Tomizawas Tod

05. September 2010 15:18; Akt: 05.09.2010 17:09 Print

Wenn Triumphe Trauer tragenWenn Triumphe Trauer tragen

von Klaus Zaugg, Misano - Tom Lüthi (24) ist beim GP von San Marino eines seiner besten Rennen gefahren. Aber niemand kann sich freuen: Der Japaner Shoya Tomizawa (19) ist im Moto2-Rennen tödlich verunglückt.

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Tomizawas Sturz beim GP von Misano. (Quelle: YouTube) Im Grossformat auf dem Videoportal Videoportal
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Eigentlich ist es ein harmloser Sturz beim Duell um den vierten Platz. Das Hinterrad von Shoya Tomizawas Maschine bricht in einer Rechtskurve aus. Sturz. Aber Tomizawa rutscht nun nicht von der Piste weg ins Kiesbett. Sondern schlittert über den Asphalt und wird vom nachfolgenden Scott Redding überfahren, welcher praktisch unverletzt davonkommt.

Bei einem Sturz nicht von der Piste wegzukommen ist der Albtraum im Motorradrennsport. Der Japaner erleidet schwere innere Verletzungen. Scin Herz schlägt noch, als er in die Klinik an der Rennstrecke gebracht wird. Der Transport ins Spital von Riccione erfolgt nicht mit dem Helikopter, sondern mit der Ambulanz damit ihn zwei Ärzte begleiten können. Sie versuchen, das schwer verletzte Herz am Schlagen zu halten. Vergeblich. Um 14.20 Uhr erliegt Tomizawa seinen Verletzungen. Am 10. Dezember wäre er 20 Jahre alt geworden.

Eines der grössten Talente

Er ist das erste Todesopfer im GP-Zirkus seit dem 20. April 2003. Damals erlag der Japaner Daijirō Katō im Alter von 27 Jahren den Verletzungen, die er sich beim Sturz am 6. April beim GP von Japan im 500er-Rennen zugezogen hatte. Die Bremsen hatten versagt.

Tomizawa galt als eines der grössten Talente im internationalen Motorradrennsport. Durch seine Liebenswürdigkeit war er in kurzer Zeit einer der beliebtesten Fahrer im ganzen Zirkus geworden. Er ist diese Saison als GP-Neuling in die Moto2-WM eingestiegen und gewann sensationell das erste Rennen in Katar. Er fuhr im Team des Schweizer Unternehmers Olivier Métraux (Technomag) und war Freund und Teamkollege von Dominique Aegerter.

Lüthis Maschine getroffen

Die drei Helden des Moto-2-Rennens - Toni Elias (1.), Julian Simon (2.) und Tom Lüthi (3.) - freuen sich nach der Zieldurchfahrt bei der Medienkonferenz nicht. Sie haben mitbekommen, dass Tomizawa gestürzt ist, sie ahnen, dass es schlimm sein könnte, aber die Hoffnung lebt, dass er davonkommt, dass es letztlich glimpflich ausgeht wie immer in den letzten sieben Jahren,

Tom Lüthi sagt, sichtlich betroffen: «Er ist an einer schnellen Stelle gestürzt. Wir sahen Teile auf der Poste liegen, bremsten ab, ein Teil hat meine Maschine getroffen.» Tomizawa hat mit seinem Sturz Scott Redding und Alex de Angelis mitgerissen und dieser Unfall öffnet Lüthi den Weg aus dem Mittelfeld nach vorne, ermöglicht ihm die Aufholjagd, die er mit dem Platz auf dem Podest (3.) krönt.

Die Show ging erst normal weiter

Es folgen Fragen an Tom Lüthi, über seine sensationelle Aufholjagd vom 14. bis zum 3. Platz. In der Nacht auf den Sonntag haben seine Mechaniker endlich das Problem gefunden, das die Schwierigkeiten mit der Fahrwerksabstimmung provoziert und eine viel besser Trainingsklassierung (Lüthi startete als 15. des Trainings aus der vierten Reihe) verhindert hat: Die Vorderradbremse löste sich nicht ganz. Ohne diesen tückischen Defekt hätte er wohl die zweite Startreihe erreicht. Ein neuer Motor, die Lösung der Probleme mit der Elektronik, die Entdeckung des Bremsdefektes, die richtige Wahl des Reifens und dazu eine exzellente fahrerische Leistung - das war die Kombination, die Lüthi nach drei missglückten Rennen wieder aufs Podest bringt.

