Dortmund

19. Mai 2017 16:34; Akt: 19.05.2017 16:34 Print

Theater um Tuchel spitzt sich zu – wegen Favre

Der BVB hat noch zwei dramatische Spiele vor der Brust. Für den Erfolgstrainer ist die Zeit in Dortmund abgelaufen. Lucien Favre steht bereit.

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Nach den emotionalen Tagen rund um den Bombenanschlag auf den BVB-Bus herrscht zwischen Thomas Tuchel und Hans-Joachim Watzke zwischenmenschliche Eiszeit. Zuletzt sagte der BVB-Geschäftsführer zum Verhältnis mit seinem Trainer: «Wir setzen uns nach der Saison zusammen und besprechen, wie es weitergeht: Wenn wir jetzt schon mit einem anderem Trainer fix wären, warum sollten wir das dann noch machen?»

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Das klingt vernünftig, das Vertrauen aber ist weg, die Beziehung arg gestört. Watzkes Satz mit elf Zeichen genügte, um in Dortmund Anfang Mai eine Debatte auszulösen, die sich zur Zerrüttung mit Tuchel ausgeweitet hat. Im Interview mit dem «Westen» beantwortete der Dortmunder Geschäftsführer die Suggestivfrage, ob im Kontext mit dem Anschlag auf den Teambus ein Dissens zwischen ihm und Tuchel sichtbar geworden sei, folgenschwer: «Das ist so, ja.»

Watzkes Satz mit schweren Folgen

Das mediale Beben konnte für den operativen Leiter des Klubs keine Überraschung sein. Watzke, tief verankert bei Schwarzgelb und einer der besten Rhetoriker in der Liga, kann die Nachwirkungen brisanter Aussagen abschätzen. Er ist seit über 21 Jahren Vereinsmitglied. Kaum ein BVB-Entscheidungsträger beherrscht das Geschäft mit den Emotionen besser. Und das Gespräch fand nicht unter Adrenalin-Einfluss am Spielfeldrand statt, sondern in einer wohltemperierten Bürokomfortzone.

Der Vorstoss kam gut kalkuliert aus der Tiefe der eigenen Reihen und traf den unvorbereiteten Tuchel mit voller Wucht. Wenige Tage nach der von einem Kriminellen provozierten Schockwelle verschärfte sich die mentale Belastung des Coachs erneut. Watzke entzog dem leitenden Angestellten sozusagen öffentlich die echte Liebe – mit fatalen Folgen.

Status und Kabine verloren

Tuchels Status ist seit jener Interview-Passage richtiggehend erodiert. Unzufriedene Spieler deponierten ihre Vorbehalte gegenüber ihrem Vorgesetzten bei renommierten deutschen Medien. Die anonyme Runde stellte in Abrede, dass der Zusammenhalt speziell gross sei, und kritisierte taktische Details. Auf die Veröffentlichung der «Süddeutschen» reagierte Tuchel heftig: «Da werden persönliche Grenzen dramatisch überschritten.»

So sehr sich Tuchel gegen die stillosen Vorwürfe wehrt, seine Isolation ist unübersehbar. Die Führungsetage hat sich ausnahmslos hinter Watzke positioniert. Und aus dem Kreis der Spieler hielt es niemand für nötig, eine Gegendarstellung zu platzieren. Nuri Sahin umdribbelte im «Aktuellen Sportstudio» jedes halbwegs heikle Statement. Das Arbeitsverhältnis sei professionell, auf eine klare Pro-Tuchel-Aussage verzichtete Sahin, der auf sozialer BVB-Ebene zu den einflussreichen Wortführern gehört.

Tuchel redet von «maximalem Vertrauen»

Die Kommunikationspolitik der Kabine lässt Raum zur Interpretation. Der Verzicht auf eine Stellungnahme zur Eskalation zwischen Watzke und Tuchel kann durchaus als stillschweigendes Misstrauensvotum seitens der Akteure gedeutet werden. In der Garderobe sitzt wohl nur noch eine loyale Minderheit, die Tuchels Behauptung teilt, zwischen ihm und den Spielern gelte «maximales Vertrauen».

Von der landesweiten Bewunderung für die Methodik Tuchels ist nicht mehr viel übrig. Experten halten die Verbindung mit dem BVB nach knapp zwei Saisons für gescheitert. Das Zerwürfnis gilt als irreparabel. Für ein klärendes Gespräch fehlte angeblich die Zeit. Die «Endspiele» um die direkte Champions-League-Qualifikation am Samstag in der Bundesliga gegen Werder Bremen und eine Woche später im DFB-Pokalfinal in Berlin gegen Frankfurt sind im Zusammenhang mit der Personalie Tuchel womöglich finale Angelegenheiten.

Der ehrgeizige Asket

Mit einer derartigen Abkühlung hätte vor etwas mehr als zwei Jahren kein Meinungsmacher gerechnet. Am Ende eines Sabbaticals sortierte der Ex-Mainz-Taktiker Offerten der halben Liga. Auch der Leipziger Sportchef Ralf Rangnick hatte sich intensiv um ihn bemüht. «Thomas ist ein riesengrosses Trainertalent mit hohem Intellekt, sehr ehrgeizig, gut im Umgang mit den Spielern, und er ist eloquent, kann die gesamte Klaviatur bespielen.»

Nach dem Rückzug von Jürgen Klopp tauchte Tuchel im Ruhrpott wieder auf. Mit der Figur eines puren Asketen. Dünn, drahtig, erfolgsbesessen – ganz so, als ob er während seiner Auszeit nur Taktik-Formeln konsumiert und mit Seelenverwandten wie Pep Guardiola in einer Bar die globale Entwicklung des Fussballs seziert hätte.

