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Büchse der Pandora
19. Dezember 2011 08:53; Akt: 19.12.2011 11:12 Print
Das wirkliche Problem hinter dem «Fall Sion»
von Klaus Zaugg - Wenn sich unsere Richter der FIFA beugen, dann hat Christian Constantin grosse Chancen, dass er den Fall gewinnt. Werden immer mehr Sportmacher seinem Beispiel folgen?
Normalerweise lassen sich Probleme mit aufmüpfigen Bürgerinnen und Bürgern aussitzen. Weil das Volk Querulanten nicht mag und eher früher als später nach Ordnung ruft und den Ruhestörer mit Verachtung («Schtürmicheib») straft. In der schnelllebigen Zeit des 21. Jahrhunderts gibt es deshalb kaum mehr Revoluzzer, die hartnäckig bleiben und für ihre Sache kämpfen.
Bildstrecken Die Machenschaften des CCReiche Fussballklub-BesitzerAber Christian Constantin hat es geschafft, vom Ruhestörer zum Helden aufzusteigen. Längst interessiert sich das Publikum im «Fall Sion» nicht mehr für juristische Einzelheiten. Sondern schlägt sich emotional auf die Seite des Einzelkämpfers, der gegen das scheinbar korrupte, böse FIFA-Imperium von Fussball-Sonnenkönig Sepp Blatter kämpft.
Der moderne Wilhelm Tell
Das Timing könnte nicht besser sein: Ein gutes halbes Jahr nach Blatters Wiederwahl zum FIFA-Präsidenten, nach all den Geschichten um Korruption und Machtkämpfe, die uns noch in bester Erinnerung sind, steht mit Christian Constantin einer gegen eben diese FIFA auf. Er wird zum modernen Wilhelm Tell, der für Recht und Gerechtigkeit, fürs Wallis und für die Schweiz gegen die bedrohlichen internationalen Mächte kämpft. Unsere Fussballgeneräle können nicht mehr darauf hoffen, dass das Publikum «nieder mit Constantin!» schreit – ganz im Gegenteil. Es ruft «Es lebe Constantin!» Damit hat der Sion-Zampano die Öffentlichkeit hinter sich.
Doch es geht noch um viel mehr: Längst geht es um Prinzipien, Macht und Eitelkeiten. Damit ist ein Kompromiss beinahe ausgeschlossen. Die FIFA wird darauf beharren, dass die Forfait-Niederlagen gegen den FC Sion vollzogen werden. Da besteht keine Hoffnung auf die Gnade des Kompromisses. Eher hebt die katholische Kirche eine Exkommunikation auf, als dass Sepp Blatter seinen Intimfeind Christian Constantin (oder den Schweizerischen Fussballverband) laufen lässt.
SFV beging unverzeihliche Fehler
Also wäre es einfach, wenn der Fussballverband (bzw. die Nationalliga bzw. unsere Fussball-Gerichtsbarkeiten) den Willen der FIFA-Obrigkeit vollstrecken und in Gottes Namen halt den FC Sion mit den Forfait-Niederlagen bestrafen würde. Aber das geht auch nicht einfach so – und da kommt wieder ins Spiel, dass Christian Constantin von unseren Fussball-Generälen von allem Anfang an unterschätzt worden ist. Wer gegen Constantin vorgeht, darf keine Fehler machen. Schludrigkeit und Formfehler wirken sich fatal aus. Die helvetische Fussballadministration hat im «Fall Sion» liederlich gearbeitet und unverzeihliche Fehler begangen (wie die irrtümliche Lizenzierung der vom FIFA-Transferbann betroffenen Spieler), die nicht mehr korrigiert werden können. Und die, noch viel schlimmer, dazu führen, dass Christian Constantin vor zivilen Gerichten hohe Gewinnchancen hat.
Stark vereinfacht gesagt: Wenn sich unsere Fussballrichter der FIFA beugen, dann hat Christian Constantin grosse Chancen, dass er den Fall vor Bundesgericht doch gewinnt. Damit hat Constantin alle in der Falle: Widersetzen sich unsere Fussballgeneräle der FIFA, dann erliegen sie dem FIFA-Bann: Keine Champions League mit dem FC Basel, keine Länderspiele, keine WM-Qualifikation. Beugen sie sich der FIFA, könnten sie bald vom Bundesgericht dazu gezwungen werden, die Bestrafung gegen Sion zurückzunehmen und gegen die FIFA zu entscheiden. Da sich die zivilen Richter etwas Zeit nehmen – sie haben sich halt auch noch mit anderen Fällen zu beschäftigen - und deshalb ein Gerichtsurteil vor Schluss der Fussballmeisterschaft nicht erwartet werden darf, droht die Mutter aller Sport-Operetten: Unsere Fussball-Meisterschaft ist beendet. Aber wegen ausstehender Gerichtsurteile ist nicht klar, wer Meister und wer Absteiger ist.
