Wettskandal in Europa

21. November 2009 23:43; Akt: 22.11.2009 19:02 Print

Thun und Gossau im Visier der JustizThun und Gossau im Visier der Justiz

Die Untersuchungen im wohl grössten Wettskandal des europäischen Fussballs schreiten voran. Aufgrund von Abhörprotokollen sickern so langsam die ersten Details an die Oberfläche. Spieler von Thun und Gossau sollen mit mehreren zehntausend Euro bestochen worden sein.

Bildstrecke im Grossformat »
Der grösste Wettskandal aller Zeiten erschüttert im November 2009 den europäischen Fussball: Mehr als 200 Spiele in neun Ländern stehen unter Manipulationsverdacht, davon drei sogar in der Champions League. In der Schweiz sind 22 Challenge-League-Spiele betroffen. Beim Australian Open 2003 wurden beim Match zwischen Andrej Pavel (Bild) und Renzo Furlan mehrere zehntausend Franken auf Aussenseiter Furlan gesetzt. Mit Erfolg - denn Pavel gab verletzt auf. 1971 war dem abstiegsbedrohten Bielefeld der Ligaerhalt mit zwei erkauften Siegen gegen Schalke und Hertha Berlin rund 300 000 Mark wert. Die Folge: Der deutsche Verband verhängte Sperren und Geldstrafen gegen 53 Profis und zwei Trainer. Ex-Liverpool-Goalie Bruce Grobbelaar soll 1993 umgerechnet rund 100 000 Franken kassiert haben, damit er im Spiel gegen Newcastle absichtlich daneben greift. Liverpool verlor 0:3. Einer der grössten Wettskandale erschütterte 2006 Italien: Nach Manipulationen musste Juventus Turin mit Aushängeschild Del Piero (Bild) absteigen, die AC Milan, Fiorentina und Lazio Rom wurden mit saftigen Punkteabzügen bestraft. Weltklasse-Jockey Kieren Fallon soll insgesamt 27 Flachrennen manipuliert haben. Er steht derzeit in London vor Gericht. Der Fall «Hoyzer»: Der deutsche Schiedsrichter gab 2005 zu, gegen Sach- und Geldzuwendungen von ihm geleitete Fussballspiele beeinflusst zu haben. Er wurde daraufhin lebenslang gesperrt. Dem ATP-Dritten Novak Djokovic sollen umgerechnet 157 000 Euro für eine Niederlage in der ersten Runde von St. Petersburg geboten worden sein. Der Serbe lehnte jedoch ab. Schon 1928 wurde getrickst: Die Täter hörten Radio und erfuhren so frühzeitig vom Ausgang eines Pferderennens. Danach setzten sie bei einem Buchmacher auf das siegreiche Pferd. Dieser wusste noch nichts über den Ausgang des Rennens. Schiedsrichter Kurt Röthlisberger soll 1996 vor dem Champions-League-Spiel gegen Auxerre bei GC angefragt haben, ob sein weissrussischer Kollege für 100 000 Franken «zumindest nicht gegen GC entscheiden soll». Wettskandal 1980 in Italien: Die AC Milan und Lazio Rom mussten in die Serie B, weitere Klubs bekamen Punkteabzüge, 20 Spieler wurden bis zu sechs Jahre gesperrt, darunter auch Nati-Stürmer Paolo Rossi (Bild, r.). Auch Sturm Graz stand schon mehrmals unter Manipulationsverdacht. Einerseits sollten die Österreicher in den Hoyzer-Skandal verwickelt gewesen sein, andererseits sollen sie auch in der heimischen Liga getrickst haben. Ex-Olympique-Marseille-Präsident Bernard Tapie hat 1993 Valenciennes geschmiert und daraufhin mit seinem Team den Meistertitel gefeiert. Ein Gericht verurteilte Tapie 1997 wegen Korruption zu einer mehrjährigen Haftstrafe. Im Oktober 2003 warf man dem Russen Jewgeni Kafelnikow vor, absichtlich gegen Fernando Vicente verloren zu haben. Weltweit wurden damals 130 000 Euro auf Vicente gewettet, obwohl dieser zuvor fünf Monate lang kein Spiel gewonnen hatte. Der spielsüchtige Basketball-Schiedsrichter Tim Donaghy soll mindestens zwei Jahre lang auf NBA-Spiele gewettet haben, während er über 80 Meisterschaftsspiele leitete. Donaghy trat freiwillig zurück. Portugals Ex-Verbandspräsident Valentim Loureiro teilte dem Drittligisten Gondomar in den Aufstiegsspielen die «richtigen» Schiedsrichter zu. Diese erhielten von ihm die «goldene Pfeife». Loureiro war auch in weitere Manipulationen verwickelt. Auch 2004 ging es in Italien nicht mit rechten Dingen zu und her: Nach Spielmanipulationen wurden dem Serie-B-Verein Modena Punkte abgezogen, 33 Spieler, Trainer und Vereinsfunktionäre sowie zwölf Fussballklubs wurden angeklagt.

