Tom Lüthi

05. Oktober 2017 17:51; Akt: 05.10.2017 18:11 Print

«Ich fühle mich so fit und bereit wie noch nie zuvor»

von A. Stäuble - Tom Lüthi tankt Energie für den Showdown gegen Franco Morbidelli. 20 Minuten hat dem Berner den Puls gefühlt.

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Sie liegen vier Rennen vor dem Saisonende 21 Punkte zurück. Wie sieht Ihr Traumszenario aus?
Ich gewinne viermal und werde Weltmeister. Ich bin aber nun mal Realist und mir deshalb bewusst, wie stark er ist.

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Das Drehbuch eines Realisten lautet also:
In jedem Rennen und unter allen Bedingungen um den Sieg kämpfen. Dieser Sport ist derart unberechenbar, dass es nichts bringt, zu rechnen. Das hat das letzte Jahr gezeigt. Im Sommer war ich derart abgeschlagen, doch im zweitletzten Rennen hatte ich Titelchancen. Damit rechnete niemand – ich auch nicht.

Nächste Woche geht es nach Japan, gefolgt von Australien und Malaysia. Der Showdown in Valencia rückt immer näher.
Ich bin mir bewusst, dass es nur noch vier Rennen sind, dieser Übersee-Trip im Nu vorbeigeht und 75 Punkte zu vergeben sind. Das ist extrem viel. Ich muss schauen, dass ich in Japan den Flow finde und mitnehme.

Sie konnten schon oft Ende Jahr eine Schippe drauflegen. Wie kommt das?
Vielleicht, weil ich Berner bin und jeweils erst spät kapiere, dass die Saison bald fertig ist und ich Gas geben muss (lacht). Was ich weiss, ist, dass mir diese Rennen liegen und ich die Ruhe in Übersee geniesse. Es sind fast keine Gäste vor Ort, nur die Crew. Wir sind dort, um zu arbeiten, und darauf liegt der Fokus.

Haben Sie und WM-Leader Franco Morbidelli eine Wette am Laufen?
Nein (lacht). Weshalb?

Nur so. Gesprüchelt wird ja bestimmt.
Ja, klar. Ich versuche schon die ganze Zeit, den Druck noch mehr auf ihn zu schieben. Er macht das Gleiche. Immer wieder.

Aber der Druck liegt bei ihm, oder wie sehen Sie das?
Eigentlich schon. Aber gegen aussen gibt er sich extrem ruhig, entspannt und abgeklärt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in ihm drin auch so ausschaut. Zumindest hoffe ich das nicht. Sonst nervt es mich dann schon allmählich, wenn er nicht nervös wird (lacht).

Lüthi chauffiert die ersten Gäste von Uber Green. (Video: Sebastian Rieder)

Dabei ist er erst 22. Ziemlich jung, um so cool zu sein.
Das finde ich eben auch. Es ist spannend. Ich habe jüngst mit seinem Teamchef, der nächstes Jahr ja auch meiner ist, über ihn gesprochen. Auch er hat gesagt, dass er nicht schlau aus ihm wird. Er schlafe den ganzen Tag, wache auf, habe die Augen kaum auf und steige auf das Motorrad – und auf der Strecke ist er dann unglaublich schnell.

Ein Naturtalent?
Er trainiert unglaublich viel, ist aber halt täglich auf dem Motorrad, weil er diese Möglichkeiten hat. Aber das macht den Unterschied nicht aus. Wir bewegen uns derzeit auf demselben Niveau. Er steht etwas besser da, weil er mehr Siege eingefahren hat, dafür hat er aber auch einen Fehler mehr gemacht – in Misano.

Was wollten Sie im Gespräch mit Ihrem künftigen Chef rausfinden?
Weshalb er nicht nervös wird. Klar haben wir auch über das nächste Jahr gesprochen. Ich wollte wissen, wie Franco reagierte, als er erfuhr, dass ich sein Teamkollege sein werde.

Und?
Nichts. Er habe fast keine Reaktion gezeigt. Anscheinend ist er immer extrem entspannt. Das mit uns beiden wird gut funktionieren, weil auch ich ein ruhiger Typ bin.

Sie haben kürzlich gesagt, Sie seien froh, dass der Jugendwahn nicht mehr so extrem sei. Können Sie diese Aussage präzisieren?
Vor rund vier Jahren brach in der MotoGP-Klasse eine Art Jugendwahn aus. Márquez hat ihn mit seinem Durchmarsch und dem Titelgewinn in der Königsklasse ausgelöst. Aber es ist nicht jeder ein Márquez. Dennoch waren auch viele Teamchefs der Ansicht, dass ein Fahrer mit 25 schon viel zu alt sei für die MotoGP. Das Gute war, dass Rossi über solche Aussagen immer lachte. Daher ist es perfekt, dass er in seinem Alter immer noch Rennen gewinnt. Und auch Zarco, der auch schon etwas älter ist, hat in diesem Jahr unglaublich eingeschlagen. Mittlerweile hat sich das Ganze etwas gelegt. Ein paar Leute haben kapiert, dass es Fahrer gibt, die vielleicht etwas länger brauchen, um das zu lernen, was Márquez in einem Jahr gemacht hat. Darüber bin ich froh.

