsten vertraut Löw seinen jungen WM-Helden. Vor dem Spiel gegen die «Roten Teufel» aus dem Nachbarland mahnte Löw sein Truppe, die Partie nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. «Wir sind in und nach Südafrika viel gelobt worden», sagt der Bundestrainer. «Aber nun warten neue Herausforderungen auf uns. Jetzt müssen die Spieler den nächsten Schritt gehen und sich weiter verbessern.»
Italien: Hoffen auf den ersten Sieg des Jahres
Das schwache Abschneiden in Südafrika hat deutlich am Selbstwertgefühl der «Squadra Azzurra» gekrazt. Kein Wunder will der neue Trainer Cesare Prandelli vor dem Auftaktspiel gegen Estland die Erwartungen so gering wie möglich halten. «Das Spiel in Estland wird kein Selbstläufer. Der italienische Fussball hat an Qualität eingebüsst, die wir erst wieder zurückgewinnen müssen», sagt der ehemalige Florenz-Coach. «Wir müssen wieder anfangen, Fussball zu spielen.»
Mit einer total umgekrempelten Truppe, in der nur noch Daniele de Rossi und Andra Pirlo aus Lippis Weltmeister-Team von 2006 zentrale Rollen zukommen, will Prandelli die Italiener zurück in den Kreis der grossen Fussball-Nationen führen. «Wir haben viele neue Spieler, die hoffentlich eine grosse Zukunft mit diesem Team vor sich haben.»
Der Auftakt in die Ära Prandelli ist der «Squadra Azzurra» jedoch bereits missraten. Das Freundschaftsspiel gegen die Elfenbeinküste Mitte August ging 0:1 verloren und so warten die Tifosi auch vor dem Spiel gegen Estland noch immer auf den ersten italienischen Sieg im Jahr 2010.


