Tomizawas Teamkollege Dominique Aegerter mag über seinen 8. Platz nicht weiter Auskunft geben. Er hat sich in sein Motorhome zurückgezogen. Der Unfall seines Freundes hat ihn tief getroffen. Aber noch gibt es die Hoffnung, dass alles gut kommt. Der marktschreierische Speaker beginnt jetzt, die Fans auf das MotoGP-Rennen einzustimmen. Es ist für eine kurze Zeit, als sei alles doch nicht so schlimm, als gehe doch alles den gewohnten Gang.

Meldung vom Tod erst nach dem MotoGP-Rennen

Dass der Japaner mit dem Tode ringt, weiss zu diesem Zeitpunkt, kurz vor dem Start zum MotoGP-Rennen noch niemand. Die Show geht weiter, die Stimmung auf den Tribünen erreicht den Höhepunkt. Hier ist Rossi-Land, der Superstar wohnt 17 Kilometer von der Strecke weg. Dani Pedrosa siegt schliesslich vor Jorge Lorenzo und Valentino Rossi.

Erst unmittelbar nach dem Rennen verbreitet sich die traurige Nachricht im Fahrerlager. Zwar gibt es die Siegeszeremonie auf dem Podest trotzdem. Aber auf das Verspritzen von Champagner wird verzichtet.

Die Nachricht vom Tode Tomizawas löst im Fahrerlager tiefe Betroffenheit aus. Tom Lüthi ringt in seiner Box mit den Tränen. «Ich bin nicht im Stande, jetzt etwas dazu zu sagen.»

Die japanischen Fahrer machen sich inzwischen auf den Weg. Sie werden im Spital von Riccione von ihrem Freund Abschied nehmen. Es gibt ein paar grundsätzliche Fragen zu dieser Tragödie, die jetzt diskutiert werden.

Fünf wichtige Fragen und ihre Antworten

Warum wurde das Moto2-Rennen nach dem Sturz nicht abgebrochen? Die Antwort: Die verletzten Fahrer waren in Sicherheit gebracht worden, es lagen keine Trümmer mehr auf der Piste. Es gab weder medizinische noch Sicherheitstechnische Gründe, das Rennen abzubrechen.

Warum wurde das MotoGP-Rennen nicht abgesagt? Die Antwort: Beim Start war bekannt, dass Tomizawa verletzt war. Die Nachricht von seinem Tod kam erst um 14.20 Uhr, als das Rennen bereits im Gange war.

Hat es Fehler bei der medizinischen Betreuung gegeben? Die Antwort: Nein.

Hat die Tragödie etwas mit den Sicherheitsstandards der Piste zu tun? Die Antwort: Nein. Der Rundkurs von Misano entspricht den höchsten Sicherheitsanforderungen und die Sturzräume sind genügend gross. Tomizawa musste sterben, weil er nach seinem Sturz auf der Piste lag und überfahren wurde.

Ist die Moto2-Klasse zu gefährlich? Nein. Es kommt zwar zu vielen Stürzen. Doch Tomizawa stürzte nicht im gefährlichen Gerangel mit anderen Fahrern oder wegen eines Fahrfehlers eines überforderten Konkurrenten. Er stürzte im vordersten Teil des Fahrerfeldes.

Es geht normal weiter

Der Himmel verfinstert sich, Gegen 16.00 Uhr ziehen schwarze Gewitterwolken auf. Es blitzt und donnert. Trotz des Schockes: Das Leben im Fahrerlager geht seinen gewohnten Gang. Die Boxen werden leer geräumt, die Trucks beladen. Wer jetzt hier eintrifft, ahnt nicht, welche Tragödie sich ereignet hat.

«The show must go on» - «Die Show muss weiter gehen.» In keinem anderen Sport gilt dieses Cliché so unerbittlich. Dass jetzt jeder wieder seinen Job macht, ist nicht herzlose Grausamkeit. Es ist die einzige Möglichkeit, diese Tragödie zu überwinden. Oder vielleicht besser: Zu verdrängen. Denn ein Thema ist in diesem Zirkus eigentlich tabu: Über Schicksal, und Tod zu reden.

Der nächste GP wird am 19. September auf der spanischen Rundstrecke in Aragon ausgefahren. Eine Verschiebung oder eine Absage ist kein Thema.