Turnskandal

16. Mai 2018 21:24; Akt: 16.05.2018 21:49 Print

Eine halbe Milliarde Dollar für die Opfer

Larry Nassar missbrauchte mehr als 300 Mädchen und junge Frauen. Nun gesteht einer seiner Arbeitgeber seine Schuld ein.

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Historische Einigung im Missbrauchsskandal um den verurteilten Arzt Larry Nassar: 500 Millionen Dollar bezahlt sein einstiger Arbeitgeber, die Michigan State University, als Genugtuung und Schmerzensgeld an die mehr als 300 Opfer. Es ist ein teures Schuld-Eingeständnis der renommierten Hochschule – und eines, auf das die Opfer immer gehofft hatten. Sie wollten nicht nur Nassar in die Verantwortung genommen sehen, sondern auch die Institutionen, die sein Treiben erst ermöglichten. Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt nach mehr als einem halben Jahr gestand Olympiasiegerin McKayla Maroney, wie sehr sich der Missbrauchsskandal auch heute noch auf ihr Leben auswirkt. «Ich mache drei Schritte vorwärts und zwei zurück», sagt sie vor Zuhörern in New York. Bei fast jeder Gelegenheit sei sie von Larry Nassar, dem einstigen Chefarzt von USA Gymnastics, missbraucht worden. Zu den Opfern zählt auch Jordyn Wieber. Dass Nassar für den Rest seines Lebens hinter Gitter muss (und rein theoretisch noch weit darüber hinaus), stellt sie noch nicht zufrieden, auch seine einstigen Vorgesetzten beim Landesverband sollen büssen. Deshalb reichte sie am Mittwoch Klage vor einem Gericht in Kalifornien ein. Bei zwei Gerichtsverfahren im Januar im Bundesstaat Michigan wurde Larry Nassar wegen Missbrauchs von Minderjährigen zu 300 Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte die drakonische Strafe kommen sehen müssen: Weil im Laufe des Prozesses derart viele seiner Opfer aussagen wollten, musste Richterin Rosemarie Aquilina die Anhörungen um mehrere Tage verlängern. Nassar, 54, wird den Rest seines Lebens in Haft verbringen müssen. Wohl mehr als 200 Mädchen und junge Frauen hat Nassar im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte missbraucht. Emma Ann Miller war vermutlich das letzte Opfer von Skandalarzt Larry Nassar: Die 15-jährige Turnerin liess sich im August 2016 von ihm behandeln, eine Woche, bevor sich die Michigan State University von ihm trennte. Besonders brisant: Bis heute verschickt die angesehene Hochschule in East Lansing Geld für diese Behandlungen. Ins Rollen gebracht hat den erschütternden Missbrauchsskandal Rachael Denhollander, indem sie am 29. August 2016 Klage einreichte gegen Larry Nassar. Einen Tag darauf trennte sich endlich auch die Michigan State University von ihm, drei Monate später wurde er verhaftet. Fast 160 frühere und aktuelle Turnerinnen wagten am Prozess gegen Nassar den Gang an die Öffentlichkeit, um gegen ihren einstigen Peiniger auszusagen. Besonders bemerkenswert der Auftritt von Aly Raisman: Die dreifache Olympiasiegerin wandte sich direkt an Nassar und sagt: «Du bist nichts.» Es waren beklemmende, schmerzhafte Auftritte der missbrauchten Turnerinnen, Tränen flossen bei den jungen Frauen genauso wie beim Publikum. Auch Olivia Cowan, als Absolventin der Michigan State University ein Opfer Nassars, traute sich, eine öffentliche Aussage zu machen. Olympiasiegerin McKayla Maroney dagegen brachte nicht die Kraft auf, vor Nassar selbst auszusagen. Sie liess stattdessen ein siebenminütiges Statement verlesen. Mit 13 oder 14 Jahren hätten die Missbräuche angefangen, geendet haben sie erst mit ihrem Rücktritt nach den Olympischen Spielen 2012 in London. Mehr als 100 Male sei sie zum Opfer geworden. Im November war Larry Nassar wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material zu 60 Jahren Haft verurteilt worden. Im Bezirksgericht von Lansing, Michigan, steht eine lebenslängliche Gefängnisstrafe zur Debatte – im Maximum weitere 40 Jahre. In einem Schreiben an das Gericht beschwerte sich Larry Nassar nun im zweiten Prozess über den «Medienzirkus», der wegen seines Falles veranstaltet werde. Er wollte die Kameras aus dem Gerichtssaal verbannt haben, die eine Liveübertragung ins Fernsehen und Internet sicherstellten. Bezirksrichterin Rosemarie Aquilina stellte klar, dass sie von diesem Begehren nichts hielt. «Ich stehe zur Verfassung, die besagt, dass die Medien zu Gerichtsverfahren zugelassen sind», sagte sie und kanzelte Nassars Bitte nach Gnade bloss müde lächelnd ab. Zunehmend unter Druck geraten die Verbände und Institutionen, die Larry Nassar beschäftigt haben. Lou Anna Simon, Präsidentin der Michigan State University, bekräftigt aber, sie habe von den Übergriffen Nassars erst viel zu spät erfahren. Ein Stück weit wurde USA Gymnastics aktiv. Etwa beendete der Verband die Zusammenarbeit mit der Karolyi Ranch. Auf diesem Trainingsstützpunkt in Huntsville, Texas, vergriff sich Larry Nassar regelmässig an den Turnerinnen des US-Nationalkaders. Jeden Monat traf sich das Nationalteam auf der Ranch zu Zusammenzügen. Nun wurde bekannt, dass Nassar nicht einmal die Lizenz besass, in Texas zu praktizieren. Gegründet wurde die Turnranch vom legendären Trainer-Ehepaar Marta und Bela Karolyi (Marta im Bild mit der vierfachen Olympiasiegerin Simone Biles). Die Vorwürfe der Turnerinnen sind happig: Die Trainer könnten von den Übergriffen gewusst, aber nichts unternommen haben. Dass in Huntsville noch einmal Turnerinnen einquartiert werden, scheint ausgeschlossen. Der Ruf ist ruiniert.

