20 Minuten Online taucht ab

30. Juni 2009 11:47; Akt: 10.08.2009 14:45 Print

Wie schwierig ist eigentlich eine Eskimorolle?

von Patrick Toggweiler - Zwei Stunden Zeit, ein Privattrainer und ein leeres Kinderschwimmbad – genug, damit einer, der noch nie in seinem Leben in einem Kanu sass, schon bald wie ein Eskimo rollt? 20 Minuten Online hat es ausprobiert.

(Video: 20 Minuten Online)
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Es gibt den Mythos vom Kunstturner, der sich die ganze Sache einmal angesehen, sich ins Boot geschwungen und eine veritable Eskimorolle hingelegt haben soll. Ich aber bin kein Kunstturner und etwa so beweglich wie die Position der SVP zur EU-Frage. Bereits der Einstieg in die enge Kunststoffschale wird zur Zitterpartie. Trotzdem solls versucht werden: Die perfekte Rolle von Kajaktrainer David einmal visiert und dann selbst ausprobiert. Der Versuch auf gut Glück fiel ins Wasser. Keine Orientierung, kein Plan, keine Chance. Den Tipp gab mir David zuvor dann doch noch: Wie ich unter Wasser am schnellsten aus dem Boot aussteige. Es war ein guter Tipp, wie sich zeigte.

Boot vor Mann

Einmal untergetaucht, hat der Mensch die Angewohnheit, erstmal den Kopf aus der Schlinge oder eben dem Wasser ziehen zu wollen. Diesen Reflex gilt es beim Eskimotieren zu brechen: erst das Boot, dann der Mensch. Das heisst so viel wie: Kajak umdrehen und erst dann den Körper mit Hilfe des Paddels nachziehen - erst ganz am Schluss den Kopf. Den ersten Schritt erledigt der Kanute mit dem sogenannten Hüftknick.

Hüftknickmania

Schlüssel zur gepflegten Eskimorolle ist ein Abkippen der Hüfte in Richtung Schulter derselben Körperseite: der Hüftknick. Eine Bewegung, konzipiert für Laufstegmodelle oder Standardtänzer. Ungewohnt – und das über Kopf und unter Wasser. Doch ohne geht es nicht. Nur so kann das verkehrt auf dem Wasser liegende Boot wieder auf die schwimmtaugliche Seite gedreht werden, ohne dass der Kanute aussteigen muss. Menschen mit einem Hüftschwung wie Fred Astaire sind hier klar im Vorteil. Wer Hüftschwünge aber eher mit Nöldi Forrer assoziiert – so wie das jeder anständige Schweizer Sportjournalist tun sollte – dem fällt es etwas schwerer.

Komplexer Bewegungsablauf

Dazu kommt, dass das Paddel korrekt ausgerichtet, die Nerven und Orientierung unter Wasser nicht verloren und der Körper bis zuletzt unter Wasser gehalten werden sollte. Trotz grandioser Unterstützung von Trainer David ein bisschen viel. Einmal klappt der Hüftknick nicht, dann fehlt es an Orientierung oder der Kopf will zu früh raus. Die Bewegungsabläufe sind noch nicht automatisiert. Dafür braucht es Zeit. Doch die haben wird nicht. Die Uhr tickt.

Zufriedenstellender Misserfolg

Mit dem besten Hüftknick des Tages, mit der trägsten Kopfhaltung, mit der präzisesten Orientierung - und etwas Dusel. So hätte es klappen können. Bereits etwas müde, mit Chlor getränktem Gehirn und dem Bademeister im Genick, der uns tunlichst nach zwei Stunden aus dem Becken haben wollte, ging es nicht. Viel fehlte nicht, bei diesem letzten Versuch Sekunden vor Ablauf der Zweistundenfrist. Der ungeübte Beobachter hätte den Beschiss vermutlich nicht einmal bemerkt. Dabei wurde mit dem Paddel am Boden abgestossen. Bei einem 1,20-Meter-Kinderbecken geht das. Im reissenden Wildwasserfluss nicht.

Lerne Eskimotieren

Eine etwas weniger hüftsteife Person lernt die Eskimorolle in zwei Stunden. Das gute dabei: Es macht extrem Spass. Die Eskimorolle für jedermann gibt es in mehrteiligen Kursen jeweils im Winter. Wirkliche Talente rollen aber bereits nach wenigen Minuten. Zum Beispiel Instruktor David Etzensperger. Als er vor fünf Jahren in einem trüben Tümpel die Eskimorolle lernte, verging gerade Mal eine halbe Stunde, bis er ohne Hilfe – und ohne Bodenkontakt – erfolgreich eskimotierte.