Ihre Story, Ihre Informationen, Ihr Hinweis?
feedback@20minuten.ch 
Lawinentragödie im Diemtigtal
15. März 2010 17:01; Akt: 15.03.2010 17:01 Print
«Einen Skifahrer gefunden, er atmet»
von Felix Burch - Margrit Bohren und ihr Lawinenhund Sonit waren als erste an der Unfallstelle im Diemtigtal. Wie Bohren den schlimmsten Tag ihres Lebens verarbeitet und wie ihr Tier damit umgeht, erzählt sie exklusiv 20 Minuten Online.
Talstation Geils im Skigebiet Adelboden: Es ist kalt, die Landschaft tief verschneit, die Sonne kämpft gegen die Wolken. Margrit Bohren und ihr Hund Sonit haben keine Zeit, die Winterpracht im Berner Oberland zu geniessen. Hastig schreiten sie eine Anhöhe hinauf. Oben steht bereits Einsatzleiter Peter Burn. «Schau, dort oben hat sich ein Schneebrett gelöst. Alles, was wir wissen ist, dass sicher zwei Tourenskifahrer unter die Lawine gekommen sind, wir fangen sofort an mit suchen», sagt Burn. «Nimm du den linken Teil des Unfallfeldes», weist er an, dann ist das Gespann Bohren/Sonit schon unterwegs.
Die Lawinenhundeführerin kämpft sich auf ihren Schneeschuhen durch den Neuschnee, Sonit trabt leichtfüssig neben ihr her. Der Hovawart-Rüde rennt mit gesenktem Kopf - die Schnauze fast im Schnee - über das Gelände, probiert etwas, das nach Mensch riecht, zu erschnüffeln. Hund und Führerin stehen in ständiger Kommunikation zueinander, das Team harmoniert.
Der Hund wartet beim Opfer im Schneeloch
Dann plötzlich nimmt Sonit eine Fährte auf. An einer Stelle im Schnee beginnt er wie wild mit seinen Vorderläufen zu graben. Kaum ist das Loch genug gross, macht sich der Hund klein und verschwindet darin. Bohren eilt mit der Lawinenschaufel herbei und schaufelt Schnee, vergrössert das Loch. Dann kommt ein Körper zum Vorschein, der Hund liegt beim Opfer im Schneeloch. Der Mann lebt. Bohren funkt dem Einsatzleiter: «Einen Tourenskifahrer gefunden, er atmet.» Die Arbeit geht weiter, Die Führerin und ihr Partner nehmen die Suche nach anderen Opfern sofort wieder auf.
Nur wenige Minuten später gibt der Hund ein zweites Mal an. Wieder gräbt er eifrig im Schnee, findet etwas, zerrt es an die Oberfläche. Es ist ein Rucksack. Sonit hat seine Arbeit gut gemacht und bekommt deshalb Wurststückchen. Die Belohnung kann er an diesem Dienstag, den 9. März genüsslich verzehren. Denn glücklicherweise handelt es sich nicht um einen Ernsteinsatz. Die Lawinenhundeführer der Gruppen Kandertal und Simmental, die zur Zone 6 (Bern) gehören, sind zusammengezogen worden für ein Training.
Das Schlimmste, was man erleben kann
Wie es ist, wenn solche Einsätze keine Übung sind, weiss Bohren als langjährige Lawinenhundführerin genau. Was sie aber diesen Januar im Diemtigtal erlebte, war selbst für sie eine andere Dimension. Als Erste waren sie und Sonit auf Platz und legten los mit der Arbeit. «Dann geschah das Unvorstellbare und die zweite Lawine kam. Danach war alles weiss und der Regaarzt sowie die Tourenskifahrer, welche Kameradenhilfe leisteten und bereits am ausgraben waren, einfach weg», sagt Bohren. Das Lawinendrama im Diemtigtal forderte sieben Todesopfer. Bohren und ihr Hund konnten viele Opfer nur noch tot bergen. «So etwas ist das Schlimmste, was man erleben kann», so Bohren. Sie spricht nicht gerne über die Katastrophe, beschreibt aber, wie sie diese verarbeitet. «Wir Hundeführer haben sehr viel miteinander geredet, sind lange zusammengesessen.» Man probiere sich in solchen Situationen am Positiven festzuhalten, an den Leuten, die gerettet werden konnten. Trainingstage, wie der in Adelboden, seien ebenfalls ein wichtiger Teil der Verarbeitungsarbeeit, vor allem für den Hund. «Aufhören war nie ein Thema gewesen, die schönen Erlebnisse dieses Jobs überwiegen.»
Der Hund ist ein echtes Familienmitglied
Die Freude ist seh- und auch spürbar im Trainig in Adelboden. Die Hundeführer gehen liebevoll mit ihren Schützlingen um, freuen sich mit ihnen über jedes Erfolgserlebnis und auch untereinander ist man Freunde, funktioniert als grosses Team. Nebst Bohren sind sechs weitere Hundeführer hier und alle sind mit viel Herzblut bei der Arbeit. «Mein Hund ist ein echtes Familienmitglied, ein Kumpel», sagt Bohren stellvertretend für sämtlichen Anwesenden. Alle investieren extrem viel Zeit in ihr Hobby, welches viel mehr ist als das, arbeiten oft unentgeltlich, freiwillig, müssen jederzeit einsatzbereit sein.
Eines unterscheidet die einzelnen Teams jedoch voneinander: Die Art der Hunde. Labradore, Border Collies, ein Howavart sowie Mischlinge sind vor Ort. Laut der Alpinen Rettung Schweiz, welche die Lawinenhundeführer ausbildet, werden heute die verschiedensten Rassen eingesetzt. Ein Lawinenhund muss menschenfreundlich, lauf- und arbeitsfreudig sowie führbar sein. Er soll ausserdem robust ausdauernd und weder sehr schwer, noch federleicht sein.
Keine Barrys mehr
Bernhardiener werden gar keine eingesetzt, sie sind zu schwer und dadurch zu langsam im Schnee. Berühmt wurde die Rasse durch Barry, welcher von den Mönchen des Hospizes auf dem Grossen St. Bernhard eingesetzt worden und über 40 Leben gerettet haben soll. Er wurde nach seinem Tod präpariet, sein Fell steht in einer Vitrine im Naturhistorischen Museum Bern. Dass Barry immer ein Fässchen mit Schnaps um den Hals getragen haben soll, durch welchen sich die halberfrorenen Lawinenopfer aufwärmen konnten, ist eine historisch nicht nachprüfbare Legende.
Jedes Jahr werden Leben gerettet
In der Schweiz kommt es pro Jahr zu gegen 50 Einsätzen mit Lawinenhunden. Dabei werden immer wieder Leben gerettet. Und auch wenn dies die Hundeführer nicht gerne hören, sind sie und ihre Tiere deshalb so etwas wie die Helden des Winters.
Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»
Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.
«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»
Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.
«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»
Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)
Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?
Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.



























