Skandalarzt

04. Februar 2018 01:45; Akt: 04.02.2018 09:27 Print

Das FBI hätte Nassar stoppen können

Seit 2015 hat die US-Bundespolizei von den Übergriffen des Turnarztes Larry Nassar gewusst – und nichts unternommen. Es wurden danach noch weitere 40 Mädchen von ihm missbraucht.

Bildstrecke im Grossformat »
Historische Einigung im Missbrauchsskandal um den verurteilten Arzt Larry Nassar: 500 Millionen Dollar bezahlt sein einstiger Arbeitgeber, die Michigan State University, als Genugtuung und Schmerzensgeld an die mehr als 300 Opfer. Es ist ein teures Schuld-Eingeständnis der renommierten Hochschule – und eines, auf das die Opfer immer gehofft hatten. Sie wollten nicht nur Nassar in die Verantwortung genommen sehen, sondern auch die Institutionen, die sein Treiben erst ermöglichten. Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt nach mehr als einem halben Jahr gestand Olympiasiegerin McKayla Maroney, wie sehr sich der Missbrauchsskandal auch heute noch auf ihr Leben auswirkt. «Ich mache drei Schritte vorwärts und zwei zurück», sagt sie vor Zuhörern in New York. Bei fast jeder Gelegenheit sei sie von Larry Nassar, dem einstigen Chefarzt von USA Gymnastics, missbraucht worden. Zu den Opfern zählt auch Jordyn Wieber. Dass Nassar für den Rest seines Lebens hinter Gitter muss (und rein theoretisch noch weit darüber hinaus), stellt sie noch nicht zufrieden, auch seine einstigen Vorgesetzten beim Landesverband sollen büssen. Deshalb reichte sie am Mittwoch Klage vor einem Gericht in Kalifornien ein. Bei zwei Gerichtsverfahren im Januar im Bundesstaat Michigan wurde Larry Nassar wegen Missbrauchs von Minderjährigen zu 300 Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte die drakonische Strafe kommen sehen müssen: Weil im Laufe des Prozesses derart viele seiner Opfer aussagen wollten, musste Richterin Rosemarie Aquilina die Anhörungen um mehrere Tage verlängern. Nassar, 54, wird den Rest seines Lebens in Haft verbringen müssen. Wohl mehr als 200 Mädchen und junge Frauen hat Nassar im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte missbraucht. Emma Ann Miller war vermutlich das letzte Opfer von Skandalarzt Larry Nassar: Die 15-jährige Turnerin liess sich im August 2016 von ihm behandeln, eine Woche, bevor sich die Michigan State University von ihm trennte. Besonders brisant: Bis heute verschickt die angesehene Hochschule in East Lansing Geld für diese Behandlungen. Ins Rollen gebracht hat den erschütternden Missbrauchsskandal Rachael Denhollander, indem sie am 29. August 2016 Klage einreichte gegen Larry Nassar. Einen Tag darauf trennte sich endlich auch die Michigan State University von ihm, drei Monate später wurde er verhaftet. Fast 160 frühere und aktuelle Turnerinnen wagten am Prozess gegen Nassar den Gang an die Öffentlichkeit, um gegen ihren einstigen Peiniger auszusagen. Besonders bemerkenswert der Auftritt von Aly Raisman: Die dreifache Olympiasiegerin wandte sich direkt an Nassar und sagt: «Du bist nichts.» Es waren beklemmende, schmerzhafte Auftritte der missbrauchten Turnerinnen, Tränen flossen bei den jungen Frauen genauso wie beim Publikum. Auch Olivia Cowan, als Absolventin der Michigan State University ein Opfer Nassars, traute sich, eine öffentliche Aussage zu machen. Olympiasiegerin McKayla Maroney dagegen brachte nicht die Kraft auf, vor Nassar selbst auszusagen. Sie liess stattdessen ein siebenminütiges Statement verlesen. Mit 13 oder 14 Jahren hätten die Missbräuche angefangen, geendet haben sie erst mit ihrem Rücktritt nach den Olympischen Spielen 2012 in London. Mehr als 100 Male sei sie zum Opfer geworden. Im November war Larry Nassar wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material zu 60 Jahren Haft verurteilt worden. Im Bezirksgericht von Lansing, Michigan, steht eine lebenslängliche Gefängnisstrafe zur Debatte – im Maximum weitere 40 Jahre. In einem Schreiben an das Gericht beschwerte sich Larry Nassar nun im zweiten Prozess über den «Medienzirkus», der wegen seines Falles veranstaltet werde. Er wollte die Kameras aus dem Gerichtssaal verbannt haben, die eine Liveübertragung ins Fernsehen und Internet sicherstellten. Bezirksrichterin Rosemarie Aquilina stellte klar, dass sie von diesem Begehren nichts hielt. «Ich stehe zur Verfassung, die besagt, dass die Medien zu Gerichtsverfahren zugelassen sind», sagte sie und kanzelte Nassars Bitte nach Gnade bloss müde lächelnd ab. Zunehmend unter Druck geraten die Verbände und Institutionen, die Larry Nassar beschäftigt haben. Lou Anna Simon, Präsidentin der Michigan State University, bekräftigt aber, sie habe von den Übergriffen Nassars erst viel zu spät erfahren. Ein Stück weit wurde USA Gymnastics aktiv. Etwa beendete der Verband die Zusammenarbeit mit der Karolyi Ranch. Auf diesem Trainingsstützpunkt in Huntsville, Texas, vergriff sich Larry Nassar regelmässig an den Turnerinnen des US-Nationalkaders. Jeden Monat traf sich das Nationalteam auf der Ranch zu Zusammenzügen. Nun wurde bekannt, dass Nassar nicht einmal die Lizenz besass, in Texas zu praktizieren. Gegründet wurde die Turnranch vom legendären Trainer-Ehepaar Marta und Bela Karolyi (Marta im Bild mit der vierfachen Olympiasiegerin Simone Biles). Die Vorwürfe der Turnerinnen sind happig: Die Trainer könnten von den Übergriffen gewusst, aber nichts unternommen haben. Dass in Huntsville noch einmal Turnerinnen einquartiert werden, scheint ausgeschlossen. Der Ruf ist ruiniert.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der Fall des pädophilen amerikanischen Turnarztes Larry Nassar lässt das FBI schlecht aussehen. Nach einem Zeitungsbericht wusste die Bundespolizei Bescheid, lange bevor Nassar verhaftet wurde.

