Unser Sibirien

03. Februar 2012 13:11; Akt: 03.02.2012 14:42 Print

Im Gefrierfach der SchweizIm Gefrierfach der Schweiz

von Antonio Fumagalli, La Brévine - Kalt, kälter, La Brrrrrévine. Das Dorf im Jura hält seit 25 Jahren den Schweizer Frostrekord: 1987 gab es minus 41,8 Grad. Die Gemeinde zehrt noch heute davon.

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La Brévine im Neuenburger Jura hält den offiziellen Kälterekord der Schweiz. Die 600-Seelen-Gemeinde hat dies seiner Tallage zu verdanken. Sie hält die kalte Luft «gefangen». Nicht weniger als -41.8 Grad Celsius war es damals, am 12. Januar 1987. Wurde der Dorf-Thermometer schon mal vorsorglich in «Kleider» gehüllt, falls es eines Tages noch kälter werden sollte? Soweit ist man derzeit aber noch längst nicht. Bei -12 Grad ziehen hartgesottene Bréviner nicht mal die Handschuhe an. Der Rekord gehört gefeiert. In La Brévine hat man einen Verein gegründet, der Touristen ins abgelegene Tal locken soll. Die ganze Bevölkerung ist zur «journée du froid» eingeladen. Als Maskottchen dient ein Thermometer, der bis -50 Grad Celsius geht. Er wird in Anlehnung an den Kälterekord zum Preis von 41.80 Franken verkauft. SF-Meteo-Chef Thomas Bucheli (links) für einmal in ungewohnter Pose. Zusammen mit Fussballtrainer Bernard Challandes (oben rechts) möchte er mithelfen, den Tourismus in der strukturschwachen Region zu entwickeln. An die Jahrhundertkälte im Dorf können sich alle erinnern: Michel Magnin konnte sein Haus damals kurz nicht mehr heizen, weil die Pumpe vereist war. Bei der Familie Richard hat der Vater mitten in der Nacht das Auto angestellt, damit es am Morgen dann auch sicher ansprang. Kurze Extremkälte wie 1987 sei weniger ein Problem als langanhaltende Kälteperioden, sagt Robert Huguenin (hier mit Frau Marie). Jean-Pierre Schneider, der in La Brévine ein Sportgeschäft betreibt, erinnert sich daran, wie Touristen einst Winterkleider anzogen, nur um vor dem Ortsschild ein Foto zu machen.

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Es ist ein schöner Frühsommertag in den Neunzigerjahren, ein Fahrzeug mit ausländischen Kennzeichen hält am Dorfeingang von La Brévine. Aussentemperatur: Vielleicht 20 Grad, angenehm warm auf jeden Fall für die offiziell kälteste Ortschaft der Schweiz. Die vier Insassen des Autos steigen aus, ziehen sich Handschuhe, Mützen und Daunenjacken an und posieren vor dem Ortsschild. Cheese! Kaum ist das Foto geschossen, legen sie ihre Winterkleidung wieder ab und fahren weiter.

Jean-Pierre Schneider muss noch immer schmunzeln, wenn er die Geschichte erzählt. «Es ist halt wie beim Hügel von Hollywood, manche kommen nur für einen Schnappschuss hin», sagt der Inhaber eines Sportgeschäftes. Dabei wäre es den Brévinern lieber, wenn die Auswärtigen etwas länger bleiben würden. In der Tat ist die strukturschwache Region nicht gerade als Ferienparadies bekannt.

Das soll sich nun ändern – in La Brévine hat man sich entschieden, aus der Not eine Tugend zu machen. «Die Kälte ist unser Kapital, wir dürfen unsere Gegend mit gutem Recht als ‹Sibirien der Schweiz› bezeichnen», sagt Jean-Maurice Gasser. «Es gibt Leute, die einmal im Leben so richtig kalt haben wollen.» Zusammen mit Gleichgesinnten hat er deshalb einen Verein ins Leben gerufen, der sich zum Ziel gesetzt hat, erholungsbedürftige Städter in den tiefen Jura zu locken.

Bernard Challandes' Diesel

Der Startschuss fiel am 12. Januar 2012, just 25 Jahre nach jener Nacht, die in die Annalen einging. Unglaubliche –41.8 Grad Celsius zeigte das Thermometer in der Messstation von La Brévine damals an – Schweizer Rekord. «Ich kann mich noch gut daran erinnern», sagt FCZ-Meistertrainer Bernard Challandes, der seit Jahrzehnten im Tal wohnhaft ist, «es war so kalt, dass der Diesel meines Autos eingefroren ist.» Ähnlich ist es dem Einheimischen Michel Magnin ergangen: «Wir konnten vorübergehend unser Haus nicht mehr heizen, weil die Pumpe vereist war.»

Sorgen um das Auto hatte auch die Familie Richard. «Mein Mann stand mitten in der Nacht auf, um den Motor laufen zu lassen. So konnte er am Morgen zur Arbeit gehen», sagt Carmen. Tochter Alicia hingegen kann sich an gar nichts erinnern, sie kam erst im Herbst 1987 auf die Welt. «Wer weiss, vielleicht bin ich ja in jener Nacht entstanden», sagt sie und zwinkert der Mutter zu.

Zeitungspapier als Kälteschutz

Mit wem man auch immer spricht im Dorf, ein gewisser Stolz über den Kälterekord ist zumindest hinter vorgehaltener Hand stets zu spüren. Fast unisono beteuern die Bréviner aber, dass jener Winter doch gar nicht so schlimm gewesen sei. «Wenn es wie 1987 nur kurz saumässig kalt ist, kann man gut damit umgehen. Schwieriger sind die langanhaltenden Kälteperioden», sagt Robert Huguenin, der im Dorf jahrzehntelang ein Restaurant geführt hat.

Michel Magnin mischt sich ins Gespräch ein, man kennt sich im 600-Seelen-Dorf. «Auf dem Schulweg haben wir uns jeweils Zeitungspapier unter die Jacken geklemmt, um der Kälte zu trotzen», erinnert er sich. Ja, auf die Zähne beissen habe man damals, als Goretex-Jacken und Thermounterwäsche noch nicht einmal angedacht waren, manchmal schon müssen. Aber wegziehen, das sei nie zur Diskussion gestanden.

Nur ja nicht den Rekord verlieren

Das Dorffest – von den Organisatoren programmgerecht als «journée du froid» betitelt – ist mittlerweile in vollem Gang. Man feiert den neuen Verein, die Kälte – und auch ein bisschen sich selbst, schliesslich ist man Rekordhalter. Wehe, wenn eine andere Schweizer Ortschaft die –41.8 Grad unterbietet. Man schaut aufs Smartphone. Im Engadin ist es gut –20 Grad, noch meilenweit vom All-Time-Rekord entfernt. Da sehen die Bréviner gerne darüber hinweg, dass es vor der eigenen Haustüre fast schon wohlig warm ist. Das Thermometer zeigt –18 Grad an.

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  • rl am 06.02.2012 22:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    jura?

    liegt es nicht in neuenburg???

  • korrekteur am 06.02.2012 13:46 Report Diesen Beitrag melden

    Rekord geschlagen

    Tja, so schnell kanns gehn, neuer Rekordhalter: Glattalp

  • Spikki am 05.02.2012 14:36 Report Diesen Beitrag melden

    Juf GR

    Schon wal was von Juf GR gehört ? Juf gilt als die höchstgelegene ganzjährig bewohnte Siedlung der Schweiz und Europas. Liegt auf 2'126 m ü. M. und hat 30 Einwohner. Gehört zur Gemeinde Avers GR.

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