Fussball auf Schottisch

05. Februar 2012 20:38; Akt: 06.02.2012 08:57 Print

Aus Fangesängen werden Hass-VerbrechenAus Fangesängen werden Hass-Verbrechen

von Philipp Dahm - Das Gesetz ist noch nicht in Kraft, trotzdem geht die Polizei schon rigoros gegen Fans vor: Schmäh-Lieder sind in den Stadien von Celtic Glasgow und den Rangers ab sofort verboten.

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Stephen Birrell ist Fan des Protestanten-Clubs Glasgow Rangers. Im Februar und März 2011 zeigt er auf Facebook, was er vom Rivalen Celtic Glasgow hält. «Sie pflügen die Felder, die Dreckssäcke», schreibt er. Und: «FTP» [Fuck the Pope]. Aber auch: «Hoffe, sie werden alle sterben. Einfach. Katholische Dreckssäcke. Haha.» Im September verhaftet die Polizei den 28-Jährigen wegen dieser Äusserungen: Der vorbestrafte Schotte muss für das «Hass-Verbrechen» acht Monate ins Gefängnis und bekommt fünf Jahre Stadionverbot. Kein Vergleich zum jüngsten Match in Kairo, wo die Polizei zusah, wie 74 Menschen ihr Leben liessen.

Das Signal, das die schottische Justiz an Fussballfans senden will, ist klar: «Egal ob die Delikte beim Fussballspiel selbst passieren, bei der An- oder Abreise oder wie bei diesem Fall durch Online-Drohungen: Wir werden alles in unser Macht stehende tun, um diejenigen, die solche Verbrechen begehen, der Gerechtigkeit zuzuführen» unterstreicht Generalstaatsanwalt Lesley Thomson laut BBC nach der Urteilsverkündung. Ganz anders sieht das der Kommentator der Zeitschrift «Spectator»: «Es handelt sich bloss um Meinungen. Und diese Art von Meinung in Schottland zu äussern kann nun eine Gefängnisstrafe nach sich ziehen.»

Verhaftet für «Geht nach Hause, ihr Hunnen»

Der neue harte Kurs in der schottischen Fussball-Fanszene trifft jedoch beileibe nicht nur die Loyalistischen Anhänger der Glasgow Rangers, sondern auch die Rivalen von Celtic Glasgow mit ihrer irisch-republikanischen Gesinnung. Beim Spiel des Clubs gegen Hibernian FC wurde ein 17-Jähriger verhaftet, weil er angeblich das Lied «Up the [I]RA» geschmettert hat. Die Polizei nahm den Delinquenten an einem Freitagmorgen zu Hause fest, weil sein Stück die IRA verherrliche und sektiererisch, also abweichlerisch sei. Den Richter sieht der Jugendliche erst am darauffolgenden Montag: Ein Antrag auf Kaution lehnt dieser zum Wochenauftakt ab.

Die Fans der beiden Stadtrivalen protestieren seit September gegen die neue Gangart, die eigentlich erst ab dem 1. März 2012 gesetzlich in Kraft tritt (siehe Infobox rechts). Beim Spiel von Celtic Glasgow gegen Inverness Castle Thistle am 25. September stellt die Gruppierung «Green Brigade» für 50 Minuten das Singen ein. Die Gesetzesänderung «wurde gemacht, um die Celtic-Unterstützung für die irische Identität und das Singen von Liedern für die irische Nation zu torpedieren», kritisieren die Fans in einer Erklärung. «Beim letzten Spiel gegen Motherwell wurde ein Fan verhaftet, weil er ‹Geht nach Hause, ihr Hunnen› gesungen hat.»

Fans bei Rückkehr aus Sion abgepasst

Drei Tage später ziehen die Leidensgenossen der Rangers nach und organisieren eine Demonstration nach dem Match gegen Kilmarnock. Die Gruppierungen «Blue Order» und «The Union Bears» machen ihrem Unmut ebenfalls mit einem Statement Luft. «Das Gesetz diskriminiert Fussballfans. Die Umsetzung bedeutet, dass jeder Fussball-Anhänger verhaftet werden könnte, ohne dass er die Polizei harte Beweise beibringen muss.» Die Gruppen betonen gleichzeitig, dass sie «gegen Sektierertum und Rassismus in allen Formen» seien.