Der amerikanische Turnverband USA Gymnastics legte dem FBI im Juli 2015 einen Bericht über Nassar vor, der sich, wie heute bekannt ist, an mehr als 250 Mädchen und meist minderjährigen Frauen vergangen hat. Gemäss dem Zeitungsbericht lag mehr als nur ein ausreichender Tatverdacht vor, sodass der pädophile Arzt hätte verhaftet und angeklagt werden können.


Missbrauchsskandal um Teamarzt der US-Turnerinnen: Rund 100 Minderjährige soll Larry Nassar sexuell missbraucht haben. (Video: Tamedia/CNN)

Da die Polizei aber nichts unternahm, konnte Nassar noch während weiteren 14 Monate Turnerinnen sexuell belästigen und attackieren. Mindestens 40 Mädchen und Frauen sollen in dieser Zeit Nassars Opfer geworden sein.

«Alle haben Rechte, auch Nassar»

Der heutige Pensionär W. Jay Abbott, damals Chef des zuständigen FBI-Büros in Indianapolis, wurde gefragt, wieso das FBI nicht zumindest die betroffenen Familien und Trainer vor Nassar gewarnt habe. «Es ist nicht so einfach. Es gibt eine Notwendigkeit, jene Menschen zu warnen, die in Zukunft heimgesucht werden könnten», sagte Abbott. «Aber alle müssen immer noch ganz sicher sein, ob wirklich ein Verbrechen begangen wurde. Bei uns haben alle ihre Rechte.» Auch Nassar.

In einem ersten Richterspruch wurde Nassar jüngst zu einer Gefängnisstrafe von 40 bis 175 Jahren verurteilt. Ein weiteres Urteil wird am Montag in Eaton County im Bundesstaat Michigan folgen.

(chk/sda)