Bankrott und baufällig

05. Februar 2012 17:45; Akt: 05.02.2012 20:46 Print

Der Super Bowl im Schoss der USADer Super Bowl im Schoss der USA

von Jürg Federer - Indianapolis ist von der Wirtschaftskrise gezeichnet. Die TV-Bilder vom Super Bowl werden dies aber verheimlichen - obwohl es viel zur Einzigartigkeit des Events beiträgt.

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American Football ist die amerikanischste aller Sportarten, kriegerisch, brachial und ultimativ. Der Super Bowl ist die Krönung dieses Amerikanismus. Der alljährliche Event im Februar wird in Amerika als der höchste Feiertag neben der Oscar-Verleihung bezeichnet. Der Super Bowl wird meistens in weltoffenen Kulturstädten wie Miami ausgetragen, doch in diesem Jahr kehrt dieses amerikanischste aller Sportereignisse ins Herzen seiner Heimat. Indianapolis ist eine Arbeiterstadt, «Blue Collar» werden die Handwerker in den USA genannt. Der demokratische Präsident Barack Obama gilt hier als Feindbild, die Ölmultis als Heilsbringer und Kriegsveteranen als Helden, die noch mehr verehrt werden als Indianapolis Colts Quarterback Peyton Manning. Indianapolis ist Amerika, wie es die Europäer oft kritisieren und in New York, Miami, Los Angeles oder Chicago doch nie finden.

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Mit Sicherheitskräften zur Toilette

Weit über 100 000 Menschen strömen seit einer Woche täglich in die amerikanische Kleinstadt Indianapolis, viele von weit her. New York Giants Fans haben augenfällig die Überhand, auf drei Häuserblocks feiern sie gemeinsam mit den Einwohnern von «Indy» ein Volksfest, ein buntes Treiben mit fettigen Sandwiches, Countrymusik, Spiel und Spass. «Wir haben den Super Bowl Rekord aller Zeiten gebrochen, noch nie sind so viele Menschen in ein Super Bowl-Fandorf geströmt», schrie ein Animator am Freitagabend euphorisch ins Mikrophon, die Menschen jubelten ihm stolz zu. Mit Zahlen kann diese Behauptung auch auf Nachfrage nicht untermauert werden. Vielleicht ist es auch einfach das kleine Stadtzentrum von Indianapolis, das der Event aus allen Nähten platzen lässt.

«Der Super Bowl ist das Epizentrum der Pop-, Sport- und Unterhaltungsindustrie», erklärt NFL Kommunikationschef Brian McCarthy. Neben 5000 Journalisten begrüsst er diese Tage auch Hollywood-Grössen wie Produzent Jerry Bruckheimer und Schauspieler Michael Douglas oder «It-Girl» Paris Hilton. Die Prominenz haust - abgeschottet vom eigentlichen Fest - in einem der überteuerten Hotels. Die meisten im Marriott, dem Teamhotel der New York Giants. Das Stadion, das Fandorf und der interaktive Themenpark NFL Experience sind einen Steinwurf davon entfernt, es scheint als würde der Super Bowl XLVI auf der Fläche einer Telefonzelle stattfinden. Muss Giants-Quarterback Eli Manning zur Toilette, wird er wegen dem Rummel um sein temporäres Zuhause von Sicherheitskräften begleitet.

TV-Moderatoren gefeiert wie Rockstars

Der Super Bowl ist ein weltweites TV-Ereignis mit über 100 Millionen Zuschauern, nationale TV-Stationen nehmen in der Innenstadt von Indianapolis die grösseren Bühnen ein als national bekannte Countrymusiker. Der Andrang zu den Liveshows der Fernsehmacher ist grösser als die Warteschlangen vor den Restaurants und Essensständen. Tausende Schaulustige feuern TV-Moderatoren hinter Absperrungen an wie Rockstars, wer am höchsten springt, am lautesten schreit und am wildesten mit den Händen fuchtelt, kommt vielleicht im nationalen Fernsehen.

