Sie alle lagen falsch

29. Januar 2018 18:18; Akt: 29.01.2018 18:21 Print

«Roger wird keinen Grand-Slam-Titel mehr holen»

Von John McEnroe bis Björn Borg: Als Roger Federer vergeblich seinen 18. Major-Titel jagte, schrieben ihn viele Experten ab.

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Björn Borg, der seine Karriere einst mit 26 beendet hatte, war völlig auf dem Holzweg, als er nach Federers Viertelfinal-Out in Wimbledon 2010 gegen Tomas Berdych sagte: «Ich denke, dass Roger bereits jetzt über den Rücktritt aus der Tennisszene nachdenkt. Er ist nicht mehr austrainiert. Manchmal konnte man eine Gleichgültigkeit erkennen. Er hat nicht dasselbe Engagement wie früher.» Legende Martina Navratilova meldete im März 2011: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass er nochmals die Nummer 1 wird.» Im Juli 2012 widerlegte Federer ihre Prognose. Und vielleicht übernimmt er ja bald noch einmal die Spitze der Weltrangliste. Mats Wilander (r.), auch er ein früherer Weltranglistenerster, hielt sich ebenfalls nicht zurück. Nach Federers Niederlage gegen Tsonga im Wimbledon-Viertelfinal 2011 schien auch sein Glauben an den Champion zu schwinden. Er sagte: «Der Federer, den man gegen Tsonga gesehen hat, ist ein Mann, der seit eineinhalb Jahren keinen Grand-Slam-Titel mehr gewonnen hat. Er wird nichts mehr gewinnen, wenn er seine mentale Einstellung für solche Matches nicht ändert. Er verdient die Niederlage. In diesem Moment ist er kein Sieger mehr.» Der Fairness halber sei hier gesagt, dass der Schwede damals zurecht Alarm schlug. Nachdem Federer in Wimbledon 2013 in der 2. Runde überraschend an Sergej Stachowski gescheitert war, fand Brad Gilbert: «Er ist menschlich geworden.» Das mochte in dem Moment stimmen, inzwischen ist Federer den irdischen Sphären jedoch wieder entflohen. Boris Becker sagte nach dem Stachowski-Match: «Das ist definitiv das Ende einer Ära.» Wer konnte schon ahnen, dass Federer vier Jahre später noch einmal an der Church Road triumphieren sollte? Einer, der nie um klare Worte verlegen ist, ist John McEnroe. Als Federer am US Open 2013 im Achtelfinal überraschend an Tommy Robredo scheiterte, war sich der 7-fache Grand-Slam-Champion sicher: «Roger ist langsamer geworden. Er wird keinen Grand-Slam-Titel mehr holen.» Jim Courier, hier bei einem seiner launigen Platzinterviews in Melbourne 2018, stellte nach jenem Match fest: «Die Aura der Unschlagbarkeit, die Federer einst umgab, wird immer kleiner.» Natürlich lag die Ex-Nummer-1 damals nicht falsch, aber Courier hätte wohl kaum damit gerechnet, dass Federer die Zeit noch einmal zurückdreht. Vor dem Australian Open 2014 sagte McEnroe: «Körperlich kann Federer nicht mehr mit den jüngeren, besesseneren Spielern mithalten.» Die letzten Jahre haben diese Aussage gleich doppelt widerlegt. Federer ist physisch selbst mit 36 noch bei den Leuten, auch wenn er inzwischen vermehrt Turniere auslässt, um seinen Körper zu schonen. Und tennisbesessener als er ist derzeit wohl kaum jemand. Ein besseres Gespür als andere Experten hatte Goran Ivanisevic. Der kroatische Wimbledonsieger von 2001 sagte am Australian Open 2014: «Roger will alle in den Hintern treten, die nicht an ihn glauben. Er glaubt dran, ich auch. Ich bin überzeugt, dass es noch nicht zu Ende ist.» Die wichtigste Stimme zum Schluss. Roger Federer selbst gab sich nach dem Debakel gegen Robredo vor über vier Jahren in New York kämpferisch. Alles hätte er nicht nur gewusst, was war, sondern auch, was noch folgen würde, sagte er: «Alle die, die mich abgeschrieben und für erledigt erklärt haben, lagen bisher noch immer falsch. Sehr falsch sogar.» Der seit Sonntag 20-fache Major-Sieger hätte nicht richtiger liegen können.

