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Loveparade
26. Juli 2010 17:17; Akt: 28.07.2010 14:02 Print
«Der Verstand wird ausser Kraft gesetzt»
Während einer Massenpanik wird das Gehirn durch eine Vielzahl von Eindrücken überflutet. Experten erklären, wie die Psychologie der Gruppenhysterie funktioniert.
Es ist eine der schlimmsten Situationen, in die ein Mensch geraten kann: in Mitten einer Menschenmenge eingeschlossen zu sein, sich nicht selbstinitiativ in eine gewünschte Richtung bewegen zu können. Stossen, drücken und schubsen von hinten, von vorne, von der Seite, dazu das nicht enden wollende Gefühl der Atemnot. So erging es Tausenden am vergangenen Wochenende bei der Loveparade.
Bildstrecken Gefahrenzone Grossevent: Die schlimmsten TragödienDas Gehirn ist überfordert
Der Katastrophenforscher Wolf Dombrowsky wundert sich nicht darüber, dass bei der Loveparade Menschen scheinbar achtlos zu Tode getrampelt wurden. «Im Gedränge einer Massenpanik können Menschen auf Gestürzte nicht mehr achten. Man kann gar nicht verhindern, auf Menschen zu treten. In dem schiebenden Pulk kann sich kein Einzelner gegen die Bewegung stemmen. Deswegen hat, wer stürzt, fast keine Chance mehr», meint der Wissenschaftler gegenüber der Nachrichtenagentur AP.
«Während der Fluchtbewegungen der Menschenmassen wird das Gehirn mit so vielen Eindrücken konfrontiert, dass es diese nicht mehr verarbeiten kann», erläutert der Psychologe
Dieses «egoistische Verhalten» - also sich selbst der Nächste zu sein und sich im Kampf ums nackte Überleben in einem Meer ausser Kontrolle geratener, panisch reagierender Menschen behaupten zu können, wurde vielen zum Verhängnis: 19 Menschen verloren bei dem Event, der bislang als Ausdruck purer Lebensfreude galt, ihr Leben. Sie wurden zu Tode getrampelt oder regelrecht erdrückt. «Die Menschen haben Angst, nach unten gedrückt zu werden. Sie wissen um die Gefahr, tot getrampelt zu werden», sagt Dombrowsky und ergänzt: «Wer erst mal auf Hüfthöhe ist, kommt in dem Gedränge nicht mehr hoch.»
Mehr als 500 Personen wurden bei der ausser Kontrolle geratenen Veranstaltung verletzt.
Traumatisierung und Panikattacken
Die psychischen Auswirkungen der Katastrophe für die Beteiligten lassen sich nur schwerlich quantifizieren: Derartige Traumatisierungen können Panikattacken auslösen – und diese lassen Betroffene unter Umständen auch noch lange nach dem furchtbaren Ereignis nicht los. «Es ist ganz normal, dass solche Angstgefühle in bestimmten Situationen wieder hochkommen», weiss Fliegel und betont dabei, wie wichtig Gespräche mit Angehörigen und Freunden sind, um das Trauma besser verarbeiten zu können.
Solche Panikattacken können dann auftreten, wenn der Betroffene plötzlich wieder mit vielen Menschen konfrontiert wird – zum Beispiel in einem überfüllten Kaufhaus. Dann ist es dem Experten nach wichtig, ruhig zu bleiben und sich suggerieren zu können, dass trotz der vielen Menschen keinerlei Gefahr für Leib und Leben besteht. Je besser man mit einer solchen Belastungsprobe klarkomme, desto besser sei man auf vergleichbare Krisensituationen in der Zukunft vorbereitet.
Kritik am Sicherheitskonzept
Dem Katastrophenforscher Dombrowsky zufolge, sei das Problem des viel zu grossen Andrangs, der den Duisburger Tunnel zu einem gefährlichen Nadelöhr machte, absehbar gewesen. «Wenn in einen engen Zugang in der Grundform eines Ts von zwei Seiten die Massen strömen und sich in der Mitte für einen einzigen Ausgang einfädeln müssen, entsteht an dieser Stelle ein Stau, eine Verdichtung.» Aus dieser eingeengten Situation wollten die Menschen besonders «schnell wieder raus», so dass in dem Gedränge grosse Kräfte entstünden. Und wenn dann der Abfluss der Massen blockiert sei und von hinten weiter Tausende nachdrängen, werde es richtig gefährlich. Auch direkt vor den Tunneleingang sei auf den Bildern vom Samstag zu sehen, dass es aus dem Gedränge keinen Ausweg nach links oder rechts gab.
Auf Basis der veröffentlichten Bilder kritisiert Dombrowsky Fehler des Sicherheitskonzepts in Duisburg. «Normalerweise hält man immer einen Rettungsweg auf. Im Tunnel hätte man also mit starken Gitttern eine Gasse absperren müssen, in der Sicherheits- und Hilfskräfte arbeiten können und Verletzte versorgt werden.» Augenzeugen hatten berichtet, das Hilfskräfte nicht an die gestürzten Personen herangekommen sind.
Der Kardinalfehler in Duisburg war nach Einschätzung des Experten noch grundlegender: Es hätten niemals so viele Besucher gleichzeitig in den Bereich des Tunnels gelangen dürfen. «Man muss schon vor einem solchen Nadelöhr den Andrang kanalisieren und ablenken. Das heisst schon weit im Vorfeld braucht man: viele Zugangswege zu viel mehr Eingängen, ein Schildersystem, dass die Besucher leitet, Durchsagen, dass an einem Punkt gerade Stau ist und die Gäste sich jetzt anderen Eingängen zuwenden sollen.»
Das wichtigste sei die Durchflussgrösse. Das ist die Zahl der Menschen, die pro Stunde einen bestimmten Bereich passieren können. «Wenn man so eine solche Spassveranstaltung hat, muss der Durchfluss von vornherein um ein Drittel geringer kalkuliert werden. Das sind ja keine Sonntagspaziergänger, sondern viele kommen gleichzeitig, wollen schnell die besten Plätze erreichen und ab einem bestimmten Zeitpunkt vor Beginn der Veranstaltung schwillt der Zustrom sehr stark an. Das muss man vorher einkalkulieren», meint der Katastrophenforscher.
Dementsprechend müsse man schon vor dem Zugangsbereich sperren und die Massen lenken und streuen. Hinter dem Zugangsbereich müsse man dafür sorgen, dass die Menschen schnell in der Breite wegströmen können, wenn etwa Einzelne losrennen, um sich Plätze direkt bei der Bühne zu sichern und andere mit ihrer Clique vielleicht schlendern. Doch genau das war rund um den Zugangstunnel und darin nicht gegeben. All das liesse auf Fehler im Sicherheitskonzept schliessen, lautet seine Analyse.
(rre/AP)


























