Super Bowl XLVI

02. Februar 2012 07:24; Akt: 03.02.2012 17:35 Print

Pizza-Alltag bei den New York GiantsPizza-Alltag bei den New York Giants

von Jürg Federer, New York - Ein ideales Trainingsgelände, ein frecher Rookie und ein entspannter Quarterback: Die New York Giants sind für den Saison-Höhepunkt bereit - auch wegen des Mittagessens.

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Der Ausgangspunkt für einen Trip zu den New York Giants ist der Bahnhof Penn Station in der Mitte der Insel Manhattan. Die Reise führt unter dem Hudson River hindurch in eine andere Zeit. «Man erwartet nun KBG-Soldaten, die durch die Eisenbahnwagons marschieren», scherzt ein Passagier, ein New Yorker Geschäftsmann, der sich an den alten, braunen Kunstledersitzen im prähistorischen Zug nach New Jersey anbiedert. Die Reise führt durch verschmutzte Sumpfgebiete, an maroden Industriebauten vorbei.

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Seit 1976 sind «The Big Blue», wie die New York Giants genannt werden, im Nachbarstaat New Jersey beheimatet, in East Rutherford, 21 Kilometer westlich von Manhattan. Ihre Fanbasis liegt in den umliegenden Arbeitervierteln, die New York Giants sind so wenig New Yorks Team wie die New Jersey Devils, nur der Name der Giants erinnert an die Metropole auf Manhattan Island.

Eine Trainingshalle, so gross wie ein Flugzeughangar

Gleich neben dem neu erbauten Heimstadion des American-Football-Teams, einer zeitgemässen Arena mit 82 566 Sitzplätzen, liegt das Timex Performance Center, das Trainingsgelände und der Hauptsitz der New York Giants. Die Liegenschaft ist auf 25 000 m2 gebaut und löst, zusammen mit dem Heimstadion der Giants, den zweithöchsten Steuerbetrag der Region aus. 6 Millionen US-Dollar fliessen jährlich auf die Konten der Steuerverwaltung New Jerseys, die Stadt New York gibt dem Team nur den Namen.

An einem normalen Arbeitstag erinnern einzig die umliegenden Autobahnkreuze an die Aussenwelt, doch zwei Tage vor der Abreise der New York Giants zum Super Bowl XLVI in Indianapolis sind es auch die Übertragungswagen von unzähligen TV-Stationen, die strengen Sicherheitskontrollen und das überfüllte Medienzentrum, die davon zeugen, dass dieser verlassene Ort in den Industriegebieten New Jerseys im Moment Zentrum des nationalen Interesses ist.

Im Timex Performance Center stehen den New York Giants zehn Sitzungsräume zur Verfügung, alle mit modernster Videotechnologie ausgestattet. Für Teamsitzungen der ganzen Mannschaft von 53 Athleten wurde ein Auditorium mit einer Videoleinwand in Kinogrösse gebaut. Zur Aufbereitung der Videosequenzen und zur Realisierung von TV-Beiträgen für die klubeigene Internetseite steht ein komplett eingerichtetes TV-Studio zur Verfügung. Alle Sitzungszimmer bieten Blick auf einen Kunstrasen unter einem immensen Hallendach, eine Trainingshalle so gross wie ein Flugzeughangar. Die Architektur erlaubt es, nach der Theoriesitzung in nur wenigen Schritten auf dem Trainingsfeld die Praxis zu erproben. Beim Bau dieser Footballhalle mussten Bewilligungen bei der Luftfahrtbehörde eingeholt werden, da der immense Baukran den Flugbetrieb auf dem nahe gelegenen Newark International Airport beeinflusst hat.

Zum Trainingsgelände gehören auch drei Aussenplätze im Meisterschaftsformat. Nicht dass die Giants alle drei Spielfelder brauchen würden, doch im Zuge einer Saison läuft sich der Rasen ab und die Giants wechseln dann jeweils das Spielfeld. Die Garderobe der New York Giants ist in der Form eines American Football gebaut, daran grenzt ein Fitnesscenter auf der Fläche von 750 m2, das auch gut und gerne an der mondänen «Fifth Avenue» in Manhattan liegen könnte. Eine Nasszone mit Sauna, Sprudelbad und Dampfkammer steht den New York Giants zur Verfügung sowie ein komplett eingerichtetes Restaurant. Lebt Gott sprichwörtlich in Frankreich, so lässt er es sich auf US-Reisen in New Jersey gut gehen.

