Magersüchtige Männer

19. Mai 2014 11:30; Akt: 23.06.2015 12:50 Print

«Die Magersucht wird zu deinem einzigen Freund»

von G. Brönnimann - Magersucht und Ess-Brech-Sucht bei Männern sind noch immer Tabuthemen. Drei betroffene Schweizer erzählen von ihrem langen Leiden.

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Knapp 8000 Schweizer Männer gaben vor zwei Jahren gemäss Bundesamt für Gesundheit an, in ihrem Leben an Magersucht erkrankt gewesen zu sein oder derzeit an Magersucht zu leiden. Weltweit seien zehn Prozent aller magersüchtigen Menschen Männer. Trotzdem dreht sich die öffentliche Diskussion über Anorexie (Magersucht) und Bulimie (Ess-Brech-Sucht) fast ausschliesslich um die weit häufiger betroffenen Frauen. Die Magersucht bei Männern bleibt ein Tabuthema, obwohl Männer vermehrt an Anorexie und Bulimie erkranken.

Einer der 8000 Schweizer Männer, die an Magersucht erkrankten, ist Martin Gubler*. Der bald 21-Jährige formuliert vorsichtig, wenn man ihn danach fragt, wie es ihm heute, vier Jahre nach seiner schlimmsten Anorexie-Zeit, gehe. «Ziemlich viel besser», sagt er, «ich kann mein Leben wieder geniessen.» Doch er fügt an: «Die Magersucht wird mich wohl dennoch ein Leben lang begleiten. Als Erfahrung, mit der ich mich immer und immer wieder auseinandersetzen werden muss.»

«Es ist wie eine Spirale»

Angefangen habe es mit 17, erzählt Gubler. «Meine erste grosse Liebe ging in die Brüche. Beim Sport, der mir sehr wichtig war, hatte ich mich verletzt. Andere hätten sich vielleicht sonst irgendwie abgelenkt – ich fing die Sache mit dem Essen an», sagt der junge Mann. «Da steigert man sich hinein, das ist wie eine Spirale. Alles dreht sich nur noch darum. Man geht stundenlang in die Läden, zählt die Kalorien auf den Packungen.»

Wie viele Kalorien durften es denn sein? «Vielleicht mal 1000. Dann immer weniger», sagt Gubler. «Einen Apfel. Oder am besten nichts.» Bei einem mehrmonatigen Auslandsaufenthalt habe er sich «hundert Prozent der Krankheit ergeben – sie wurde zu einem Teil von mir. Man fühlt sich schon nach dem Wassertrinken dick, wegen des geringsten Völlegefühls. Der Spiegel – er lügt dich an. Was du siehst, hat nichts mehr mit der Realität zu tun.» Er versucht, die Sucht zu erklären: «Die Krankheit wird dein einziger und dein bester Freund. Und du verlierst deinen Kopf an ihn.»

Genau gleich beschreibt es Ueli Bodmer*. Der heute 44-Jährige beschreibt seine stundenlangen Spaziergänge durch Schweizer Lebensmittelläden: «Kalorien und Fett, das ist alles, was zählt.» Wenig essen sei gut, viel essen sei schlecht. «Der ganze Gedankengang dreht sich nur um diese einzige Sache.» Bodmer brachte mit 23 Jahren noch 32 Kilogramm auf die Waage.

Rettender Klinikaufenthalt

Dass sein Spiegelbild nicht der Realität entspricht, merkte Martin Gubler nach seiner Rückkehr aus dem Ausland. «Meine Eltern waren völlig schockiert, als sie mich sahen», erinnert er sich: «Da kommt ein Knochengerüst zurück!» Die Eltern appellieren an ihren Sohn, wollen, das er in eine Klinik geht. Dieser weigert sich. Es sei doch alles halb so wild, findet er.

Doch Gubler ist noch nicht volljährig – die Eltern lassen ihn zwangseinweisen. «Zum grossen Glück», sagt er heute. Bei der Einweisung in die Klinik wog der 1,68 Meter grosse Teenager noch 32 Kilogramm. Nach langer Therapie in verschiedenen Programmen geht es dem jungen Mann heute wesentlich besser.

