Fussball-Wettskandal

08. November 2012 18:37; Akt: 08.11.2012 18:38 Print

Anklage fordert bedingte Geldstrafen

Im Prozess um den Challenge-League-Wettskandal hat der Torwart des FC Gossau bestritten, absichtlich Treffer zugelassen zu haben. Die Anklage fordert hingegen bedingte Geldstrafen von rund 12 000 Franken.

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Der grösste Wettskandal aller Zeiten erschüttert im November 2009 den europäischen Fussball: Mehr als 200 Spiele in neun Ländern stehen unter Manipulationsverdacht, davon drei sogar in der Champions League. In der Schweiz sind 22 Challenge-League-Spiele betroffen. Beim Australian Open 2003 wurden beim Match zwischen Andrej Pavel (Bild) und Renzo Furlan mehrere zehntausend Franken auf Aussenseiter Furlan gesetzt. Mit Erfolg - denn Pavel gab verletzt auf. 1971 war dem abstiegsbedrohten Bielefeld der Ligaerhalt mit zwei erkauften Siegen gegen Schalke und Hertha Berlin rund 300 000 Mark wert. Die Folge: Der deutsche Verband verhängte Sperren und Geldstrafen gegen 53 Profis und zwei Trainer. Ex-Liverpool-Goalie Bruce Grobbelaar soll 1993 umgerechnet rund 100 000 Franken kassiert haben, damit er im Spiel gegen Newcastle absichtlich daneben greift. Liverpool verlor 0:3. Einer der grössten Wettskandale erschütterte 2006 Italien: Nach Manipulationen musste Juventus Turin mit Aushängeschild Del Piero (Bild) absteigen, die AC Milan, Fiorentina und Lazio Rom wurden mit saftigen Punkteabzügen bestraft. Weltklasse-Jockey Kieren Fallon soll insgesamt 27 Flachrennen manipuliert haben. Er steht derzeit in London vor Gericht. Der Fall «Hoyzer»: Der deutsche Schiedsrichter gab 2005 zu, gegen Sach- und Geldzuwendungen von ihm geleitete Fussballspiele beeinflusst zu haben. Er wurde daraufhin lebenslang gesperrt. Dem ATP-Dritten Novak Djokovic sollen umgerechnet 157 000 Euro für eine Niederlage in der ersten Runde von St. Petersburg geboten worden sein. Der Serbe lehnte jedoch ab. Schon 1928 wurde getrickst: Die Täter hörten Radio und erfuhren so frühzeitig vom Ausgang eines Pferderennens. Danach setzten sie bei einem Buchmacher auf das siegreiche Pferd. Dieser wusste noch nichts über den Ausgang des Rennens. Schiedsrichter Kurt Röthlisberger soll 1996 vor dem Champions-League-Spiel gegen Auxerre bei GC angefragt haben, ob sein weissrussischer Kollege für 100 000 Franken «zumindest nicht gegen GC entscheiden soll». Wettskandal 1980 in Italien: Die AC Milan und Lazio Rom mussten in die Serie B, weitere Klubs bekamen Punkteabzüge, 20 Spieler wurden bis zu sechs Jahre gesperrt, darunter auch Nati-Stürmer Paolo Rossi (Bild, r.). Auch Sturm Graz stand schon mehrmals unter Manipulationsverdacht. Einerseits sollten die Österreicher in den Hoyzer-Skandal verwickelt gewesen sein, andererseits sollen sie auch in der heimischen Liga getrickst haben. Ex-Olympique-Marseille-Präsident Bernard Tapie hat 1993 Valenciennes geschmiert und daraufhin mit seinem Team den Meistertitel gefeiert. Ein Gericht verurteilte Tapie 1997 wegen Korruption zu einer mehrjährigen Haftstrafe. Im Oktober 2003 warf man dem Russen Jewgeni Kafelnikow vor, absichtlich gegen Fernando Vicente verloren zu haben. Weltweit wurden damals 130 000 Euro auf Vicente gewettet, obwohl dieser zuvor fünf Monate lang kein Spiel gewonnen hatte. Der spielsüchtige Basketball-Schiedsrichter Tim Donaghy soll mindestens zwei Jahre lang auf NBA-Spiele gewettet haben, während er über 80 Meisterschaftsspiele leitete. Donaghy trat freiwillig zurück. Portugals Ex-Verbandspräsident Valentim Loureiro teilte dem Drittligisten Gondomar in den Aufstiegsspielen die «richtigen» Schiedsrichter zu. Diese erhielten von ihm die «goldene Pfeife». Loureiro war auch in weitere Manipulationen verwickelt. Auch 2004 ging es in Italien nicht mit rechten Dingen zu und her: Nach Spielmanipulationen wurden dem Serie-B-Verein Modena Punkte abgezogen, 33 Spieler, Trainer und Vereinsfunktionäre sowie zwölf Fussballklubs wurden angeklagt.

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Vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona hat am Donnerstag der Prozess gegen zwei ehemalige Fussballer des FC Gossau begonnen. Sie stehen unter dem Verdacht, im Zusammenhang mit internationalem Wettbetrug Spiele manipuliert zu haben. Die Anklage forderte bedingte Geldstrafen.

Nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft (BA) wurden die beiden früheren Torhüter im Jahr 2009 von einer international agierenden Betrügerbande angeworben. Die Aufgabe der Beschuldigten sei es gewesen, Spiele des FC Gossau in der Challenge League auf ein bestimmtes Spielergebnis hin zu beeinflussen.