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Viereinhalb Jahre lang hatte Roger Federer Grand-Slam-Turniere als Verlierer verlassen. Es wollte einfach nicht klappen mit einem weiteren Triumph auf der bedeutendsten Tennisbühne, nachdem er im Sommer 2012 in Wimbledon den Thron zurückerobert hatte.

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Während sich die Niederlagen – vor allem die überraschenden gegen Aussenseiter – häuften, meldeten sich immer wieder Granden dieses Sports zu Wort. Der Tenor: Der Champion ist nicht mehr zum grossen Wurf fähig. Federer selbst glaubte jedoch weiterhin an sich. Er erfand sich neu und machte sich daran, die Expertenmeinungen zu widerlegen.

Seit seiner grandiosen Rückkehr in Melbourne 2017 hat er sein Palmarès um drei Major-Titel erweitert und am vergangenen Sonntag an gleicher Stätte die magische 20er-Grenze erreicht.

Mit welchen Worten die Tennislegenden den Baselbieter abschrieben, sehen Sie in der Bildstrecke.

(kai)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bergkamp am 29.01.2018 18:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Come back

    Respekt an ivanisevic ... war doch eigentlich eine mutige Aussage zu diesem Zeitpunkt...!

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  • Redsnapper am 29.01.2018 18:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sportler aus Passion

    Bravo Herr Federer die einfältigen Forderungen, wenn man etwas mehr Jahre aufweist, sollte man zurücktreten. Wenn ich all die alten Politsäcke sehe, die ja nichts bringen, sind Leistungen wie von Federer, welche er allein erbringt, umso aussergewöhnlicher.

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  • p. meier am 29.01.2018 18:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    tja

    Würde mal sagen bei Wahrsagern liegt die Trefferquote inetwa gleich hochbwie bei Sportexperten. Das gäbe mir als sogenannter Experte einwenig zu denken.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Twert am 30.01.2018 20:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer erinnert sich noch?

    1992 spielten McEnroe und Courier im Daviscupfinal gegen Rosset/Hlasek. Der Sieg der Amis wäre okay gewesen, wären sie nicht derart überheblich aufgetreten. Es war dieselbe Arroganz, mit der sie über RF herziehen. Nur diesmal schlägt der Schweizer mit exzellentem Tennis zurück. Game, det, match Federer.

  • Jost am 30.01.2018 19:34 Report Diesen Beitrag melden

    Sekterer

    Genau die Heulsusen wie euer Held. Boris Becker nichts erreicht also. Jaa persönlich brätschen auf alle die nicht eurer Meinung sind. Tolle faire Sportfans. Chapeau.

  • B. Kammer am 30.01.2018 17:18 Report Diesen Beitrag melden

    "Experten"

    Beim Bobele verwundert es mich gar nicht, dass er daneben lag.

  • Silvan am 30.01.2018 16:53 Report Diesen Beitrag melden

    vitamin B

    Djokovic und Nadal haben Ihre Grand Slams sportlich und verdient gewonnen nur mit ihrem tennis.Bei Federer sind die letzte drei sehr fraglich?So kann jeder gewinne;nur am Abed auf besten plätze der Dach wird geschlossen,mit jedem Mittel helfen Ihm Turnirdirektore.Vitamin B,andere Regel für Federer.Unsportlich

    • Mary am 30.01.2018 17:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Silvan

      O je, hoffentlich gibt's kein Kopfweh beim überlegen was Roger Federer noch alles für Bonis bekommen hat zum Siegen. Und sonst wünsche ich gute Besserung

    • Kopf Schüttel am 30.01.2018 17:36 Report Diesen Beitrag melden

      Silvan

      Völlig unqualifizierte Aussagen. Hatten dann Roger's Gegner andere Bedingungen bei den Spielen gegen ihn als er selber?

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  • posti am 30.01.2018 15:46 Report Diesen Beitrag melden

    Hatten recht

    Gewisse der hier nun kritisierten Kommentare waren zu jenem Zeitpunkt durchaus gerechtfertigt. Es gab in der Zeit, in der Roger weniger erfolgreich spielte, vermehrt Phasen, in denen er die letzte Konsequenz vermissen liess, nicht mehr um jeden Ball kämpfte und den Anschein erweckte, sein Siegeswille und -hunger habe nachgelassen. Dass er nun entgegen den Aussagen jener, die ihn abgeschrieben hatten, wieder so stark auftritt, ist deshalb kein Zufall, sondern hängt mit dem wiedergewonnenen Kampfgeist zusammen, der nebst einer Top-Form Schlüssel zum Erfolg ist. Weiter so!