Gublers Rat an Betroffene: «Aus eigener Erfahrung möchte ich an die Angehörigen und Freunde appellieren, genau hinzuschauen und auf die Leute zuzugehen und die Dinge anzusprechen, wenn man etwas merkt. Das kann zwar unangenehm sein, aber es ist halt so: Je schneller man professionelle Hilfe bekommt, desto besser.» Der junge Mann ist sicher: «Aus eigener Kraft da wieder rauszukommen, das ist schwierig bis unmöglich. Das ist ein richtiger Teufelskreis.»

Auch bei Ueli Bodmer, der einige Jahre später eine stationäre Therapie machte, brauchte es lange bis zur Erkenntnis, dass es überhaupt ein Problem gibt: «Lange dachte ich, das sei einfach so, das sei nicht krankhaft. Die Erkenntnis kam erst von Ärzten und aus meinem Umfeld». Bodmer sagt, das Wort «Magersucht» treffe den Sachverhalt sehr gut: «Es ist eine Sucht, wie bei einem Drogenabhängigen.»

Bulimie: 20 Gipfeli zum Erbrechen

Der 33-jährige Urs Meier* hat noch heute, ein halbes Leben später, an den psychologischen Folgen seiner Essstörung zu kämpfen. Die begann sich schon anzubahnen, als er 16 Jahre alt war. Und sie artete während der Lehre ziemlich schnell aus. «Es fing ja harmlos genug an, ich wollte nur ein bisschen gut aussehen, ein paar Kilo abnehmen», sagt Meier. Mit Erbrechen ging das leichter. Und harmlos war es bald nicht mehr – «da stecken riesige Probleme dahinter».

Er schildert einen normalen Tagesablauf in der schlimmsten Zeit seiner Bulimie: «Während der Lehre stand ich auf, ass zu Hause zum Zmorge ein halbes Brot und trank zwei Liter Flüssigkeit. Bis zum Erbrechen. Dann ging ich vor der Arbeit bei einer Bäckerei vorbei. Jedes Mal eine andere, sonst fällt das auf. Dort kaufte ich bis zu 20 Gipfeli, die ich in mich hineinstopfte, bis zum Erbrechen.» So ging das von Mahlzeit zu Mahlzeit weiter, «sieben- bis achtmal am Tag kotzen», so Meier.

Lange sei das niemandem aufgefallen. Meier: «Ich gefiel mir dabei. Spielte Fussball und Tennis, gab überall Vollgas, war gut in der RS, kam gut bei den Frauen an.» Gleichzeitig machte er Schulden, machte stets gute Miene zum bösen Spiel, betrieb Raubbau am eigenen Körper. Eine Abwärtsspirale setzte ein. Und trotzdem: «Ich hatte lange Zeit das Gefühl, alles total im Griff zu haben.» Nur einem guten Chef habe er seinen damals bitternötigen Klinikaufenthalt zu verdanken. «Ich brauchte über sechs Jahre bis zur Einsicht, dass ich ein Problem habe», sagt Meier heute. Er ist noch immer in Therapie.

*Namen geändert

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Funky am 16.05.2014 09:38 Report Diesen Beitrag melden

    Allgemeines Verständnis für Suchtkranke

    Es verhält sich bei Bulimie und Magersucht nicht anders, als wie bei der Esssucht, nur scheint die Gesellschaft hier ein anderes Urteil über die Menschen zu fällen. Den Dicken wird ja gerne unterstellt, dass sie lediglich zu wenig Disziplin haben und kürzlich wurde darüber debattiert, ob Esssucht überhaupt eine Krankheit sei. Ja das ist sie und verhält sich eigentlich genau gleich, wie hier sehr treffend beschrieben, dass der Kopf kaum mehr einen anderen Gedanken fassen kann und den Körper anleitet, sich dem zu unterwerfen bis zum Moment, wo der Körper das notwendig braucht.

