Der Rücken

14. August 2017 15:37; Akt: 14.08.2017 18:05 Print

Roger Federers Schwachstelle

Titel und Rekorde prägen die Karriere des Schweizer Tennisstars. Es gibt aber auch eine andere Konstante: Rückenprobleme.

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Im Final von Montreal versteift sich Roger Federers Rücken in der Mitte des zweiten Satzes. An eine Wende gegen den stark aufspielenden Alexander Zverev ist nicht mehr zu denken, der Deutsche siegt 6:3, 6:4. Federer lässt danach das Masters-1000-Turnier in Cincinnati aus. Virus, Meniskus, Magen und dann auch noch der Rücken: Es passt ins Seuchenjahr, dass Federer fürs Masters-1000-Turnier in Madrid passen muss. Später sagt er wegen seines Rückens auch das French Open ab, womit seine Serie von 65 Grand-Slam-Teilnahmen in Folge reisst. Der epische Halbfinal gegen Stan Wawrinka an den ATP-Finals in London fordert seinen Tribut. Federer gewinnt zwar nach vier abgewehrten Matchbällen 4:6, 7:5, 7:6, ... ... muss tags darauf jedoch den Final gegen Novak Djokovic absagen. Der Rücken lässt keinen Einsatz zu. Weil in der Folgewoche der Davis-Cup-Final gegen Frankreich in Lille auf dem Programm steht, bangt die Tennisschweiz mit Federer. Dieser erholt sich rechtzeitig und gewinnt an der Seite des überragenden Wawrinka die Salatschüssel. In der 3. Runde von Indian Wells gegen Ivan Dodig meldet sich der Rücken, doch Federer spielt weiter. Er schlägt danach auch Wawrinka, ehe er im Viertelfinal an Nadal scheitert. Dass er die Signale des Körpers ignoriert, erweist sich als Fehler. Der Rücken plagt ihn für den Rest der Saison, Federer gewinnt lediglich in Halle einen Titel und rutscht bis im Januar 2014 auf Platz 8 der Weltrangliste ab. Er passt seine Rückenübungen, die er fast täglich machen muss, an, worauf sich die Probleme vorübergehend verflüchtigen. Im Wimbledon-Achtelfinal gegen Xavier Malisse ist eine Behandlung ausserhalb des Courts vonnöten. Eine Regenpause und Medikamente helfen ebenfalls, den Match zu überstehen. Später holt Federer seinen siebten Titel an der Church Road. In Doha muss Federer vor der Partie gegen Jo-Wilfried Tsonga zum zweiten Mal in seiner Karriere Forfait geben. Federer scheitert im Wimbledon-Viertelfinal an Tomas Berdych, auch wegen Schmerzen in Bein und Rücken. Um seinen Rücken zu schonen, verzichtet Federer auf Dubai und danach auch auf den Davis-Cup in den USA. Premiere in Paris-Bercy: Federer erklärt erstmals überhaupt Forfait, James Blake gewinnt kampflos. Auf dem Weg zur dramatischen Halbfinal-Niederlage in Melbourne gegen Marat Safin treten bei Federer Schmerzen im linken Fuss auf. Im Bestreben, diesen zu entlasten, verspannt sich sein Rücken. Federer unterliegt dem Russen 7:9 im fünften Satz. Bitterer Abgang am Heimturnier: Federers Rücken blockiert ausgerechnet im zweiten Einsatz an den Swiss Indoors, ... ... er unterliegt seinem heutigen Coach Ivan Ljubicic. Der Anfang der Rückengeschichte: Federer kann sich in der Startphase des Wimbledon-Achtelfinals gegen Feliciano López kaum bewegen. Massage, Tabletten und steigende Temperaturen bringen jedoch Besserung, worauf der Schweizer die Partie und später auch das Turnier gewinnt.

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Roger Federer ist in vielerlei Hinsicht gesegnet. Etwa mit unverschämt viel Talent. Oder einer unbändigen kindlichen Lust am Spiel, die das Ende seiner Karriere hinauszögert. In Sachen Physis gehörte der Baselbieter lange zu jener Sorte Tennisprofi, die von dauerhaften Zwangspausen verschont bleibt, was auch mit seiner ökonomischen Spielweise und seiner umsichtigen Planung zu tun hat. Und doch hat der 36-Jährige eine Schwachstelle, die seit geraumer Zeit besonderer Pflege bedarf.

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Als Federer am Sonntagabend im Final von Montreal gegen den 16 Jahre jüngeren Alexander Zverev ab Mitte des zweiten Satzes nicht mehr richtig aufschlagen konnte und sich gehemmt bewegte, kam schnell der Verdacht auf, der Rücken schmerze wieder einmal. Im Anschluss an das 3:6, 4:6 – Federer hätte die Partie gegen den brillant aufspielenden Deutschen wohl auch im Vollbesitz seiner Kräfte nicht mehr gedreht – sagte der Unterlegene: «Mitte des zweiten Satzes ist etwas Leichtes passiert, der Rücken fühlte sich etwas steif an. Danach war es nicht mehr das Gleiche.»