Der neue Pep ist degradiert

Die beiden Stilisten begegneten sich nicht nur bei einem Glas Rotwein im «Schumann's», sie verkehrten auch in der Liga auf Augenhöhe. Tuchel verlor das Duell mit dem Bayern-Maestro zwar, aber er trieb den BVB zur höchsten Punktzahl der Klubgeschichte. Im letzten Sommer orchestrierte er einen erheblichen Umbruch und erweiterte das spielerische Repertoire Dortmunds dennoch. Der Kurs stimmte, die grösste Zuschauerkulisse der Bundesliga goutierte Tuchels Stil und Unterhaltungsfaktor.

Für den Chef-Reporter der «Sportbild» stand deshalb noch im September fest: «Tuchel wird zum neuen Pep!» Das Magazin «11 Freunde» doppelte vor wenigen Wochen auf der Titelseite nach: «Meister von morgen». Im Mai 2017 ist der «neue Pep» nur noch ein «schwer getroffener Tuchel», der um seine Zukunft und um sein Image kämpft.

Favre in der Poleposition

Vor kurzem spielte der BVB noch um den Vorstoss unter die Top 4 Europas. Und der DFB-Pokal wäre in Dortmund die ersten Trophäe seit fünf Jahren. Diskutiert wird in diesen Tagen aber fast nur über Tuchel. Dieser sagt zu seinem vielleicht letzten Heimspiel in der gelb-schwarzen Arena: «Als Trainer müsste man in jedes Spiel gehen und sagen: Das könnte ja auch mein letztes sein. Aber das muss man ausblenden.»

Für viele deutsche Medien ist Tuchels Abgang beschlossene Sache. Der Verein sei sich mit einem alten Schweizer Bekannten «weitgehend einig»: Lucien Favre soll nach einer «saison historique» in Nizza seinen Arbeitsplatz von der Côte d'Azur ins Ruhrgebiet verlegen. Voraussetzung ist aber, dass der BVB den Schweizer aus dem laufenden Vertrag (bis 2019) rauskaufen kann.

(sda/sr)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Daniel Gut am 19.05.2017 16:43 Report Diesen Beitrag melden

    Spannend

    Auf der einen Seite fände ich es schade wenn Favre aus seinem noch laufenden "Projekt Nizza" herausgekauft wird, anders betrachtet wäre Favre das Beste was Dortmund und der Bundesliga passieren könnte. Nächstes Jahr 3-Kampf um die Meisterschale: Bayern, Leipzig und Dortmund. Der Romand würde aus dem allfälligen Transfererlös von Aubameyang eine Top-Truppe zusammenstellen, gewürzt mit Dembele obendrauf ein absoluter Meisterkanditat.

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  • Côte d'Azur am 19.05.2017 16:49 Report Diesen Beitrag melden

    Ruhrpott vs. Côte d'Azur hä?

    Wieso sollte jetzt Favre zum BVB? Dem gehts doch gut in Nizza. Oder habe ich da was verpasst?

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  • Herrcool.es am 19.05.2017 17:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich denke nicht

    dass Favre wirklich nach Dortmund kommen wird

Die neusten Leser-Kommentare

  • unnötige gerüchte am 20.05.2017 13:57 Report Diesen Beitrag melden

    Was soll er in Dortmund tun?

    Warum sollte Favre nach nur einer Saison vom drittbesten Teams Frankreichs zurück zum drittbesten Teams Deutschlands wechseln? Es werden diesen Sommer wahrscheinlich viele bessere Trainerposten frei. Ausserdem ist diese Herumwechslerei ziemlich atypisch für Favre, der gerne junge Spieler fördert.

    • Ex Knacki Uli am 20.05.2017 18:53 Report Diesen Beitrag melden

      @was soll er in Dortmund tun?

      Gesunde und geile Liga und eine Top Atmosphäre!;) und viele leere Wohnung in der Nähe des Flughafens, wenn er wieder den Koller kriegen sollte!;)

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  • Hubert am 20.05.2017 12:27 Report Diesen Beitrag melden

    Für Favre

    BVB ist zwar ein anderes Kaliber, aber für Favre wäre es eine tolle Sache wieder in der Bundesliga zu sein und noch mit einer guten Mannschaft. Er hat lange genug gezeigt das er ein guter sehr guter Trainer ist.

  • 09 am 20.05.2017 11:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Heja BVB

    ich vermisse jetzt schon die genauen, ausführlichen Interviews von Tuchel. Das war jedesmal hoch interessant und nie langweilig

    • #17 am 20.05.2017 12:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @9

      Naja, da war Kloppo schon symphatischer wie Tuchel bei den PKs. Kommt mir so vor, das der Tuchel so wie Kloppo sein wollte, aber es NIE erreichen kann! Er ist eher arrogant (sehe ich so). Er kann gehen, ich vermisse ihn nicht!

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  • schweiz/suisse/svizzera am 20.05.2017 10:26 Report Diesen Beitrag melden

    Wie überall

    Die Teppichetage kann noch so falsch, talentfrei und unfähig sein - sie ist immer am längeren Hebel.

    • Fritz Kobel am 20.05.2017 13:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @schweiz/suisse/svizzera

      Man kann von Tuchel halten was man will, aber solch eine Seifenoper hat er und auch sonst kein Trainer verdient. Ich hoffe Favre durchschaut diesen charkterarmen Filz und sagt ab. Wer braucht schon solch berechnende Vorgesetzte.

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  • Gurkenliga am 19.05.2017 22:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    FCZ Spitzenteam?

    Wie oft hat der FCZ die CL gewonnen? Ach ja, noch NIE!!!!!!