Gestatten ...

13. März 2012 10:56; Akt: 21.06.2012 15:35 Print

Mein Name ist Giraffe

von Susanne Lüthi - Auf Stelzenbeinen, den Kopf in luftiger Höh, wandern Giraffen, wohin sie wollen und kauen gut-vegetarisch Blätter. Und schon haben wir zwei Aussagen, die es zu widerlegen gilt.

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Erkennen tut mich jedes Kind an meinem langen Hals. Doch der war nicht immer schon so lang. Er wuchs im Verlauf der Evolution, damit ich an die feinsten und zartesten Blättchen hoch oben in den Bäumen - am liebsten fresse ich Akazien - hinaufgelange. Richtig, das bin nicht ich, das ist ein Okapi. Wir gehören zur gleichen Familie. Ich zeige dieses Bild hier nur, damit Sie sehen, wie kurz mein Hals vor Millionen von Jahren noch wahr. Unglaublich, oder? Das ist ein Junges meiner Art. Geboren wurde es nach 14- bis 15-monatiger Tragzeit. Normalerweise sind Giräffchen Einzelkinder. Ihre Ankunft auf der Erde ist unsanft, denn ihre Mutter gebärt im Stehen. Das Kleine plumpst von zwei Metern Höhe auf den festen Boden. Fest ist der Boden, weil wir, ich gebe es ungern zu, nur auf selbigem gehen können. Sümpfen gehen wir aus dem Weg ... ... Und ob das Gras auf der anderen Seite wirklich grüner ist, werden wir nie erfahren, denn Flüsse bedeuten für uns ein unüberwindliches Hindernis. Ich möchte noch einmal auf meinen Hals zu sprechen kommen. Keine Angst, wir müssen den Kopf nicht ständig mühsam oben halten. Das wäre ja mega anstrengend. Unser Hals ruht ganz ohne Muskelanstrengung in einem Winkel von 55 Grad. Wollen wir aber aus einem See trinken oder von einer Baumkrone fressen, kommen unsere Muskeln zum Einsatz. Hier ist eine gute Gelegenheit, die Länge unserer Zunge zu erwähnen, sie misst mehr als 50 Zentimeter. Obwohl man es nicht glauben würde, haben auch wir, friedfertig und vegetarisch wie wir leben, Feinde. Das sind allen voran die Raubkatzen. Besonders angreifbar sind wir, wenn wir liegen oder während dem Trinken. Denn bis wir uns von der Position auf dem Bild wieder aufgerichtet haben und weggesprintet sind, hat jeder halbwegs fitte Löwe bereits an unser Hinterteil angedockt. Wenn es kein Raubtier verkürzt, dann dauert unser Leben in Freiheit rund 25 Jahre. In Gefangenschaft sogar 35 Jahre. Zum Schluss eine leider sehr traurige Geschichte über einen meiner Artgenossen: Kliwon lebte bis zu seinem Tod zum 1. März 2012 30 Jahre lang, 13 davon ganz allein, im Zoo der indonesischen Stadt Surabaya. Bei der Autopsie fand man im Magen des Tieres 20 Kilo Plastik. Entweder wurde es ihm von den Besuchern verfüttert oder der Wind hat es in sein Gehege getragen. Der Plastikklumpen hatte einen schmerzvoll grossen Durchmesser von 60 Zentimetern.

Eine Giraffe stellt sich vor. (März 2012)

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Augenfällig bei der Giraffe ist natürlich ihre schiere Höhe, bei Männchen kann der Kopf sechs Meter über dem Boden schweben. Besonders lang ist der Hals. In ihm stecken allerdings, wie bei den meisten Säugetieren und auch beim Menschen, lediglich sieben Halswirbel. Damit der Schädel nicht immer auf den Boden plumpst, verläuft vom Hinterkopf bis zum Steiss eine Sehne. Die verschafft dem Tier Stabilität, hält es quasi in Form.

Der Hals wurde länger und länger

Den Kopf in lässiger Höhe tragen die Giraffen aber nicht schon seit je. Ihre Vorfahren lebten vor einigen Millionen Jahren noch kurzhalsig in Europa, Asien und Afrika. So wie das Okapi, das zur gleichen Familie gehört. Mit der Evolution aber wurde der Hals lang und länger, damit der Giraffe kein noch so entrücktes Blättchen entgeht und sie nicht verhungern muss.