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Zusammen mit der Staatsanwaltschaft Wirtschaftskriminalität in Bochum ermittelt die Bundesanwaltschaft in Bern die Fälle in der Schweiz.

So soll am Challenge-League-Spiel vom 26. April 2009 zwischen Yverdon Sport und FC Thun gedreht worden sein: 15 000 Euro wurden der Gastmannschaft in Aussicht gestellt, falls sie das Spiel mit vier Toren Unterschied verlieren sollte. Nach dem Schlusspfiff stand es 5:1 und der Wettgewinn der Graumänner betrug ca. 60 000 Euro. Ein Blick auf die Rangsliste vor diesem Spieltag zeigt, dass für den FC Thun sieben Runden vor Saisonende als Tabellenneunter mit 31 Punkten die Saison sportlich gelaufen war. Auch Yverdon als Vierter mit 38 Punkten hatte keine Chance mehr, um die Aufstiegsplätze mitzuspielen, St. Gallen und Lugano waren mit 65, resp. 60 Punkten längst enteilt.

Dem «SonntagsBlick» blieb nicht verborgen, dass der Thuner Pape Omar Faye letzte Woche Besuch von den Ermittlern der Bundesanwaltschaft erhalten hat. Die polizeiliche Einvernahme wurde von Clubpräsident Markus Stähli bestätigt.

Ein weiterer Betrug soll sich ebenfalls in der zweithöchsten Schweizerliga zugetragen haben: Am 24. Mai 2009 trafen Gossau und Locarno aufeinander. Dabei wurden mehreren Spielern Summen bis zu 20 000 Euro für eine Niederlage des Heimteams mit mindestens zwei Toren Unterschied geboten. Mit dem Ergebnis, dass das Spiel 0:4 endete und die mussmasslichen Betrüger knapp 150 000 Euro auf ihr Konto häuften.


Verdachtsmomente auch in Belgien, Kroatien und der Türkei

Aber nicht nur die Schweiz taucht in der oben erwähnten Liste auf, auch in Belgien, Kroatien und der Türkei soll es zu Manipulationen gekommen sein. Aus Belgien werden gleich zwei Spiele mit dem Zweitligisten UR Namur näher unter die Lupe genommen. Am 14. und 21. März 2009 sollen die Mittelsmänner einer angeblich türkischen Wettbetrüger-Bande bei einem Wetteinsatz von total 100 000 Euro einen Gewinn von knapp 60 000 Euro abgeschöpft haben.

In Kroatien steht das Erstligaspiel NK Zadar gegen Hajduk Split vom 26. April 2009 im Fokus der Ermittler. Ebenfalls im April 2009 fand das türkische Süperlig-Spiel Ankaraspor gegen Bursapor statt, hier sollen Schmiergelder für eine Heim-Niederlage von Ankaraspor mit zwei Toren Unterschied geflossen sein.

Axpo Super League

Datum Spiel Resultat
04.02.12  Luzern - Zürich 1:1 (1:0)
05.02.12  Basel - Sion 0:0
05.02.12  Grasshoppers - Thun 0:1 (0:1)
05.02.12  Young Boys - Servette 3:1 (3:0)
R Mannschaft Sp S U N G : E P
1. Basel 19 11 6 2 38 : 17 39

2. Luzern 19 9 5 5 26 : 16 32
3. Young Boys 19 8 6 5 29 : 18 30

4. Thun 19 7 5 7 22 : 21 26
5. Servette 19 7 3 9 26 : 32 24
6. Zürich 19 6 4 9 27 : 27 22
7. Grasshoppers 19 6 1 12 19 : 37 19
8. Lausanne-Sport 18 3 2 13 16 : 44 11

9. Sion 19 9 5 5 26 : 17 -4 (-36)

10. Neuchâtel Xamax 18 7 5 6 22 : 22 26
Clubsuche Schweiz

Finden Sie blitzschnell Resultate von mehr als 1400 Schweizer Fussballclubs mit über 7000 Mannschaften.

Schweizer Fussballresultate