Deniz Naki

08. Januar 2018 11:34; Akt: 08.01.2018 14:50 Print

Mordanschlag auf ehemaligen St.-Pauli-Profi

Deniz Naki wehrt sich seit Jahren gegen die Politik Erdogans. Am Sonntagabend wurde er auf einer deutschen Autobahn beschossen.

Schüsse auf Ex-Bundesligaprofi: Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Video: Tamedia/AFP
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Deniz Naki hat bewegende Jahre hinter sich. Der in Düren, zwischen Aachen und Köln, geborene Spieler von Amed SK hat sich in der Vergangenheit des Öfteren kritisch zur Regierung des türkischen Präsidenten Recep Erdogan geäussert. Das rückte ihn regelmässig in den Fokus der nationalen und internationalen Medien. Abstand vom ganzen Trubel um seine Person also, die fussballfreie Zeit mit seinen Angehörigen geniessen – das schwebte Naki in der Winterpause der dritten türkischen Liga wohl vor.

Doch auch das bleibt ihm nun verwehrt. Als er am Sonntagabend in seinem schwarzen SUV nahe Düren unterwegs war, ereignete sich eine geradezu filmreife Szene. So soll der ehemalige Spieler von St. Pauli mitten auf der Autobahn aus einem neben ihm fahrenden Kombi beschossen worden sein, wie es Naki diversen deutschen Medien telefonisch bestätigte. Fotos von Einschusslöchern an einem Fenster und einem Reifen bestätigen die Aussage Nakis, der den Anschlag unversehrt überstand.

Naki ist überzeugt: Es war ein gezielter Angriff aufgrund seiner politischen Rolle in der Türkei. Denn Naki eckt an, Naki polarisiert. Und Naki propagiert in den Augen vieler Türken für die PKK, die Arbeiterpartei Kurdistans, die ein unabhängiges Kurdistan anstrebt. Der Mann, dem einst eine grosse Karriere bevorstand, der 2009 gemeinsam mit Mats Hummels und Jérôme Boateng für die deutsche U-21 spielte, nutzt seine Reichweite in den sozialen Medien dafür, um den Präsidenten der Türkei zu kritisieren.

Auf dem Platz niedergeschlagen

Das wurde ihm am Sonntagabend nicht zum ersten Mal zum Verhängnis. Wegen Erdogan-kritischer Bemerkungen wurde er im April 2017 zu fünf Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Vier Monate später, beim Saisonstart der dritten türkischen Liga, wurde Naki von einem gegnerischen Anhänger auf dem Platz angegriffen und niedergeschlagen. Er spielte weiter und erzielte beim 7:0 gegen Mersin IY das fünfte Tor, beklagte sich danach nur über Rückenschmerzen und war froh, sich nicht gewehrt zu haben.

Naki denkt nicht daran, sein politisches Engagement zu beenden und nach Deutschland zurückzukehren. Er sei keiner, der abhauen würde, sagte er im August im Interview mit der «Welt». «Vielleicht kommt der Tag, an dem sie mich holen. Aber wenn ich diesen Weg gehe, muss ich das in Kauf nehmen.»

Nakis Club Amed SK, den er als Captain anführt, ist ein kurdennaher Verein. Das bekommen seine Spieler in fast jedem Spiel zu spüren. Terroristen würden sie oft genannt, sagt Naki, der Vorstand sei auf der Tribüne in Ankara während eines Spiels zusammengeschlagen worden. Und auch die Gegner und Polizisten würden sich nicht zurückhalten: «Wir sind ein Verein ohne Freunde und Beschützer.»

Das Interview mit der Welt stammt vom August 2017. Naki berichtete von Morddrohungen, nicht nur aus der Türkei, sondern auch aus Deutschland. Diesen Drohungen folgten am Sonntagabend auf der A 4 auch Taten.

(mro)