Dialogwoche Alkohol

27. Mai 2011 11:49; Akt: 27.05.2011 12:12 Print

«Es braucht null Promille und höhere Preise»

von Jessica Pfister - Die Alkoholprävention in der Schweiz sei zu lasch, meint Ruedi Löffel, Suchtexperte beim Blauen Kreuz. Er bevorzugt Preiserhöhungen und ein Verbot für Unter-18-Jährige.

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«Das problematische Trinken wird in der Gesellschaft verharmlost», meint Suchtberater Ruedi Löffel. (Bild: Keystone)

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Statt auf Plakaten und mit Werbespots versucht der Bund diese Woche, die Bevölkerung an zahlreichen Anlässen direkt auf das Thema Alkohol anzusprechen. Ein guter Ansatz?
Ruedi Löffel: Es ist ein Ansatz, den der Bund in der Alkoholprävention noch nicht verfolgt hat. Und es macht sicher mehr Sinn, sich mit dem Zielpublikum an einen Tisch zu setzen, als erneut Plakate zu drucken und TV-Spots auszustrahlen. Dennoch bezweifle ich, dass die breite Bevölkerung auf den Dialog einsteigt.

Weshalb?
Ich war als Gesprächsgast am Kick-off-Event vom vergangenen Freitag auf dem Bundesplatz eingeladen. Diese Veranstaltung war kaum mehr als ein Klassentreffen unter Suchtfachleuten. Dabei sollte eine solche Kampagne aufrütteln und provozieren, nur so entsteht ein breiter Dialog. Ich befürchte, dass am Ende der Aufwand und der Ertrag in einem schwierigen Verhältnis stehen.

Wie würden Sie die Menschen aufrütteln?
Der Dialog reicht sicher nicht, um den problematischen Umgang mit Alkohol zu vermindern.

Was fordern Sie?
Es braucht strukturelle Massnahmen wie Preiserhöhungen, Alkoholtestkäufe zur Durchsetzung des Jugendschutzes, null Toleranz für Alkohol am Steuer, zeitliche und örtliche Einschränkungen des Alkoholverkaufs und weitgehende Werbeeinschränkungen. Möglich wäre auch ein Alkoholverkaufsverbot für Jugendliche unter 18 Jahren. Interventionsbedarf sehe ich zudem beim Event- und Sportsponsoring. Da werden neun von zehn Eishockeyclubs der obersten Liga von Alkoholfirmen gesponsert und niemand stört es. Wird aber ein Hockeynatispieler von einer besoffenen jungen Frau angefahren, geht ein Aufschrei durch das Land - das ist heuchlerisch.

Bergen zusätzliche Verbote und Einschränkungen bei Jugendlichen nicht die Gefahr, dass sie den Reiz sogar erhöhen?
Nein, denn die Einschränkungen richten sich primär an Handel und Gastgewerbe. Wichtig ist aber auch, dass Alternativen in Form von alkoholfreien Getränken aufgezeigt und preiswert angeboten werden. Oder dass Sportclubs klar kommunizieren, dass es zu einer Wurst im Fussballstadion nicht zwingend ein Bier braucht.

Der Anteil an Jugendlichen mit einem Alkoholproblem ist vergleichsweise klein. Wie wollen Sie den Konsum und vor allem das Suchtproblem bei den Erwachsenen angehen?
Mit der Preisstraffung, attraktiven alkoholfreien Getränken und Massnahmen zur Einschränkung der Erhältlichkeit erreicht man die Erwachsenen genauso wie die Jungen. Was ich zudem befürworte sind Ausnüchterungsstellen, wie sie in Zürich eingeführt wurden. Wenn Trinker für ihren Suff und die Folgen selber aufkommen müssen, schmerzt dies mehr, als wenn die Allgemeinheit dafür zahlt. Alle aufgezählten Massnahmen wären einfach umzusetzen und haben ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis. Leider finden sich dafür kaum Mehrheiten.

Woran liegt das?
Beim Thema Alkohol hat die Schweiz extreme Beisshemmungen, deutlich mehr als beim Tabak. Kein Wunder, denn wir leben in einer Alkoholkultur. Das problematische Trinken wird von der Gesellschaft verharmlost.

Haben Sie ein Beispiel für diese Verharmlosung?
Gerade wenn es um den Alkoholmissbrauch von Jugendlichen geht, sagen viele Eltern: Hauptsache, sie drögelen nicht. Dabei ist Alkohol, was die Substanz und die Abhängigkeit angeht, klar als Droge einzustufen. Ich finde es absolut rücksichtslos, wie man hierzulande die Tatsache, dass mehrere hunderttausend Menschen ein Alkoholproblem haben, im gesellschaftlichen Leben ausblendet. Ich habe diese Ignoranz selbst erlebt.

Inwiefern – haben Sie ein Alkoholproblem ?
Nein, ich mag weder Bier noch Wein besonders gerne. Deshalb fiel es mir auch nicht schwer, mich für die Stelle beim Blauen Kreuz zur Abstinenz zu verpflichten.

Beim Blauen Kreuz dürfen nur Abstinenzler arbeiten?
Früher ja. Inzwischen wurden diese Anstellungsbedingungen gelockert. Es ist heute sogar möglich, dem Blauen Kreuz als Solidarmitglied ohne Abstinenzverpflichtung beizutreten. Meine fast zehn Jahre Alkoholverzicht bereue ich aber nicht – im Gegenteil. Ich habe erlebt, wie man als Nicht-Trinker an Anlässen als Aussenseiter dasteht, nicht ernst genommen oder gar als Stimmungskiller bezeichnet wird. Diese Erlebnisse haben mich geprägt und mir eine kritische Haltung und Distanz zum Thema ermöglicht. Deshalb verlange ich auch von meinen Mitarbeitenden ein Jahr Alkoholverzicht. Ich empfehle überhaupt jedem, ein Jahr abstinent zu leben.

