Niki Lauda

29. September 2017 06:24; Akt: 29.09.2017 07:34 Print

«Ich fliege immer noch selber zu den Rennen»

Der 68-jährige dreifache Formel-1-Weltmeister Niki Lauda sitzt noch oft selbst im Cockpit, auch am Sonntag, wenn er zum GP von Malaysia fliegt.

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Wenige Tage vor dem GP Malaysia am kommenden Sonntag gewährte Niki Lauda, dreifacher Formel-1-Weltmeister und Aufsichtsrats-Präsident von Mercedes, der Nachrichten-Agentur sda ein Exklusiv-Interview.

Wir sitzen hier im Kursaal des Hotel Grand Resort in Bad Ragaz. Was führt Sie hierher?
Ich treffe mich mit Leuten von AMG-Mercedes, die hier eine Rundfahrt veranstalten, dazu werde ich zum 15-Jahr-Jubiläum des Casinos einen kurzen Vortrag halten.

Sind Sie selber ein Gambler und sitzen in Casinos an den Roulette- oder Black-Jack-Tischen?
Nein. Mein ganzes Leben war so etwas wie ein Spiel. Ich bin immer Risiken eingegangen, da brauche ich keine Glücksspiele.

Ihre Rennfahrer-Karriere haben Sie 1971 mit einem Kredit von 2,5 Millionen Schilling (damals 310'000 Franken) lanciert. Auch ein Risiko?
Ja. Ein gewisses Risiko war sicher dabei.

Am 1. August 1976 verunfallten Sie auf dem Nürburgring und wären beinahe verbrannt. Hatten Sie da zu viel Risiko auf sich genommen, weil Sie das Feld von hinten aufrollen mussten?
Nein. Grund für den Unfall war ein gebrochener Querlenker am Ferrari. Ich überlebte nur, weil mich Arturo Merzario aus dem brennenden Auto ziehen konnte.

Drei Jahre zuvor in Zandvoort verbrannte Roger Williamson. Sie und andere Fahrer fuhren einfach an der Unfallstelle vorbei und Sie rechtfertigten sich danach mit den Worten: «Ich bin Rennfahrer und nicht Feuerwehrmann».
Halt, halt. Die Geschichte ist so: Als ich den Unfall sah, rannte ein Fahrer mit Helm und Feuerlöscher um das brennende Auto. Ich und die anderen dachten, es sei der Verunglückte selber. Wir haben ja nur Rauch gesehen. Doch es war David Purley, der beim Unfall direkt hinter Williamson fuhr und aus seinem Auto stieg, um zu helfen. Nach dem Rennen nervte mich ein Journalist dann ständig mit blöden Fragen, bis ich ihm sagte: «Passen Sie auf, ich bin Rennfahrer und nicht Feuerwehrmann.» Das hat er dann völlig aus dem Zusammenhang gerissen und zur Headline gemacht.

Wie erlebten Sie die letzte Ölung, die Sie nach ihrem Feuerunfall im Spital erhalten hatten?
Eine Schwester fragte mich, ob ich die Letzte Ölung erhalten wolle. Ich konnte ja ausser hören und nicken gar nichts tun. Also habe ich genickt und erwartete, dass jetzt ein Priester mit mir reden würde, schaden könne dies in meiner Situation ja nicht. Doch es passierte nichts, weil der Priester wohl dachte, ich sei ohnmächtig. Er hat mir zwar offenbar die Letzte Ölung gegeben, aber er ist gegangen ohne ein Wort zu sagen. Da habe ich mir gedacht: So nicht mit mir. Das war gut so und motivierte mich, am Leben zu bleiben.

Wie schafften Sie es, 42 Tage später bereits wieder ein Rennen zu fahren?
Das war relativ einfach. Ich stellte mir selber die Aufgabe, zuerst halbwegs fit zu werden, um dann so schnell als möglich herauszufinden, ob man nach so einem schweren Unfall die Angst überwinden und wieder einen Rennwagen fahren kann.

1979 haben Sie nach einem Training zum GP von Kanada Ihren Rücktritt erklärt und mit den Worten begründet «Ich will nicht mehr wie ein Idiot im Kreis herumfahren». Waren Sie demnach jahrelang ein Idiot oder ein «Wahnsinniger in einem Feld von zwei Dutzend Wahnsinnigen», wie Sie Ihre frühere Zeit in der Formel 3 beschrieben?
Eigentlich war alles in Ordnung. Ich hatte einen neuen Vertrag unterschrieben und da wurde ich, wie wenn ein Vorhang herunterfällt, plötzlich von einem Gefühl überrascht, nicht mehr Autorennen fahren zu wollen. Darum war in meinem Zustand damals die Aussage, nicht mehr wie ein Idiot im Kreis herumzufahren zu wollen, richtig.