Klagen, die sich lohnen
Befeuert wird die ganze Auseinandersetzung noch durch die Aussicht auf Schadenersatzklagen gegen die verschiedensten Institutionen. Klagen, die sich lohnen. Da sowohl der Schweizerische Fussballverband als auch die UEFA (Europäischer Fussballverband) und der Weltfussballverband FIFA erstens prallvolle Kassen haben und zweitens durch den Sitz in der Schweiz dem Zugriff unserer zivilen Gerichte ausgesetzt sind.
Mit recht grosser Wahrscheinlichkeit wird sich der Fussballverband dem Druck der FIFA beugen und dann den juristischen Kampf mit Christian Constantin aufnehmen bzw. weiter führen, und Constantin wird versuchen, die Schweizer Justiz gegen die FIFA in Gang zu setzen. Wir dürfen uns also auf weitere Folgen dieser «Fussball-Lindenstrasse» freuen.
Die neue Lust an Prozessen
Die ganz grosse Frage ist allerdings: Hat Christian Constantin mit seinen Gängen vor zivile Richter eine Büchse der Pandora geöffnet, die nie wieder verschlossen werden kann? Werden immer mehr Sportmacher seinem Beispiel folgen und versuchen, vor zivilen Gerichten sportliche Niederlagen oder Fehler zu korrigieren?
Das wäre fatal. Am Horizont zieht nun so oder so bereits die Götterdämmerung für die sportpolitische Weltgeltung unseres Sportes herauf: Diese neue Lust an Prozessen gegen Sportverbände wird unabhängig vom «Fall Sion» fortleben. Die Geister, die Christian Constantin gerufen hat, wird der Sport so schnell nicht mehr los. Die Sportverbände werden nicht darum herumkommen, ihre Regulative und Gesetze so abzufassen, dass sie zivilem Recht entsprechen, und sie müssen künftig in der Umsetzung sorgfältiger arbeiten.
Anderes Verständnis von Korruption
Mittelfristig ist damit zu rechnen, dass immer mehr internationale Sportverbände ihren Hauptsitz in Länder ausserhalb der Schweiz, ja sogar ausserhalb des EU-Raumes verlegen werden. Vor allem jene mit grossem wirtschaftlichem Potenzial. Um sich dem Zugriff der zivilen Gerichte zu entziehen. In Südamerika, in Russland oder im Morgenland sind internationale Sportverbände vor jedem zivilen Richter sicher. Und ein FIFA-Hauptsitz in Rio de Janeiro ist ebenso repräsentativ wie einer am Zürichberg. Ob ein Hauptsitz verlegt wird, entscheiden in letzter Instanz die Mitgliederländer. Der grösste Teil dieser Länder aus Südamerika, Afrika, Asien und dem Morgenland haben ein ganz anderes Verständnis von Korruption, Recht und Gesetz als die Westeuropäer.
Wenn die grossen Sportverbände gehen, dann ist das der Anfang vom Ende der sportpolitischen Weltgeltung der Schweiz. Heute ist die Schweiz noch eine der politisch mächtigsten Sportnationen. Weil so viele internationale Verbände ihren Sitz in unserem Land haben, und entsprechend viele Schweizer in den Führungsorganen oder in der Administration sitzen. Die FIFA, die UEFA (Fussball), die IIHF (Eishockey), das IOC (Olympia), die FIBA (Basketball), die AIBA (Boxen), die ISU (Eiskunstlauf), die FIE (Fechten), die IHF (Handball), die EAA (Leichtathletik), die FIM (Töffrennsport), die FEI (Pferdesport), die UCI (Rad), die FISA (Rudern), die FINA (Schwimmen), die FIS (Ski) und der ESV (Schwingen) haben ihren Hauptsitz in der Schweiz. Die Weltpolitik des Sports wird also zu einem ganz grossen Teil in unserem Land gemacht.
Mit dieser Herrlichkeit inkl. einigen Hundertschaften sehr gut bezahlter Arbeitsplätze könnte es bald vorbei sein. Die Sport-Schweiz sitzt in Christian Constantins Falle.
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Alle 106 Kommentare































Ausschluss aus int. Wettbewerben
Ich denke, gegen eine 2 jährige Sperre in allen internationalen Wettbewerben nur für den FC Sion können sich auch die die schweizerischen Gersetze nicht stellen. Warum macht man diesen Fall auch so kompliziert?
Die FIFA muss ab sofort Steuern bezahlen
Liebe Steuerverwaltung Nun wäre es doch an der Zeit, die FIFA sofort der Einkommenssteuer zu unterstellen. Mal schauen, ob die dann noch immer so grosse Töne spucken.
gehts noch
entschuldigung, aber jede organisation, jeder verein, jede firma oder jede andere institution die versucht, dem gestzt eines landes zu entgehen ist doch mehr als fragwürdig und sollte niemals tolleriert werden...... in unserem südlichen nachbarland gibt es ebenfalls solche organisationen.. nur werden diese dort als mafia bezeichnet!