Für den Grossteil der Super Bowl-Besucher ist der Event ein Strassenfest, das eigentliche Spiel sehen sie am TV. Eintrittspreise von durchschnittlich 3000 US$ sorgen für eine natürliche Selektion der 68 000 erlauchten Zuschauer im Stadion. Am Fernsehen werden weltweit alle Beobachter eine schmucke, zeitgemässe Arena sehen, eine mit einem mobilen Dach, gebaut im Jahr 2008, dem Höhepunkt der amerikanischen Immobilienkrise. Die Baukosten von 720 Millionen US$ haben der Staat Indiana und die Stadt Indianapolis übernommen, das Heimteam Indianapolis Colts steuerte 100 Millionen US$ bei. Die Vergabe des Super Bowl XLVI an die Stadt Indianapolis ist die Belohnung für die neue Arena, inmitten einer bröckelnden Infrastruktur.

Der Super Bowl kehrt nach Amerika zurück

Eine Studie besagt, dass Football-Spieler im Durchschnitt 2,5 Jahre nach ihrem Karriereende bankrott sind. Der Stadt Indianapolis ist dasselbe Schicksal vier Jahre nach ihrem schmucken Stadionbau ebenso widerfahren. Verlässt man das Super-Bowl-Fandorf über eine der Seitenstrassen, kommen rostige Brücken und baufällige Parkhäuser zum Vorschein sowie ungeteerte Dreckstrassen inmitten des Milliardengeschäfts Super Bowl. Der Hauptort des Staates Indiana ist gezeichnet von der amerikanischen Immobilienkrise, es fehlen Steuergelder. Die Stadt ist umgeben von «Mobile Home»-Siedlungen, Ansammlungen von Bretterbuden, die mit dem Sattelschlepper von A nach B verschoben werden können. Aus allen Landesteilen sind Opfer der Wirtschaftskrise nach Indiana gezogen, die zerfallenen Immobilienpreise haben sie herbeigelockt. Der Staat ist krisenbedingt eine der am schnellsten wachsenden Regionen Amerikas.

Am TV wird diese Seite von Indianapolis verheimlicht. «Wir sind das grossartigste Land der Welt», schreit ein Animator unaufhörlich und die Menschenmasse pflichtet ihm mit frenetischem Jubel bei. Das ist die Nachricht, die der Super Bowl in über 100 Millionen Haushaltungen sendet. Der Sieger des Spiels von heute wird feierlich Weltmeister genannt, das Ereignis selbstverständlich als grösster Sportevent der Welt verkauft. Kein Landesteil hat es mehr verdient, mit diesem höchsten Feiertag neben der Oscar-Verleihung das Selbstvertrauen neu zu stärken als die «Blue-Collar» Regionen Amerikas. Keine Stadt kann die 400 Millionen Dollar, die der Event in die lokale Wirtschaft spült, besser brauchen als Indianapolis. Und kein Einwohner Amerikas hat mehr Anrecht auf eine feierliche Pause von der Immobilien-Krise aus dem Jahr 2008 als die Arbeiter von Indiana. Sie feiern sich selber, den Super Bowl und ihr Land frenetischer als die mit Kultur, Geld und Tourismus verwöhnten Florider in Miami. Und deshalb ist der Super Bowl XLVI auch ein besonders denkwürdiger Event. Es ist, als käme die amerikanischste aller Sportarten zurück in ihren Schoss, ins wahre, konservative und babtistische Amerika.

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  • giovanni bernasconi am 05.02.2012 23:08 Report Diesen Beitrag melden

    Vive les illusions

    Die USA sind total bankrott. Wenn ihnen China (endlich) den Hahnen zu dreht werden auch die Shows zu Ende sein. Alles ist in den USA nur eine show und bezweckt die Volksverduemmung: die Elite tut was sie will und die Dummen glauben an Storch.

  • tim am 05.02.2012 21:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    lob

    jürg federer, absolut grossartiger artikel. gottseidank leben wir in einem zensurfreien land.

  • Andrea Bolliger am 05.02.2012 20:46 Report Diesen Beitrag melden

    Infrastruktur

    Wieso auch alles marode reparieren, wieder instand stellen? Die ELITE kommt mit anderen "Verkehrsmitteln"