Was motivierte Sie 1982 zu Ihrem Comeback?
Zwei Jahre hatte ich überhaupt nichts mehr mit der Formel 1 zu tun. Dann fragte mich ORF-Reporter Heinz Prüller, ob ich mit ihm den GP von Österreich am Fernsehen kommentieren wolle. Es gab einen heftigen Startunfall und ich bekam plötzlich wieder positive Gefühle für diesen Sport. Ich weiss zwar nicht warum, aber meine Negativ-Empfindungen hatten sich stark reduziert und ich bin deshalb zum Rennen nach Monza gefahren. Da flog John Watson in der Lesmo-Kurve ab und ist unverletzt ausgestiegen. Ich sagte nur toll und spürte, dass meine Risiko-Bereitschaft wieder da war. Der damalige McLaren-Chef Ron Dennis rief mich dann einfach zum richtigen Zeitpunkt an, ob ich ein Comeback geben wolle. Ich wollte. Und musste herausfinden, ob es nach zwei Jahren ganz ohne Formel 1 überhaupt möglich ist, wieder schnell fahren zu können. Ich habe dann bald wieder Rennen gewonnen.

Sie waren 1975 und 1977 mit Ferrari und 1984 mit McLaren Weltmeister. Welcher Titel war der schönste?
Für jeden Fahrer ist wohl immer der erste der schönste, weil man die ganze Karriere auf dieses Ziel hingekämpft hat.

Nach Ihrem zweiten Rücktritt blieben Sie der Formel 1 treu. Bei Ferrari waren Sie zu Beginn der Neunzigerjahre massgeblich an der Verpflichtung von Michael Schumacher beteiligt.
Stimmt, ich hatte mit Michaels Manager Willy Weber sämtliche Verträge ausgehandelt. Als Ferrari-Chef Luca di Montezemolo mit Jean Todt, den ich ihm noch vorgestellt und empfohlen hatte, zusammenarbeitete, hiess es plötzlich: «Den Lauda brauchen wir nicht mehr.»

Schon lange sind Sie TV-Experte bei RTL und seit 2012 Aufsichtsratsvorsitzender bei Mercedes und auch am Silberpfeil-Team beteiligt.
Das alles ist eine riesige Herausforderung für mich und Teamchef Toto Wolff. Aber wir haben, glaube ich, bisher nicht schlecht gearbeitet.

Video: Das ist der neue Silberpfeil

Sie sind 68, wie lange wollen Sie sich das noch antun?
So lange ich gesund und fit bin, mache ich weiter. Stillstand ist das Langweiligste, was es gibt.

Was schreiben Sie auf einem Formular beim Stichwort Beruf hin?
Pilot. Nach meiner Rennfahrer-Karriere gründete ich die Lauda Air, die ich zum richtigen Zeitpunkt an die Austrian Air verkaufen konnte. Danach durfte ich vertraglich drei Jahre im Airline-Geschäft nichts tun. Später gründete ich mit Fly Niki Air eine Low-Cost-Linie und konnte diese vor rund sieben Jahren, wieder im richtigen Moment, an die Air Berlin verkaufen.

Die Lauda Air haben Sie mit zwei Fokker F-27 gegründet. Wie viele Flugzeuge besitzen Sie heute?
2016 gründete ich die Lauda Motion. Da managen wir im Moment 17 Business-Jets für gutbetuchte Leute. Wir kümmern uns um alles. Die Kundschaft kann das Flugzeug einfach nur benutzen, wir übernehmen für alles andere die Verantwortung.

Die Air Berlin hat kürzlich Insolvenz angemeldet. Sie zeigten zusammen mit Thomas Cook Interesse, für 100 Millionen Euro einen Teil zurückzukaufen.
Unser Angebot hat sich leider erledigt. Es kommt so, dass Lufthansa den Zuschlag bekommen wird.

Sie reisen um den ganzen Erdball. Wie oft fliegen Sie noch selber?
Oft. Ich fliege immer noch selber zu den Rennen. Es macht das Leben viel einfacher. Am Sonntag nach dem Rennen in Kuala Lumpur geht es gleich zurück und ich bin schon um 22 Uhr am Abend wieder in Wien.

Sie sind seit 2008 in zweiter Ehe mit Birgit Wetzinger verheiratet, haben neben den achtjährigen Zwillingen Mia und Max aus erster Ehe mit Marlene Knaus die Söhne Lukas und Mathias sowie einen unehelichen Sohn. Was bedeutet Ihnen Familie?
Familie bedeutet mir viel. Ich lebe mit zwei fremden Nieren. Eine bekam ich von meinem Bruder Florian, die andere spendete Birgit. Und Marlene ist immer noch eine wichtige Bezugsperson. Mit Ausnahme meines unehelichen Sohnes, mit dem ich kaum Kontakt habe, feiern wir zum Beispiel Ostern immer alle zusammen. Man muss es einfach hinkriegen, dass am Schluss alle zufrieden sind und niemand auf den anderen böse ist. Das glaube ich, ist mir gelungen.