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Jahrelang wurden sie missbraucht, jahrzehntelang ausgenutzt. Nicht von irgendwem – von ihrer Vertrauensperson. Larry Nassar, einst angesehener Mediziner des amerikanischen Turnverbandes USA Gymnastics, hatte sich im grossen Stil an Mädchen und Jugendlichen vergangen, die sich von ihm behandeln liessen. Vermutet werden weit mehr als die bekannten gut 300 Opfer.

156 von ihnen sagten Anfang Jahr gegen ihn aus, als vor zwei Bezirksgerichten im Bundesstaat Michigan Nassar der Prozess gemacht wurde. Und die emotionalen Auftritte sorgten für ein drakonisches Urteil: Nassar wurde zu insgesamt 300 Jahren Gefängnis verurteilt für den Missbrauch von Minderjährigen. Hinzu kommt eine frühere Haftstrafe von 60 Jahren für den Besitz von kinderpornografischem Material.

Der komplette Vorstand trat zurück

Worauf viele Opfer bei ihren Aussagen wert legten: dass nicht nur ihr Peiniger zur Verantwortung gezogen wird, sondern auch jene Institutionen, die sein Treiben erst ermöglichten, indem sie Hinweise und Anzeichen ignorierten. Die Nassar auch dann noch beschäftigten, als bereits Klagen gegen ihn vorlagen. Und die den missbrauchten Frauen gar noch Rechnungen für diese Behandlungen stellten.

Besonders der Landesverband USA Gymnastics (USAG) und die Michigan State University (MSU), an der Nassar als Osteopath praktizierte, gerieten unter Beschuss. Olympiasiegerin Aly Raisman, auch sie mehrfach missbraucht, klagte an: «USA Gymnastics ist zu 100 Prozent verantwortlich. Der Verband hat uns die Behandlung durch Larry Nassar vorgeschrieben. Doch ich glaube nicht, dass es die Leute dort interessiert oder dass es ihnen Leid tut.» Bei USAG trat daraufhin der komplette Vorstand zurück.

Nun einigt sich die Michigan State University mit den Anwälten der Opfer und erklärt sich zur Zahlung von 500 Millionen Dollar bereit. 425 Millionen gehen als Schmerzensgeld und Genugtuung direkt an die Opfer, 75 Millionen werden für weitere künftige Fälle zurückgestellt. Nach welchem Schlüssel das Geld verteilt wird, wurde nicht öffentlich gemacht.

Weitere Klagen sind hängig

«Diese historische Einigung war nur dank des Mutes von mehr als 300 Frauen und Mädchen möglich, die sich weigerten, länger zu schweigen», liess sich John Manly zitieren, ein Anwalt der meisten der Opfer. Er hoffe, sagt Manly weiter, dass damit ein Schritt getan sei, sexuellen Missbrauch im Sport oder an Schulen zu beenden. Amanda Thomashow, ein Opfer Nassars, das seine Übergriffe 2014 erfolglos der Schule meldete, fügte an: «Ich hoffe, das führt zu einem kulturellen Wandel an dieser und anderen Schulen.»

Diese Einigung über eine halbe Milliarde Dollar betrifft nur Klagen, mit denen sich die MSU konfrontiert sah. Klagen gegen USA Gymnastics und gegen das amerikanische Olympische Komitee (USOC), das Nassar bei total fünf Olympischen Spielen akkreditiert hatte, sind unverändert hängig.

(wie)