Dies hätte den Drahtziehern des Betrüger-Netzwerkes die Möglichkeit gegeben, hohe Wetteinsätze auf die Matches abzugeben. Von dem Gewinn sollen die 27 und 35 Jahre alten Männer finanziell mitprofitiert haben. Laut BA verdiente der jüngere Fussballer rund 5000 Franken, sein älterer Clubkollege 30 000 Franken.

Die Bundesanwaltschaft beantragte für den 27-Jährigen eine bedingte Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 120 Franken, sprich 7200 Franken, und eine Ersatzforderung von 5000 Franken. Der zweite Angeklagte soll - bedingt ausgesprochen - 270 Tagessätze à 10 Franken und eine Ersatzforderung von 10 000 Franken zahlen.

Verteidigung fordert Freispruch

Der 27-Jährige, der heute noch als Profifussballer aktiv ist, bestreitet die Anschuldigungen. Im Detail wird ihm Gehilfenschaft zu gewerbsmässigem Betrug bzw. versuchtem Betrug vorgeworfen. Der Anwalt forderte einen Freispruch.

Sein Klient habe sich zu keinem Zeitpunkt an einer Spielmanipulation beteiligt und sei auch gar nicht angefragt worden, sagte er in seinem Plädoyer. Auch der Verteidiger des zweiten Beschuldigten setzte auf Freispruch.

Sollte es doch zu einer Verurteilung kommen, halte er maximal eine bedingte Geldstrafe bis zu 180 Tagessätzen zu je 10 Franken für angemessen. Der 35-jährige Angeklagte gestand einen Teil der Vorwürfe ein. Er steht wegen Mittäterschaft und Gehilfenschaft bei gewerbsmässigem Betrug vor Gericht.

Zum Anwerber aufgestiegen

Der heutige Versicherungsvertreter gab am Donnerstag zu, von Manipulationsversuchen gewusst zu haben. Er hätte solche auch zugesagt. Auf dem Spielfeld habe er aber immer sein Bestes gegeben. Die Bundesanwaltschaft glaubte ihm nicht.

Sie hielt es für erwiesen, dass der Angeklagte bewusst Tore kassierte. Zudem soll er im Verlauf des Jahres innerhalb der Tätergruppe zu einem Vermittler und Anwerber aufgestiegen sein.

In der Verhandlung am Donnerstag ging es um fünf Spiele der Challenge League in 2009. Bei folgenden Begegnungen soll das Endergebnis künstlich herbeigeführt worden sein: FC-Gossau - FC Locarno (0:4) und FC Servette - FC Gossau (4:0) im Mai, FC Lugano - FC Gossau (7:0) im September und FC Gossau - FC Vaduz (1:4) im November.

Auch beim Spiel FC Locarno - FC Gossau (2:2) im August 2009 soll es Betrugsversuche gegeben haben. Allerdings erzielte die Manipulation gemäss BA nicht das gewünschte Resultat.

Die Urteilsverkündung ist für Dienstag vorgesehen. Am Montag müssen sich zwei weitere Personen wegen ähnlicher Vorwürfe vor dem Bundesstrafgericht verantworten. Unter ihnen ist ein ehemaliger Stürmer des FC Thun. Auch in ihren Fällen folgt das Urteil am Dienstag.

Drahtzieher in Deutschland verurteilt

Der internationale Wettskandal im Fussball flog im Jahr 2009 auf. Der Hauptbeschuldigte, ein Deutsch-Kroate, wurde im Mai 2011 wegen gewerbsmässigen Betrugs in Bochum zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt.

Der Mann und zwei Mittäter hatten gestanden, Spiele in sechs Ländern manipuliert zu haben. In der Schweiz sollen gemäss BA 28 Spiele betroffen gewesen sein.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Friedrich Wolff am 09.11.2012 11:45 Report Diesen Beitrag melden

    Strafmass lächerlich -BA wieder einmal v

    Was hat sich die Bundesanwaltschaft beim Strafmass gedacht: 12500 CHF Strafe, hingegen 30000 CHF aus dem Betrug erhalten (nicht "verdient"). Das animiert zum Nachahmen!

  • Jürg Greiff am 08.11.2012 11:31 Report Diesen Beitrag melden

    Glauben

    Wer es glaubt wird seelig, nur den Glauben fehlt!

  • Martin Lehmann am 08.11.2012 20:23 Report Diesen Beitrag melden

    Bedingt

    Bedingte Strafen sind einfach nur laecherlich

Die neusten Leser-Kommentare

  • Friedrich Wolff am 09.11.2012 11:45 Report Diesen Beitrag melden

    Strafmass lächerlich -BA wieder einmal v

    Was hat sich die Bundesanwaltschaft beim Strafmass gedacht: 12500 CHF Strafe, hingegen 30000 CHF aus dem Betrug erhalten (nicht "verdient"). Das animiert zum Nachahmen!

  • Martin Lehmann am 08.11.2012 20:23 Report Diesen Beitrag melden

    Bedingt

    Bedingte Strafen sind einfach nur laecherlich

  • Jürg Greiff am 08.11.2012 11:31 Report Diesen Beitrag melden

    Glauben

    Wer es glaubt wird seelig, nur den Glauben fehlt!