Brachiale College-Studenten

Nach dem Mannschaftstraining geht’s im Restaurant der New York Giants bunt zu und her. «Was meinst Du, wer Du eigentlich bist?» schnauzt ein fast zwei Meter grosser und 138 kg schwerer Athlet einen 20 cm kleineren und gut 40 kg leichteren Teamkollegen an. 76 handgezählte Journalisten schauen dem Treiben belustigt zu. Da'Rel Scott, ein 23-jähriger Rookie, hat sich soeben mit einem Stück Pizza bedient. Am Freitag ist bei den Giants Pizza-Freitag, eine weit verbreitete Tradition in der amerikanischen Arbeitswelt.

Der Arbeitgeber kauft den Arbeitnehmern das Mittagessen, bei den New York Giants sorgt ein italienischer Einwanderer und «Selfmade-Millionär» für das leibliche Wohl. Er fährt das italienische Nationalgericht jede Woche eigenhändig von seinem Restaurant auf Long Island nach New Jersey. «Die Pizza ist nicht für Rookies», mault der Riese im Teamrestaurant der Giants weiter. Das Zeter-Mordio kommt von David Diehl, 31-jähriger «Tackle» der Giants. «Du hast junge Beine und mir bleibt die Pizza», schnaubt er seinen jungen Teamkollegen an.

American Football ist eine der ursprünglichsten Sportarten weltweit. Es geht um Landgewinn, Angriffs- und Verteidigungsformationen und eine Armee von 53 Athleten, die dafür strategisch eingesetzt werden. Die Hierarchie gleicht einer militärischen Organisation. Eli Manning, der Quarterback, ist der Korpskommandant, David Diehl ein Fachoffizier und damit berechtigt, Pizza zu essen, Rookie Scott ist ein Soldat, ihm bleiben die Brosamen. Das Salär von Quarterback Manning (8,5 Mio. USD) täuscht über die wahren Verhältnisse hinweg. Ein Footballspieler verdient im Durchschnitt 1,9 Mio. USD, das ist weniger als ein Eishockeyspieler in der NHL im Durchschnitt kassiert (2,5 Mio. USD). Da'Rel Scott ist in seinem ersten NFL-Jahr, er verdient 388 975 USD, ein gutes Drittel von dem, was die Eishockey-Rookies Rafael Diaz (Montreal) oder Roman Josi (Nashville) in der NHL erhalten.

Die durchschnittliche NFL-Karriere dauert aufgrund der physischen Überlastung nur 3,5 Jahre. Bestätigt Da'Rel Scott die Regel, wird er im Alter von 26 Jahren pensioniert. Ihm kommt in der Planung seiner weiteren Laufbahn entgegen, dass ein Footballspieler – im Gegensatz zu einem Eishockeyspieler – erst drei Jahre nach Abschluss der Highschool zum NFL-Draft zugelassen ist. Dass diese drei Jahre mit einer College-Ausbildung verbracht werden, ist zwar nicht in Stein gemeisselt, doch die Regel bestätigt, dass die NFL nur Spieler aus dem College draftet. So brachial NFL-Spieler in der Ausübung ihres Berufs scheinen, sie haben alle an einem College studiert und können getrost in ihre berufliche Zukunft blicken.

Ein Pizzadiebstahl für den Erfolg

Unter dem verbalen Sturmgewitter von David Diehl, mit neun Jahren NFL-Erfahrung und einem Salär von 4 Mio. USD ein überdurchschnittlicher NFL-Athlet, legt Da'Rel Scott das Stück Pizza, das er soeben verleiben wollte, wieder zurück und sagt: «Ich habe die letzten fünf Wochen immer Pizza gegessen.» – «Dann nimm Dir auch heute ein Stück», sagt Diehl. In den fünf Wochen, in denen sich Rookie Scott heimlich an der Teampizza bedient hat, haben die Giants kein einziges Spiel verloren und zogen in den Super Bowl XLVI vom kommenden Sonntag ein. Der Aberglaube, dass Rookie Scott zum Gewinn der Giants Pizza stehlen muss, ist in diesem Moment geboren.

