Winterchaos

22. Dezember 2010 13:24; Akt: 22.12.2010 14:06 Print

Frust, Mangel und eine Nacht im kalten ZeltFrust, Mangel und eine Nacht im kalten Zelt

von Peter Blunschi - Zahlreichen Flugpassagieren droht ein ungemütliches Weihnachtsfest, weil Europas grösste Flughäfen mit dem Schnee überfordert sind. Die EU übt Kritik.

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Gestrandete Fluggäste vor dem Flughafen Heathrow, nur notdürftig gegen die Kälte geschützt. (Bild: Keystone/Andy Rain)

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Nach dem Schneechaos der vergangenen Tage kam es am Mittwoch zu einer leichten Entspannung. Auf dem grössten deutschen Flughafen in Frankfurt normalisierte sich der Betrieb weitgehend. Alle drei Start- und Landebahnen seien in Betrieb, sagte Heinz Fass von der Betreibergesellschaft Fraport. Trotzdem würden 68 Flüge gestrichen, was nichts mit Frankfurt zu tun habe, sondern mit den Problemen auf anderen Flughäfen.

Das betrifft besonders London-Heathrow. Auf dem grössten Airport Europas war der Betrieb nach heftigen Schneefällen am letzten Samstag praktisch lahmgelegt. Am Mittwoch sollten laut britischen Medien immerhin 70 Prozent der täglich 1300 Flüge wieder abgefertigt werden, doch für die etwa 130 000 in Heathrow gestrandeten Fluggäste ist dies ein schwacher Trost. Sie wissen nach wie vor nicht, ob sie an Weihnachten zu Hause sein werden. Gleiches gilt für zahlreiche Passagiere im Ausland, die nach London fliegen wollen.

Übernachten in kaltem Zelt

Die Situation in Heathrow war dermassen prekär, dass einige Passagiere die Nacht in einem kalten Zelt verbringen mussten, weil sie nicht in den überfüllten Terminal One gelassen wurden. Insgesamt sind gemäss dem «Guardian» rund eine Million Fluggäste vom Chaos in Heathrow betroffen. Der britische Premierminister David Cameron zeigte sich im Namen der Betroffenen «frustriert» darüber, dass «es so lange dauert, bis sich die Lage bessert».

Heftige Kritik kam auch aus Brüssel. EU-Verkehrskommissar Siim Kallas griff die Flughäfen scharf an: «Diese Situation ist inakzeptabel und darf nicht wieder vorkommen.» Viele Flughäfen seien auf den Winter schlecht vorbereitet und hätten zu wenig Enteisungsmittel auf Lager. Er befahl die Verantwortlichen zum Rapport nach Brüssel und drohte mit strengen Auflagen: Neue Regelungen der EU könnten Vorschriften beinhalten, wonach Flughäfen während schlechter Wetterbedingungen zu «minimalen Diensten» verpflichtet wären.

«Nicht Äpfel mit Birnen vergleichen»

Als Vorbild werden häufig die skandinavischen Flughäfen genannt, wo harte Winter der Normalfall sind und man entsprechend gerüstet ist. Ähnlich sieht es in der Schweiz aus: Der Flughafen Zürich hat laut Radio DRS zwei Drittel seines durchschnittlichen Jahresbedarfs an Enteisungsmitteln auf Lager. Auf dem Berliner Flughafen würden die Vorräte im Vergleich nur für zwei Tage reichen. Zwar würden die Chemiefirmen Nachschub liefern, doch das helfe wenig, wenn das Winterwetter auch den Strassenverkehr zum Erliegen bringe.

Die Verantwortlichen jedoch wehren sich: Man solle nicht «Äpfel mit Birnen vergleichen», sagte Jürgen Harrer, Sprecher des Frankfurter Flughafens, zu «Spiegel Online». Es sei ein Unterschied, ob zehn Millionen Fluggäste pro Jahr befördert werden – «oder das Fünf- bis Sechsfache, wie es am Frankfurter Flughafen der Fall ist». Und in England warnt ein Regierungsbericht vor übertriebenen Investitionen in Schneepflüge, Enteisungsmittel und Salzlager mit der Begründung, mehrere harte Winter in Folge seien «selten».

Bis Sonntag bleibt es kalt

Das sieht David King, von 2000 bis 2007 oberster Wissenschaftsberater der Labour-Regierung, anders. Man müsse sich auf häufigere kalte Winter vorbereiten, nicht zuletzt weil durch die globale Erwärmung mehr Feuchtigkeit in die Atmosphäre gelange, sagte er in einem Radiointerview: «Das Risiko für unsere Wirtschaft ist beträchtlich, wenn wir nicht gerüstet sind.» Die Passagiere in Heathrow müssen derweil weiter um ihre Weihnachtsferien bangen. Während in weiten Teilen des Kontinents Tauwetter eingesetzt hat, soll es auf den britischen Inseln laut den jüngsten Prognosen bis Sonntag eisig kalt bleiben.

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