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Mythos «Double Cork»
09. Januar 2010 18:14; Akt: 09.01.2010 18:57 Print
Der Sprung, der Olympiasieger macht
von Patrick Toggweiler, Davos - «Nur, wer davon zwei bis drei Versionen in seinem Lauf zeigt, hat Chancen auf eine Olympiamedaille», sagt Gian Simmen über den «Double Cork». Er selber kann ihn nicht. Dafür drei andere Schweizer. Ein Olympiafavorit liegt nach einem missratenen Sprung indes seit Tagen im Koma.
«Heute ist ein guter Tag – ich habe zum ersten Mal einen 'Double Cork' in einem Wettkampf gestanden», sagte der Finne Peetu Piiroinen nach seinem dritten Platz an der O‘Neill Evolution 2010. Seine Worte stehen bezeichnend dafür, wer im Snowboardsport im Moment den Ton angibt: der «Double Cork», und all diejenigen Fahrer, welche die zwei Überkopf-Drehungen beherrschen.
Der Kreis der Elite
Wer den Sprung als erstes in der Halfpipe gezeigt hat, darüber ist man sich in der Szene etwa so einig, wie über den Erfinder des Snowboardsports – nämlich überhaupt nicht. Fakt ist, dass Sponsor Red Bull ihrem Ausnahmetalent Shaun White zum Erlernen des «Double Corks» eine Halfpipe mit Schaumstoff-Graben hinstellte – das erste Mal in der Geschichte des Sports, dass diese Kombination von einem Athleten beansprucht werden konnte. In der Szene sprachen sich Whites Ambitionen schnell herum. Andere Fahrer begannen ebenfalls, den «Double Cork» zu üben. Meldungen von geglückten Versuchen von Louie Vito, Luke Mitrani, Matt Ladley, Danny Davis, Kevin Pearce, Scotty Lago und natürlich Shaun White verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Dem Schweizer Iouri Podladtchikov glückte der Sprung bereits beim zweiten Versuch. Die Teilung der Snowboardelite war schon längst im Gange: In diejenigen, welche «double-corken» und diejenigen, die eben nicht «double-corken».
Internationales «Double Cork»-Aufrüsten
«Nur wer zwei bis drei «Double Corks» in einem Lauf zeigt, wird in Vancouver Medaillenchancen haben», sagt einer der es wissen muss: Gian Simmen, Sieger von Nagano 1998. Alleine für die USA werden vier Fahrer an den Start gehen, welche dazu fähig sind. «Wir wollen den anderen einen Schritt voraus sein. Wenn die einen haben, werden wir zwei haben - und wenn die zwei haben, werden wir drei haben», so der Trainer des amerikanischen Snowboard Teams in der «New York Times». Darauf angesprochen hält der Schweizer Coach Marco Bruni dagegen: «Bei uns ist es dasselbe.» Auf solche Kampfansagen reagieren die Fahrer anderer Nationen – und trainieren wie verbissen den «must have» Trick, «Auch wenn er eigentlich ausserhalb ihrer Reichweite liegt», wie es der kanadische Trainer Tom Hutchinson formuliert. Das fordert Opfer.
Einen Fall «Albrecht»
Ausgerechnet Shaun Whites Erzrivale Kevin Pearce, mit 71 Wochen der Fahrer, welcher die TTR-Weltrangliste am längsten anführte, wurde der Trick zum Verhängnis. Am 31. Dezember schlug Pearce im Training mit dem Kopf auf der Kante der Halfpipe auf und zog sich trotz Helm ein schweres Hirntrauma zu. Mehrere Tage lang lag er in kritischem Zustand im Spital. Pearces Fall wird mit demjenigen von Daniel Albrecht verglichen. Letzte Meldungen verheissen eine Besserung seines Zustandes – noch aber liegt die einstige Olympiahoffnung im Koma. «Wenn der Trick daneben geht, geht er wirklich daneben. So daneben, dass du glaubst du landest im Rollstuhl», gibt Justin Lamureux, kanadischer Olympiafahrer, «theStar.com» zu Protokoll. Schweizer Fahrer wie Gian Simmen oder Markus Keller widersprechen Lamureux. «Tatsache ist, dass ich ihn bereits mehrere Male im Ansatz abgebrochen habe und trotzdem sauber landete. Das gibt mir Sicherheit. Und einen bösen Unfall kann ich auch bei einem anderen Sprung haben», meint Markus «the Killer» Keller. Angst hat er keine vor dem «Double Cork», aber grosser Respekt war zu Beginn schon da.
Das Olympische Komitee hat eine technische Kommission einberufen, welche die Gefährlichkeit der verschiedenen Tricks beurteilen soll. Je nachdem fliegt der «Double Cork» noch aus dem olympischen Programm. «Hoffen wir es nicht», meint dazu Schweiz-Trainer Bruni.
Die Schweizer ziehen mit
Ein Verbot wäre ganz im Sinn von Kanadas Trainer Tom Hutchinson. Ihm gefällt die Entwicklung vom Snowboard hin zu «Gymnastik auf Brettern», wie er es nennt, nicht: «Die Risiken werden zu weit getrieben, zu weit und zu schnell». Marco Bruni aber versichert, die Schweizer hätten sich mit genügend Zeit und Vorsicht an diesen Sprung herangetastet: «Die meisten haben ihn im Sommer gelernt. Auf ein Luftkissen. Früher mit den Drehungen hiess es einfach 'Spin to Win'. Man ist jetzt diesen Weg gegangen und das ist gut so.» Drei Schweizer Fahrer, Iouri «IPod» Podladtchikov, Markus «the Killer» Keller und Christian «Hitsch» Haller können mindestens eine der verschiedenen Varianten des «Double Cork». An der O‘Neill Evolution zeigte ihn nur Sieger Podladtchikov, dafür drei Mal. Zuletzt im Finallauf beinahe perfekt. Keller kam ohne «Double Cork» aus und wurde trotzdem Zweiter. «Corken» alleine bringt nicht automatisch hohe Punktzahlen. Dafür muss hoch gesprungen und sauber gelandet werden.
Bis zu den Olympischen Spielen ist noch ein wenig Zeit. Bis dahin wollen alle Schweizer mindestens zwei Versionen in ihren Run integriert haben. Hier sind ihnen die Amerikaner einen Schritt voraus. White und Vito stehen bereits zwei «Double Corks» hintereinander.
Podladtchikovs Mutter Valentina, welche dem Sieg ihres Sohnes in Davos live beiwohnte, wird das Zusehen so nicht vereinfacht. Ob sie denn keine Angst habe um ihren Sohn? «Ich konnte während dem letzten Durchgang nicht hinsehen und musste auf den Boden schauen». So wird es in Vancouver noch vielen Müttern ergehen.



