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  • Stefanie Schmid am 19.05.2014 13:49 Report Diesen Beitrag melden

    Ein paar Kilos zu viel macht gar nix

    Ein wenig mollig ist sicher gesünder als extrem mager. Ich war fast 2 Jahre Bulimie süchtig (der absolute Horror) und entging danach knapp einer Magersucht (1.75m gross, 51kg). Ich fühlte mich stark und grossartig. Dabei drehte sich ALLES, aber auch wirklich ALLES nur noch ums Essen und Kalorienzählen. Heute habe ich einen BMI von ca. 27,2; ein bisschen Zuviel. Dafür darf ich heute mein Leben geniessen, ohne jede Kalorie zu zählen. Hey, sind wir doch dankbar, so gutes Essen zu haben. Hungern können wir vielleicht noch in diesem Jahrhundert!

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  • Freundin am 19.05.2014 13:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hilflos

    Ich muss einer Freundin zusehen, wie sie an Magersucht - und ich vermute sogar Bulimie- leidet, und kann nichts tun. Ausser sie immer wieder darauf anzusprechen, doch sie leugnet alles ab... sie wendet sich ab, findet Gründe warum unsere Freundschaft nicht mehr gut sei für sie und erfindet Lügen. Ich mache mir grosse Sorgen, es tut mir im Herzen weh ihr nicht helfen zu können. Ich wünsche allen Betroffenen viel Kraft!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Trockend am 19.05.2014 23:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mehr...

    Wie die Alkoholsucht. Kurze Zeit falsche Freund dann längerfristig treuer Feind, und immer wieder. Deine kleine Welt wird immer kleiner.

  • Shala Mentor am 19.05.2014 21:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wille

    mangel an willenskraft das ist alles.

  • ehemalige am 19.05.2014 21:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ex-Magersüchtige / alles Gute für Betroffene

    auch ich gehöre zu den betroffenen... glücklichweise konnte ich den kampf vor einem jahr endlich gewinnen. Ich wollte niemals abnehmen... fühlte mich aber für die bulimie meiner schwester verantwortlich. langsam geriet ich in den teufelskreis und leider merkte ich und mein umfeld es erst zu spät. erst mit 36kg bei 164 cm begab ich mich in therapie. nach knapp einem jahr war ich wieder bei 44kg.. leider brachte ich das gewicht auch 3 jahre später nicht mehr hinauf. erst seit einem jahr geht es mir wieder sehr gut, so dass glückliche 57kg wiege. Ich bin nicht glücklich über meine vergangenheit, aber sie hat mich stärker gemacht. aber leider hat sie ihre nachwirkungen hinterlassen... ohne hilfe kann ich nicht mehr schwanger werden.... ich wünsche allen betroffenen alles gute & viel kraft !! gebt niemals auf, ihr seit es wert zu kämpfen!!!

  • EinMal WarEs am 19.05.2014 21:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    mit 18...

    ich war auch einmal sehr weit unten mit Gewicht und dachte ich sei immer noch Fett. Weiblich, 174cm und 48kg. Mager. Aber meine Klassenkollegen sagten ich sei zu dick. Was sie wohl sagen, muss ja stimmen-dachte ich damals. jetzt, über 20Jahre später begleitet mir die Gedanke es nochmal zu machen, bin aber zu Faul geworden mich zu plagen. Wie schön! ich bin jetzt Normalgewichtig. Trotzdem wird man die Verlockung nicht los es nochmal zu probieren...

  • Roman Zielger am 19.05.2014 21:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unterbewusstsein

    Ich kann euch allen ein Buch empfehlen von Dr.Joseph Murphy Die Macht des Unterbewusstseins. Das Buch beschreibt sehr deutlich wie unser Unterbewusstsein uns regiert und wie wir umgehen können mit unserem Unterbewusstsein. Das Unterbewusstsein steuert uns aber wir können auch das Unterbewusstsein steuern. Jede Sucht kommt tief von Innen heraus, mann findet sich mit der Zeit damit ab, es ist halt jetzt so. Wenn man das Unterbewusstsein stärken kann kommt man langsam aber stetig davon weg.