Ihre Leibspeise zupft sie von Akazien. Egal mit wie vielen Dornen sich diese zu schützen sucht, gegen ihren Fressfeind ist kein Kraut gewachsen. Denn die Steppengiraffe verfügt über steife Hautzellen an den Wangen, durch die kein Dorn dringt. Mit ihren grossen Lippen und der kräftigen, langen Zunge rupfen sie die Äste kahl. Ob gerade ein hungriges Männchen oder ein gluschtiges Weibchen äst, kann leicht festgestellt werden, ohne dem Tier auf das Geschlecht zu starren. Der Trick: Bullen neigen ihren Kopf nach oben, Giraffenkühe fressen mit gesenktem Kopf. Das hat nichts mit männlicher Überheblichkeit oder weiblicher Demut zu tun. Sondern mit der Körpergrösse und Cleverness, denn auf diese Art und Weise entsteht kein Streit um das gleiche Futter.

Perfektes Pump- und Kühlsystem

Bäume dienen der Giraffe zugleich als Nahrung und Tarnung, als Schattenspender werden sie anderen überlassen. Denn um jeden der Flecke auf dem Fell, die das Tier so schön und individuell zieren, verläuft im Unterhautgewebe eine Arterie, von der aus Äste Blut unter die Flecken führen. Die ermöglicht es den Tieren, so viel Hitze abzugeben, dass sie quasi Schatten-unabhängig sind.

Angewiesen sind die Afrikabewohner indessen auf einen hohen Blutdruck, der es schafft, den Kopf mit genügend Blut zu versorgen. Denn das Hirn befindet sich doch immerhin in zwei Meter Entfernung vom 12-Kilo-Herzen. Der Blutdruck ist rekordmässig hoch (280 zu 180), drückt aber schwer auf die Beingefässe. Damit keine Ödeme – Schwellung des Gewebes wegen Einlagerung von Flüssigkeit – entstehen, hat der Tiergott die Giraffe mit an den Beinen enganliegender Haut ausgestattet.

The Grass Is Always Greener ...

In diesen «Kompressionsstrümpfen» stöckelt sie also von Baum zu Baum, knabbert hier und knabbert da. Fertig allerdings ist die Wanderung einer Giraffe, wenn sie an ein Ufer kommt. Denn ihre Stelzenbeine tragen sie nur über festen Grund. Sumpfige Gebiete meidet sie, Flüsse sind eine unüberwindbare Grenze. Die Frage, ob das Gras auf der anderen Seite immer grüner ist, wird für die Giraffe also immer offen bleiben.

20-Kilo-Plastikklumpen im Bauch

Doch leider bekommen nicht alle der Wiederkäuer ausschliesslich Pflanzen zu fressen. Im Zoo der indonesischen Stadt Surabaya lebte bis zu seinem Tod am 1. März Kliwon. Er wurde 30 Jahre alt, was für eine Zoogiraffe ein gutes Alter ist. Doch hätte das Tier nicht noch länger leben können?

Bei der Autopsie fand man im Magen des Paarhufers 20 Kilo Plastik. Vermutlich stammen die Fetzen von Lebensmittelverpackungen. Sie wurden wohl dem Tier samt Futter von den Besuchern verabreicht und vom Wind in das Gehege geblasen. Der Müll klumpte im Bauch des armen Tieres zu einem 60-Zentimeter-Durchmesser-Haufen zusammen. Ob dies die Todesursache war, weiss man nicht. Aber geplagt hat die Giraffe der Kunststoffballen zweifelsohne.

Sind Giraffen stumm?

Aber hat Kliwon gejammert? Zu hören war jedenfalls nichts, die Tiere geben nie Laut. Allerdings stimmt auch diese Aussage laut Basler Zoo nicht ganz. Zwar sind die Steppengiraffen nicht sehr kommunikativ, doch ganz stumm nun auch wieder nicht. Einfach weniger gesprächig halt als die ebenfalls als Fluchttiere bekannten Zebras, die ab und zu wild wieher. Die Giraffe stösst lediglich von Zeit zu Zeit mal ein Schnäuferchen und ab und zu ein Schnäuberchen aus.

Man stelle sich die lauen Abende auf Safari vor, wenn es anders wäre: Während die Sonne am Horizont versänke, dränge von weit ein aufgeregtes Giraffen-Geschnatter an unser rechtes Ohr und von Nah ein verliebtes Geturtel von halsumschlungenen Pärchen an das linke. Da wo das Herz liegt. Wäre das nicht schön?

Quellen: Wikipedia / National Geographic / Natur-Lexikon

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