«Wir versuchen, unseren Alltagsrhythmus beizubehalten», schmunzelt Quarterback Eli Manning kurz darauf im Medienzentrum in 27 handgezählte Mikrophone, als er auf den Showdown im Teamrestaurant angesprochen wird. Der 31-jährige Manning wird am 5. Februar seinen zweiten Super Bowl spielen, einen hat er bereits gewonnen. Mit einem Sieg in Super Bowl XLVI kann er an seinem berühmteren Bruder Peyton vorbeiziehen. «Indianapolis ist für uns eine Geschäftsreise, wir lassen uns vom Rummel um den Super Bowl nicht beeindrucken», sagt Manning. «Mit meinen Teamkollegen halte ich Sitzungen ab, als wäre am nächsten Sonntag ein normales Spiel. Wir behalten unsere Routine bei, drei Trainings unter der Woche, Massage am Freitag und so weiter.»

Neu gehört auch Da'Rel Scotts Pizzadiebstahl zu dieser Routine. Der italienische «Selfmade-Millionär», der den NFL-Athleten jeden Freitag das italienische Nationalgericht überbringt, liefert übrigens am nächsten Freitag ausnahmsweise per Expresskurier nach Indianapolis, so kann der Pizza-Freitag der New York Giants beibehalten werden. Schliesslich verlangt Korpskommandant Eli Manning, dass die Routine nicht gebrochen wird. Und wenn das bedingt, dass ein Pizzabäcker aus Long Island ein Mittagessen nach Indianapolis liefert, Soldat Da'Rel Scott wie Fachoffizier David Diehl behandelt wird und ein Stück davon essen darf, dann soll das der Preis für den Gewinn von Super Bowl XLVI sein.

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  • Cindy Rost am 04.02.2012 13:45 Report Diesen Beitrag melden

    Guter Artikel

    Toller Artikel, bietet einen schönen Einblick neben das spannende Spielgeschehen. Danke 20 Minuten.

  • Mister Churer am 04.02.2012 00:16 Report Diesen Beitrag melden

    football all the way

    endlich mal real football!!! hoffentlich wird bald auch mal über den schweizer football berichtet. wir hatten 2010 immerhin einen europacupsieger, und in chur immer gegen 1000 fans im stadion. wäre mal an der zeit dass dies auch die schweizer medien realisieren. go pats!

    • Gian Candinas am 04.02.2012 09:30 Report Diesen Beitrag melden

      König aller Sportarten

      VOLL DEINER MEINUNG! Über Football wird in der Schweiz nur nichts geschrieben, weil die Sportjournalisten keine Ahnung haben. Der König alle Aportarten! Fussball = Eile mit Weile, Football = Schach.

    • Magic 19 am 04.02.2012 20:45 Report Diesen Beitrag melden

      college football

      wär an der zeit das auch mal der gute Daniel Glauser erwähnung findet... wird schliesslich in ca. 3 jahren der erste Schweizer NFL spieler aus dem College werden...

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  • Marc C am 02.02.2012 16:46 Report Diesen Beitrag melden

    newark?

    newark airport? der ist ja ca 10km vom meadowlands complex entfernt, kann mir nicht vorstellen, dass der baukran so hoch war!! ist es nicht eher der flughafen gleich nebenan?!

    • Harry Kleiner am 03.02.2012 11:23 Report Diesen Beitrag melden

      Keine Quelle

      Der "Flughafen" nebenan ist nicht für die öffentliche Luftfahrt, eher ein Hobbyflugplatz. Habe mich aber auch gefragt, ob der Kran Newark wirklich behindert hat. Habe im Internet aktuell keine Quelle gefunden...

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