Seekrieg

05. August 2014 12:04; Akt: 05.08.2014 12:12 Print

Deutschlands entscheidender Fehler

1917 löste Deutschland den uneingeschränkten U-Boot-Krieg im Atlantik aus und provozierte so den Kriegseintritt der USA. Damit war seine Niederlage besiegelt.

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Die britische Flotte unterwegs zur Schlacht am Skagerrak. (Bild: Keystone/AP/str)

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Der grösste Trumpf Grossbritanniens im Ersten Weltkrieg war seine Flotte, die bei weitem stärker war als diejenige seines Hauptgegners Deutschland. Sie versetzte die Briten in die Lage, die deutschen Schiffe vom Weltmarkt fernzuhalten, indem sie die Zugänge zum Nordatlantik versperrte, die durch den Ärmelkanal und das Seegebiet zwischen Schottland und Norwegen führten.

Die Folgen dieser Blockade waren verheerend: Laut offizieller britischer Geschichtsschreibung starben in Deutschland während des Krieges etwa 772'000 Menschen an Unterernährung und vermeidbaren Krankheiten.

Rütteln an der Kerkertür

In der Skagerrakschlacht am 31. Mai und 1. Juni 1916 versuchte die deutsche Flotte, den britischen Sperrgürtel zu durchbrechen. Sie errang einen taktischen Erfolg: Die Briten verloren fast das Doppelte an Schiffstonnage und hatten zweieinhalbmal mehr Tote zu beklagen als die Deutschen. Doch weil sich das Kräfteverhältnis insgesamt kaum verändert hatte, war an einen deutschen Ausbruch aus der Nordsee in den Atlantik nach wie vor nicht zu denken. Eine New Yorker Zeitung stellte zutreffend fest: «Die deutsche Flotte hat ihren Kerkermeister angegriffen, aber sie ist immer noch im Kerker.»

Der unbeschränkte U-Boot-Krieg

Deutsche Politiker und Militärs überlegten sich nun, wie man Grossbritannien einen wirtschaftlichen Schaden zufügen konnte, der ähnlich gross wäre wie derjenige, den man selbst durch die Blockade erlitt. Die Marineführung schlug vor, die Insel von der Versorgung mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen abzuschneiden, indem man mit U-Booten englische Handelsschiffe versenkte.

Ein deutsches Gutachten stellte in Aussicht, dass Grossbritannien in einem halben Jahr zusammenbrechen würde, wenn es gelänge, jeden Monat 600'000 Bruttoregistertonnen Schiffskapazität zu versenken. Diese Quote hielt man für realistisch. Allerdings musste man auch neutrale Schiffe, vor allem amerikanische, versenken, damit diese nicht in die Bresche springen konnten. Die Deutschen sahen voraus, dass diese Praxis den Kriegseintritt der USA zur Folge haben würde, doch das nahmen sie in Kauf. Sie meinten, die amerikanischen Truppen könnten es gar nicht über den Atlantik schaffen, weil die U-Boote auch ihre Schiffe versenken würden.

Erfolgreiche Gegenmassnahmen

Am 1. Februar 1917 begann der unbeschränkte U-Boot-Krieg. Zunächst schien er die Erwartungen sogar zu übertreffen: Im April wurden 840'000 Bruttoregistertonnen versenkt, was in London zu einiger Nervosität führte. Doch im selben Monat erklärten die USA Deutschland wie erwartet den Krieg, was einen gewaltigen Zuwachs an Transportkapazität bedeutete. 1918 produzierten britische und amerikanische Werften doppelt so viele Schiffe, wie die deutschen U-Boote versenkten.

Ausserdem fuhren die Schiffe der Alliierten ab Mai 1917 nicht mehr allein, sondern nur noch in Geleitzügen über den Atlantik. Die 200 deutschen U-Boote hatten es nun viel schwerer, ihre Ziele in der Wasserwüste überhaupt zu finden. Dazu kam, dass sie häufig auftauchen mussten und dann eine leichte Beute der mitfahrenden Kriegsschiffe wurden.

Der zweite Fehler

Aus deutscher Sicht war der unbeschränkte U-Boot-Krieg ein noch schlimmerer Fehler, als es die Verletzung der Neutralität Belgiens im Jahr 1914 gewesen war. Damals hatte man mit Grossbritannien die grösste Seemacht der Welt in den Krieg gebracht, nun handelte man sich auch noch die stärkste Industriemacht des Planeten als Feind ein. Damit war Deutschland verloren.

(rm)