Besonders befremdlich ist, dass das Gesetz auch für das Ausland gilt. Die «Green Brigade» beschreibt, wie die Celtic-Anhänger nach ihrem Euro-League-Auswärtsspiel in der Schweiz behandelt wurden: «Bei jedem Match werden wir konsequent gefilmt und sind Opfer kleiner Einschüchterungen. Zum Beispiel wenn dich fremde Polizisten mit Vornamen grüssen. Fans, die in den frühen Morgenstunden aus Sion zurückkamen, wurden von einer Willkommensdelegation der Polizei von Glasgow empfangen, die da war, um Hallo zu sagen und ihre Bilder zu schiessen.»

Schmäh ist international

Der Eifer der Ordnungsmacht geht sogar so weit, dass die Polizei von Glasgow die UEFA einschaltet – wie nach dem Celtic-Heimspiel in der Europa League gegen den französischen Club aus Rennes. «Es gibt eine Reihe von Belegen, dass während des Spiels beleidigende Lieder gesungen wurden und eine Untersuchung ist im Gange, um die Verursacher zu identifizieren», sagte ein Polizeisprecher laut BBC.

Die UEFA belegte Celtic zusätzlich mit einer Geldstrafe von 12 700 Pfund, obwohl fraglich ist, ob die Gäste aus Rennes pro-IRA-Gesang überhaupt als solchen erkennen. Dasselbe Spiel bei den Rangers, die nach ihrem Match gegen PSV Eindhoven im März 2011 bestraft wurden. Das Singen religiös herabwürdigender Lieder führte zu einer Geldstrafe von 40 000 Euro und einer Sperrung der Fans für das nächste Spiel in der Eruopa League.

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  • Th. Brugger am 06.02.2012 19:01 Report Diesen Beitrag melden

    Traurig

    Unglaublich wieviel Leute sich hier einen Polizei- und Überwachungsstaat wünschen. Ihr solltet euch mal ein wenig mit der Geschichte auseinandersetzten um zu begreiffen was ihr euch da Wünscht! Das Vorgehen in Schottland ist Menschenrechtsunwürdig und kommt sonst nur in Diktaturen vor.

  • Hr.Schreiber am 06.02.2012 15:08 Report Diesen Beitrag melden

    Richtig so!

    Ja das ist auch richtig so, solche Hasstiraden und Hooligans sollten komplett aus den Stadien ferngehalten werden, Fussball braucht keinen Hass oder Gewalt, egal in welcher Form! Und wer meint da aus der Reihe tanzen zu wollen der soll bestraft werden. Wer das nicht kapiert hat sowiso Grundlegend etwas komplett falsch verstanden.

    • SKLER am 06.02.2012 15:44 Report Diesen Beitrag melden

      Sonst ist alles in Ordnung?

      Hallo Hr. Schreiber Sie stehen wohl daruf, das alles geregelt und kontrolliert wird. Finden Sie einen Polizeistaat toll? Wenn Sie einer anderen Person "Schlötterlig" austeilen, soll dann der Staat Sie bestrafen?. Ist wirklich unglaublich, viel Leute wie Sie bestrafungsgeil sind.

    einklappen einklappen
  • nurmalso am 06.02.2012 14:47 Report Diesen Beitrag melden

    Kommt mir bekannt vor

    Ich musste gerade an "Demolitian Man" denken, wo Automaten bei jedem Fluchwort gleich die passende Busse ausspucken. Insbesondere die schwammige Definition der Delikte ist skandalös, da ist Willkür vorprogrammiert.

Axpo Super League

Datum Spiel Resultat
23.05.12  Basel - Young Boys 1:2 (1:1)
23.05.12  Sion - Luzern 1:3 (1:1)
23.05.12  Lausanne-Sport - Grasshoppers 2:1 (1:1)
23.05.12  Thun - Zürich 2:4 (0:0)
R Mannschaft Sp S U N G : E P
1. Basel 34 22 8 4 78 : 33 74

2. Luzern 34 14 12 8 46 : 32 54
3. Young Boys 34 13 12 9 52 : 38 51
4. Servette 34 14 6 14 45 : 53 48

5. Thun 34 11 10 13 38 : 41 43
6. Zürich 34 11 8 15 43 : 44 41
7. Lausanne-Sport 34 8 6 20 29 : 61 30
8. Grasshoppers 34 7 5 22 32 : 66 26

9. Sion 34 15 8 11 40 : 35 17 (-36)

10. Neuchâtel Xamax 18 7 5 6 22 : 22 26
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