Forfait für Cincinnati

Federer entschied am Montag, dass er auf einen Start in Cincinnati, wo er am Mittwoch eingegriffen hätte, verzichten werde. Er will keine Risiken eingehen, da in zwei Wochen das US Open beginnt. «Die Gesundheit geht vor, ich darf jetzt keinen Blödsinn machen», hatte er bereits vor seiner Absage verkündet. Das Forfait von Federer bedeutet, dass Rafael Nadal am kommenden Montag die Nummer 1 der Weltrangliste wird.


Federer zu seinen Rückenproblemen. (Video: Tamedia/SRF)

Wenn es der Situation Positives abzugewinnen gibt, dann das: Der Weltranglistendritte weiss mit den Beschwerden umzugehen und kann gut abschätzen, wie viel Zeit die Genesung beansprucht. Das hat ihn die Vergangenheit gelehrt. Wie sagte er doch im Mai 2016, als sich Monate nach der Knie-Operation der Rücken meldete und er Madrid (und später auch das French Open) absagen musste? «Ich habe lieber Probleme mit dem Rücken als mit dem Knie.»

Das Leiden vor dem ersten Wimbledon-Sieg

Die Geschichte von Federer und jener Körperregion, zu der er am meisten Sorge tragen muss, begann vor 14 Jahren, als er sich anschickte, das Welttennis zu dominieren. Vor dem Wimbledon-Achtelfinal 2003 gegen Feliciano López verspürte er beim Einspielen einen «blitzartigen Schmerz» und konnte sich danach kaum mehr bewegen. Federer wollte aufgeben, doch die Hände des Physiotherapeuten wirkten Wunder. Dazu halfen ihm Schmerztabletten und steigende Temperaturen, die Runde zu überstehen. Der anhaltende Regen verschaffte ihm danach zusätzliche Erholungszeit, worauf er sechs Tage später seinen ersten Grand-Slam-Titel errang.

Seither traten immer wieder Probleme im unteren Bereich der Wirbelsäule auf, die beispielsweise 2008 in Paris-Bercy zu Federers erstem Forfait (für den Viertelfinal gegen James Blake) überhaupt führten. Oder die Tennisschweiz vor dem Davis-Cup-Final 2014 gegen Frankreich bangen liessen, nachdem Federer wenige Tage zuvor an den ATP-Finals in London Novak Djokovic den Titel kampflos hatte überlassen müssen.

Wann und wo der Rücken Federer zu schaffen machte, sehen Sie in der Bildstrecke.

(kai)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Smash am 14.08.2017 15:58 Report Diesen Beitrag melden

    Die Neue No 1 zu sein ist zu verlockend

    dennoch Magic Roger lass Cincinnati sausen, und spar dir die Kräfte für das US-Open, wenn's bis dann nicht reicht greif erst beim Australien Open 2018 wieder an.

    einklappen einklappen
  • Stefan Kimpel am 14.08.2017 16:05 Report Diesen Beitrag melden

    Manchmal sollte man hören...

    Ich bin mir da ganz sicher, spielt er ab Mittwoch wieder jeden Tag, wird er die US Open verpassen. Sein Körper hat ihm seine Grenzen aufgezeigt.

  • marko 32 am 14.08.2017 15:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nummer 1

    Er Schaft es

Die neusten Leser-Kommentare

  • Roberto am 15.08.2017 11:45 Report Diesen Beitrag melden

    Meine Schwachstelle

    Ich bin ü60 und der Rücken ist auch meine Schwachstelle (neben anderen). Ich bin aber schon pensioniert und geniesse es!

  • Peter Wyrsch am 15.08.2017 09:38 Report Diesen Beitrag melden

    Ein gewagter Vergleich ironisch gemeint

    King Roger ist kaum zu stoppen. Aber eben nur kaum. Für uns Normalsterbliche beruhigend, für Ihn als Tennisprofi natürlich nicht: Auch er hat einen Körper der mit 36 Jahren sagt, wenn ihm etwas nicht passt. Man verzeihe mir den Vergleich: Al Capone wurde nicht wegen seiner Mafia Tätigkeit verurteilt sondern wegen Steuerbetrug. King Roger wird nicht von seinen Gegnern "in Rente" geschickt aber vermutlich von seinem Rücken (hoffentlich nicht so bald) .

  • Martin W. am 15.08.2017 07:43 Report Diesen Beitrag melden

    Rückhand war grösstes Problem

    Sein grösstes Problem war nicht der Rücken sondern seine Rückhand. Seit er dort Umstellungen gemacht hat gewinnt er wieder. Schade dass er dies nicht schon 5 Jahre früher gemacht hat.

  • Cesar am 14.08.2017 22:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    signale unbedingt beachten

    roger, hör auf die warnungen deines körpers...ich habe auf meinen leider nicht gehört und wäre fast invalide geworden...

  • Dr. Pop am 14.08.2017 17:54 Report Diesen Beitrag melden

    Genießen

    Ich verstehe nicht warum ist Nr.1 so wichtig. Er hat schon X mal bewiesen das beste ist. Jetzt langsam aufhören und Leben genießen.