Iouri Podladtchikov

19. September 2013 22:21; Akt: 20.09.2013 10:37 Print

«Ich muss so sein wie ein Streber in der Schule»

von Marcel Allemann - Mit dem freestyle.ch beginnt für Iouri Podladtchikov eine aufregende Saison. Der Höhepunkt für den Schweizer Snowboard-Star: das Olympia-«Heimspiel» in Sotschi 2014.

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Iouri, was willst du dieses Wochenende am freestyle.ch in Zürich zeigen?
Iouri Podladtchikov:
Ich möchte den Leuten in Erinnerung rufen, dass der Schnee kommt und der Winter vor der Türe steht – und natürlich gute Tricks zeigen. Ich will einfach etwas Stylisches und Schönes präsentieren. Denn ich freue mich jedes Jahr riesig auf das freestyle.ch. Das ist ein Anlass, der auf den Grund unserer Sportart geht, sehr viel Wert auf den Style legt und das ist für uns Athleten enorm cool.

Letztes Jahr bist du in der Qualifikation hängen geblieben, du hast wohl auch noch eine Rechnung mit dem freestyle.ch offen...
Ich war deswegen auch ziemlich hässig. Denn technisch war ich gut, aber stylisch habe ich es total verhängt und daher habe ich in dieser Hinsicht schon noch eine Rechnung offen. Irgendwie hat für mich am freestyle.ch noch nie alles zusammen gepasst. Mal erhielt ich zu wenig Punkte, mal habe ich es selber verhängt. Aber es ist eben auch nicht ganz so einfach, denn es ist September und mitten in der Stadt, viele Faktoren sind nicht vorhersehbar. Deshalb ist es jeweils auch ein wenig ein Pokern mit dem perfekten Sprung.

Wie wichtig wäre es dir als Zürcher, dein Heimspiel mal gewinnen zu können? Oder ist das nebensächlich?
Wenn ich an einem Contest teilnehme, dann will ich diesen auch gewinnen. Aber man darf nicht vergessen, dass jetzt noch nicht Hauptsaison ist. Ich befinde mich noch in der Trockenvorbereitung, bin viel am Skaten und kümmere mich um meine Fitness. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich den Leuten einen coolen Style-Sprung zeigen möchte.

Was hast du im Hinblick auf die bevorstehende Saison für neue Tricks im Repertoire?
Das werden wir dann sehen. Es hängen einige neue Tricks bei mir in der Luft, aber bezüglich der Umsetzung hängt es auch davon ab, wie sich die Trainings-Verhältnisse unmittelbar vor und vor allem während der Saison präsentieren. Im Zentrum steht für mich, in den Runs die richtigen Kombinationen zu finden, da ist noch einiges offen. Oft war es so, dass ich zuerst das Schwierigste, das quasi Unerreichbare, anging. Jetzt geht es für mich nicht einmal so sehr darum, noch härtere und tödlichere Tricks einzustudieren, sondern meine Läufe ideal zu ergänzen.

Der kommende Winter ist ein Olympia-Winter. Wie sehr ist Sotschi bei dir schon präsent?
Je länger, desto mehr. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich vielleicht so einmal in der Woche daran gedacht, nun schon so jeden zweiten oder dritten Tag. Zum Glück gibt es aber noch vieles anderes, das mich interessiert, denn wenn man zu oft an Olympia denken würde, dann platzt man irgendwann.

Es muss aber schon sehr speziell sein für dich als russischstämmiger Sportler, Olympische Spiele in Russland zu bestreiten?
Auf jeden Fall, es wird für keinen anderen im Schweizer Team so speziell sein wie für mich. Einen Vorgeschmack darauf erhielt ich bereits am vorolympischen Event im letzten Winter in Sotschi. Ich bin da total krass empfangen und behandelt worden. Russland existiert ja nicht an Halfpipe-Contests, aber ich trage einen russischen Namen und spreche ihre Sprache, die Russen identifizieren sich mit mir, obwohl ich ihr Land gar nicht mehr vertrete. So etwas zu spüren, ist einfach nur ein Geschenk.

Und die olympische Medaille willst du deshalb dieses Mal unbedingt. Oder gehst du es locker an?
Locker sicher nicht, so etwas gibt es bei mir schon länger nicht mehr. Die Olympischen Spiele werden für mich so ein richtiger «alles oder nichts Moment». Mein Ziel ist es, dass meine Haltung und meine Läufe in Sotschi den Eindruck erwecken, dass ich unglaublich easy mein Ziel erreiche und überhaupt keinen Druck verspüre. Dafür braucht es mental und physisch eine mega gute Vorbereitung. Ich habe mir im Mai mal Gedanken über meinen Olympia-Run gemacht. Damit dieser für mich bequem wird, muss ich all die Arbeit schon vorher machen. So wie ein Streber in der Schule, der jeweils als erster aufstreckt, wenn der Lehrer etwas fragt. Ich muss also als richtiger Streber in Sotschi am Start stehen. Und klar – ich will dort gewinnen und ich glaube auch daran, sonst würde eine Teilnahme gar keinen Sinn machen. Aber ich weiss auch wie schwer es ist, dieses Vorhaben umzusetzen.

Von Über-Snowboarder Shaun White, der in Sotschi erneut dein grosser Konkurrent sein sollte, hörte man zuletzt, dass er sich am Knöchel verletzt hat. Verfolgst du so etwas oder ist das für dich ein Nebenschauplatz?
Es tat mir sicher leid, dass er sich verletzt hat. Aber es ist für mich gleichzeitig auch irrelevant, denn man ist irgendwie so krank und auch egoistisch auf sich selbst fixiert. Ich weiss, was ich kann und konzentriere mich darauf. Den Rest versuche ich auszublenden.

Du betreibst eine Sportart auf höchstem Level, bei welcher der kleinste Fehler verhängnisvoll sein kann. Eine dumme Verletzung und die Olympischen Spiele finden ohne dich statt. Denkst du manchmal daran oder verdrängst du das?
Gut, es gibt den Klassiker, den Kreuzbandriss. Da ist man sich schon bewusst, dass alles vorbei ist, wenn man sich einen solchen in den letzten neun Monaten vor Olympia einfängt. Wie du gesagt hast – es ist so schnell etwas passiert. Deshalb lege ich auch meinen «Vorsichts-Blick» darauf. Es gibt Snowboarder, die kaum oder gar nie verletzt sind, die betreiben eine Art Risiko-Management. Aber natürlich ist das keine Garantie, dass nichts geschieht, ein Restrisiko bleibt trotzdem.

Betreibst du auch ein solches Restrisiko-Management?
Ja, das tue ich. Letztendlich ist das auch der einzige wahre Job, den ich effektiv und zuverlässig auszuführen habe. Der Rest – das Fliegen und die Tricks – ist einfach nur geil und stellt meine Selbstverwirklichung dar. Doch sich in Vorsicht zu üben und ein Risiko-Management zu betreiben, das ist richtiges Arbeiten!

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • deejot am 20.09.2013 07:59 Report Diesen Beitrag melden

    Super!

    Finde ich super von den Russen, dass sie Iouri weiter unterstützen! Dann sind wir mehr Leute, die sich über seine Olympiamedaille freuen. Alles gute Iouri, wir stehen hinter dir!!

Die neusten Leser-Kommentare

  • deejot am 20.09.2013 07:59 Report Diesen Beitrag melden

    Super!

    Finde ich super von den Russen, dass sie Iouri weiter unterstützen! Dann sind wir mehr Leute, die sich über seine Olympiamedaille freuen. Alles gute Iouri, wir stehen hinter dir!!