Wie nimmt man eine Person wie Rossi wahr?
So, wie er ist. Ich kenne ihn ein bisschen. Er ist ein Vorbild, nicht nur für mich. In meinem Zimmer hing ein Poster von ihm und nun fahre ich nächstes Jahr gegen ihn. Ich bin primär beeindruckt, wie er das alles auf die Reihe bringt. Er ist enorm bekannt, was sein Leben nicht ganz einfach macht, aber er ist trotzdem freundlich und lächelt. Davon kann sich manch einer eine Scheibe abschneiden.

Aber nehmen Sie ihn eher als Menschen oder Legende wahr?
Hmm. Schon eher als Menschen, aber wie die meisten anderen stehe ich ihm zu wenig nahe. Wir sehen uns im Fahrerlager, sprechen miteinander, und auch er fragt mich, wie es geht. In einem solchen Moment rede ich mit ihm als Menschen. Wenn ich ihn aus der Distanz beobachte, dann ist er für mich jedoch schon eher eine Legende.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten sich eine Fähigkeit von Rossi aussuchen. Was wäre das?
Da gibt es vieles. 2017 ist es zwar nicht so extrem, aber zuvor konnte er sich stets aufs Rennen hin steigern. Er startete oftmals aus der zweiten oder dritten Reihe, trotzdem wusste jeder, dass er dabei sein und um den Sieg mitfahren wird. Das ist schon imposant. Ich habe versucht, dies umzusetzen und zu lernen. Ab und zu gelingt es mir, mal besser, mal weniger gut.

Das hinterlässt Eindruck bei den Gegnern. Wenn man Rossi im Rückspiegel sieht, dann hat man ein Problem.
Klar. Dani Pedrosa – wir kennen uns ziemlich gut – hat mir einst vor einem Rennen, das er von der Pole in Angriff nahm, während des Nachtessens am Vorabend gesagt: «Rossi is anyway a bastard. He will come in the race.» Dieser Sport spielt sich zu 70 Prozent im Kopf ab. Das hat mir mein Vater erzählt, als ich noch ein kleiner Junge war.

Bald beginnt auch Ihr MotoGP-Abenteuer. Sie werden viel und schnell lernen müssen. Glauben Sie, dass man Dinge mit 31 Jahren weniger gut und schnell lernt als mit 22?
Überhaupt nicht. Egal, was es ist. Das ist alles eine Frage des Willens.

Beabsichtigen Sie, an Muskeln zuzulegen?
Es ist etwas intensiver. Das heisst, ich kann mehr Muskelmasse aufbauen und werde weniger auf das Gewicht achten müssen. Dabei muss ich immer schauen, dass ich das Gewicht halten kann. Das wünschen sich bestimmt viele (lacht).

Von wie viel sprechen wir?
Mein Trainer strebt 70 Kilogramm an, zurzeit bin ich bei 66, 67. Es versteht sich, dass es sich dabei nicht um Fett handelt (lacht). Wir haben bereits im Sommer einen Aufbau gemacht und haben nun einen weiteren Block eingeschoben. Ich werde mich mehr mit den Armen abstützen müssen, um den Körper abzufangen, weil die Bremszonen aufgrund der höheren Geschwindigkeit länger sind. Das ist relativ happig und braucht mehr Kraft im Bereich der Schultern und Arme.

Sie konnten sich 2016 bereits ein Bild machen, als Sie für KTM einen MotoGP-Test absolvierten. Erinnern Sie sich an das Gefühl?
Klar, das werde ich nie mehr vergessen und muss beim Gedanken daran sofort wieder grinsen. Es ist so viel mehr Leistung da. Diese Beschleunigung, diese Leistung zu spüren – das sind Glücksgefühle pur. Ich hoffe, das wird auf der Honda auch so sein.

Sie meinten jüngst, den Zenit noch nicht erreicht zu haben. Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Mein erstes Ziel, den Aufstieg in die MotoGP, habe ich erreicht. Das nächste, nämlich mich zu etablieren, wird nun richtig schwierig. Und die Tatsache, dass ich einen Einjahresvertrag besitze und demnach nach einem halben Jahr neu verhandelt wird, ist happig. Anfang nächstes Jahr darf ich keinesfalls der Berner sein, sondern muss extrem schnell lernen, Resultate liefern oder zumindest Fortschritte zeigen.

Egal, wie das nächste Jahr ausgeht: Denken Sie, dass Sie auch noch in fünf Jahren auf einer Rennmaschine sitzen?
Ja, absolut. Ich fühle mich so fit und bereit wie noch nie zuvor. Die Erfolge unterstreichen dies. Ich verschwende noch keinerlei Gedanken ans Aufhören.