Was ist gefährlicher: Autorennen fahren oder fliegen?
Autorennen fahren. Flugzeuge zu fliegen ist überhaupt nicht gefährlich.

Wie schnell fahren Sie auf der Autobahn?
Ich fahre ganz normal. Die anderen Autofahrer sind ja nicht meine Gegner wie auf einer Rennstrecke.

Ihr Vermögen wird auf 200 bis 300 Millionen Euro geschätzt. Was bedeutet Ihnen Luxus?
Nix, nix, nix! Ich habe beide Füsse auf dem Boden. Ich wäre auch ohne Flugzeug nicht unglücklich.

Wie gross ist Ihre Yacht?
Für mich ist es einfach nur ein Boot, auf dem zwölf Passagiere Platz haben. Die kriegt man auch auf ein grosses Schlauchboot.

Sie haben schon mehrere Bücher geschrieben. 1978 «Meine Jahre bei Ferrari»; 1985 «Meine Story»; 1992 «Die neue Formel 1»; 1996 «Das dritte Leben» und 2015 «Reden wir über Geld». Wie heisst der Titel Ihres nächsten Buches?
Es gibt kein Buch mehr, weil das Buchschreiben das Mühsamste überhaupt ist.

Was haben Sie in Ihrem Leben bereut?
Eigentlich wenig bis gar nichts. Es gibt immer wieder Höhen und Tiefen, die man hat. Man muss immer einen Weg herausfinden.

Noch eine Frage zur aktuellen Formel 1. Was passiert mit Mercedes-Junior Pascal Wehrlein, der 2018 im Sauber-Rennstall keinen Platz mehr haben wird?
Unser Teamchef Toto Wolff kümmert sich intensiv um Pascal. Wir suchen für ihn ein Cockpit in der Formel 1, aber das ist schwierig. Wir haben noch keine Lösung. Mit Esteban Ocon von Force India und Stoffel Vandoorne von McLaren haben ihn zwei andere Fahrer aus unserem Nachwuchsprojekt überholt.

(chk/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mr. Sarcasm am 29.09.2017 08:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Legende

    Niki. Der Mann ist eine Legende und für mich eine grossartige Figur. Immer fokussiert, immer sachlich und in der F1 DIE Kompetenz schlechthin. Einfach ein grossartiger Mann!

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  • Markus Hueber am 29.09.2017 08:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicki Lauda

    Das waren noch Autorennfahrer habe als Fotograf sehr viele Rennen Live an der Piste gesehen.Ich habe damals immer mit großen Augen auf Nicki Lauda geschaut.Mit seiner Art und Ruhe brachte Nicki die ganze Welt in Erstaunen.Grossartiger Mann schauen Sie liebe Leute was der Mann alles Kann und erreicht hat sein Wissen ihn Sachen Rennautos ist unbezahlbar.Ja natürlich als Schweizer habe ich noch Jo Siffert und Clay Regazzoni gekannt doch sie hatte nicht das gleiche Glück wie Nicki.Es gab bei jedem dieser Unfälle bei uns Fotografen Tränen in den Augen.

  • giorgio1954 am 29.09.2017 07:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Chilbi

    Viele wissen das ev. nicht. Er ist in einer Zeit Autorennen gefahren, wo das lebensgefährlich war und es jedes Jahr schwere Unfälle mit Feuer und Toten gab. Heute ist das ja bald gleich gefährlich wie Putschibahn fahren an der Chilbi.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dies Irae am 30.09.2017 14:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Niki vs Clay

    Der berühmteste Edelmann von Österreich, Andreas Nikolaus, Ritter von Lauda war mir zu seinen Zeiten als F1 Rennfahrer immer unsympathisch. Er war Gianclaudio (Clay) Regazzoni auf dem Weg zum WM Titel im Weg. Offensichtlich hat er aber doch ganz vieles richtig gemacht.

  • Ulrich am 29.09.2017 17:21 Report Diesen Beitrag melden

    Great guy...

    Great guy... hatte mehrmals das vergnügen ihn hier in Florida zu betreuen. :)

  • DerSpanier am 29.09.2017 11:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich mag Niki

    eine sehr interessante Person, welche ich sehr gerne persönlich kennenlernen möchte.

  • Mr. Sarcasm am 29.09.2017 08:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Legende

    Niki. Der Mann ist eine Legende und für mich eine grossartige Figur. Immer fokussiert, immer sachlich und in der F1 DIE Kompetenz schlechthin. Einfach ein grossartiger Mann!

    • Micky am 29.09.2017 12:02 Report Diesen Beitrag melden

      Legende

      Mr. Sarcasm. Meine Worte. Danke

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  • patrick h. am 29.09.2017 08:48 Report Diesen Beitrag melden

    Mal dies, mal das

    Dieses Jahr sind auch in der Schweiz wieder viele rüstige Rentner in Kleinflugzeuge gestiegen. Und völlig ohne Zusammenhang: Dieses Jahr wird ein Rekord an abgestürzten Kleinflugzeugen erwartet.

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