Auch Ihr Vorbild, Rossi, nicht. Der 38-Jährige machte kürzlich von sich reden, weil er sich das Schien- und Wadenbein brach und sich rund drei Wochen später wieder auf sein Motorrad begab. Nun ereilte Jack Miller das gleiche Schicksal. Wie sehr geben Sie abseits der offiziellen Rennstrecken Gas, und wie viel Risiko nehmen Sie dabei in Kauf?
Ich fahre Motocross. Das ist ein tolles Training. Es ist relativ gefährlich, aber ich versuche es so zu betreiben, dass es möglichst sicher ist. Meine Freunde sagen mir immer: «Ach, was willst du jetzt schon wieder …» Worauf ich ihnen antworte: Die Ampel geht aus und wir steuern Ellbogen an Ellbogen die erste Kurve an. Das braucht Mut und Selbstvertrauen. Du kannst dich nicht einen Winter lang in Watte einpacken, damit bloss nichts passiert. Wie soll ich mich im Ernstkampf durchsetzen? Die Herausforderung gilt es auch im Training anzunehmen, ich muss ans Limit gehen und unter nicht optimalen Voraussetzungen trainieren. Miller verletzte sich beim Trial-Fahren. Ich habe zu Hause auch eine solche Maschine und kann sagen: Das ist etwas, das dir immer passieren kann. Ein gewisses Risiko gehört dazu. Rossi fährt derart stark und schön – auch er sitzt ständig auf dem Töff. Das kommt nicht einfach aus dem nichts.

Was haben Sie gedacht, als Rossi etwas mehr als drei Wochen nach dem Schien- und Wadenbeinbruch wieder auf dem Motorrad sass?
Chapeau, dass er es geschafft hat. Natürlich müsste man die Details zum Bruch und zur Operation kennen, aber die Leistung, die er vollbrachte, war riesig. Das zeigt einmal mehr, wie viel im Kopf passiert.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Andre am 05.10.2017 17:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    perfekt

    drücke Tom die Daumen und freue mich auf die restlichen Rennen !!! Für 2018 in der MotoGP freue ich mich nochmehr!

  • Gsxr1000 am 05.10.2017 18:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich bin mega stolz auf Tom

    Respekt dass es ein Schweizer in der Moto2 WM so weit nach vorne geschafft hat. Egal ob Tom jetzt Weltmeister wird oder nicht. Ich finde es einfach mega schade, dass es trotzdem immer noch Kritiker gibt.

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  • padi am 05.10.2017 22:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    MotoGP Reise

    Wer hätte Lust, nächste Saison ans Rennen nach Misano zu Reisen? Ich Organisiere wieder eine solche(inkl. Fahrt, Hotel, Rennticket Sa/So) Bei Interesse Melden

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Simon am 06.10.2017 10:27 Report Diesen Beitrag melden

    Wird schwierig

    Die 21 Punkte auf Morbidelli noch gut zu machen, dürfte sehr schwierig werden. Aber klar, man weiss nie was passiert. Mal schauen ob sich Lüthi in der MotoGP dann etablieren kann. Das Ziel wird wohl das vordere Mittelfeld sein.

  • B. Fischer am 06.10.2017 08:42 Report Diesen Beitrag melden

    Schon seltsam

    Wegen seinem sogenannt kaputten Rücken kann er keinen Militärdienst leisten. Aber Töffrennen fahren geht ?!

  • padi am 05.10.2017 22:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    MotoGP Reise

    Wer hätte Lust, nächste Saison ans Rennen nach Misano zu Reisen? Ich Organisiere wieder eine solche(inkl. Fahrt, Hotel, Rennticket Sa/So) Bei Interesse Melden

    • Mario Gerber am 06.10.2017 17:54 Report Diesen Beitrag melden

      Nein danke!

      Wer soll da schon mitkommen wollen, verstehe ich nicht. Schade für die Kröten...

    • padi am 06.10.2017 23:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Mario Gerber

      Ja dass ist jedem seine freie meinung. Ich will dir aber nur sagen, dass für 120 (super sitzplatz) du das volle Programm 2 Tage erleben kannst (ca 10h Action) also wenn ich dies mit einer anderen Sportart oder Konzert vergleiche, welche 90min dauern und zt. Gleich teuer oder teurer sind, dann ist dies gut Investiertes Geld. Dazu kommt, dass diese ganze Thematik mit Fans und Ausschreitungen nicht existieren. Obwohl die Sektoren nicht nach Fans geteilt sind und somit alle Durchmischt nebeneinander Sitzen. Also jemand der schon an einem Rennen war, wird mir dies Bestätigen.

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  • Pascal am 05.10.2017 19:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Genau...

    Fit und bereit für den 2ten Rang.

  • Joey Dunlop am 05.10.2017 19:37 Report Diesen Beitrag melden

    Ihr könnt das!

    Wird mal nicht übermütig, Tom. In der unteren Königsklasse ist Konzentration und Präzision das A und O für den Erfolg. Vom Zulieferer bis zum Fahrer.

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