Sie trinken heute aber wieder?
Bei öffentlichen Anlässen verzichte ich aus Protest gegen diese gesellschaftlichen Zwänge. Ich habe schon erlebt, dass an politischen Veranstaltungen nur Alkohol offeriert wird. Da kann ich ziemlich ungemütlich werden. Privat trinke ich ab und zu mal ein Panaché oder mit meiner Frau einen Cognac zum Kaffee. Damit schade ich niemandem.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hans Cochard am 29.05.2011 10:41 Report Diesen Beitrag melden

    Zu simple "Lösung"

    Das lässt sich nicht über den Preis steuern. Beispiele gefällig? Skandinavien und Finnland. Alkoholabhängige geben dort halt mehr Geld für Alkohol aus und für die Familie bleibt kaum was übrig zum Leben.

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  • REsD am 27.05.2011 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    Staat vs Freiheit

    Manche (linken) Politiker haben halt immer noch nicht Verstanden dass 1984 ein Roman ist und keine "to do" Liste. Pfui ruedi.

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  • Al Kohol am 27.05.2011 13:04 Report Diesen Beitrag melden

    Aufklärung ist ok, aber...

    Aufklärung ist ok. Aber das beinahe sektiererische Vorgehen des Blauen Kreuzes nervt gewaltig. Was das Alkoholverbot gebracht hat oder bringt, kann man hautnah in anderen Ländern sehen = nicht viel, oder gar nichts.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Scherer Sonja am 11.09.2011 21:54 Report Diesen Beitrag melden

    Leben ohne Drogen

    Ich glaube ehrlich nicht, dass Menschen dazu geschaffen sind, ganz ohne Drogen zu leben. Die Geschichte zeigt uns, dass schon in früheren Jahrhunderten Substanzen von Menschen genossen wurden zur Entspannung usw. Bin selber Chauffeurin Kat. D und kann problemlos während der Arbeit ohne Alkohol sein aber freue mich auch auf mein Bier am Feierabend. Noch was wie verhält es sich mit übermässigem Konsum von Kaffe ? Kennen Sie das Kaffe Guarana alles legal pflanzlich kein Problem und dann Amphetamine Speed und Koks und keinem kommt es in den Sinn Kaffee als Einstiegsdroge zu klassieren

  • Pascal am 31.05.2011 21:21 Report Diesen Beitrag melden

    Find ich gut

    Es kann nicht sein, dass alkoholfreie Getränke teurer sind. Wie bei Zigaretten sollte man die Preise auch hier erhöhen. Alkohol ab 18 ist überflüssig. Wie bei Cannabis und Kippen wird auch ein minderjähriger fündig wenn er es denn will...

  • S. Gabel am 30.05.2011 07:10 Report Diesen Beitrag melden

    Abstinenz predigen

    Panaché und Cognac trinken. Aber die Mitarbeitenden müssen auf Alkohol verzichten. Ulkige Einstellung.

  • Simon Bichsel am 29.05.2011 17:06 Report Diesen Beitrag melden

    suupaa idee wow

    "ich finde alkohol ist was schlechtes und gefährliches, deshalb sollte es für alle verboten werden - blablabla" und ich finde leute wie sie, herr löffel, und ihre organisation sind was schlechtes und gefährliches, deshalb sollte man auch das blaue kreuz verbieten, braucht doch kein mensch. so wären wir auf gleichem niveau, und jeder sieht, beide meinungen sind absolut kindisch!

  • Jamc am 29.05.2011 15:05 Report Diesen Beitrag melden

    Höhere Preise ???

    Ganz sicher NICHT !! Nulltoleranz beim Autofahren ? Ja !

    • Ruedi Löffel am 29.05.2011 20:35 Report Diesen Beitrag melden

      billiger als alkoholfreie Getränke

      Finden Sie es ok, wenn Bier billiger verkauft wird als alkoholfreie Getränke?

    • Andy Kretz am 30.05.2011 15:55 Report Diesen Beitrag melden

      @Ruedi Löffel

      Auch dafür gibt es bereits ein Gesetz, dass mindestens ein nicht alkoholisches Getränk zum selben Preis oder günstiger angeboten werden muss. Mann sieht, es müssen nicht dauernd neue Verbote, Gesetze erlassen werden. Die bestehenden müssen nur angewendet und durchgesetzt werden!!!!!!!

    • Ruedi Löffel am 30.05.2011 18:03 Report Diesen Beitrag melden

      "Sirupartikel" im Detailhandel???

      Den "Sirupartikel" kenne ich nur aus dem Gastgewerbegesetz. Für den Detailhandel wo Billigstalkohol in grossen Mengen verkauft wird ist mir leider nichts Vergleichbares bekannt - können Sie mir ev. einen konkreten Hinweis geben?

    • Andy Kretz am 31.05.2011 09:59 Report Diesen Beitrag melden

      @Ruedi "Sirupartikel" zum 2.

      Bundesgesetz über Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände (Lebensmittelgesetz, LMG) Alkohol ist auch in der Lebensmittelverordnung geregelt: Seit dem 1. Mai 2002 ist der Verkauf von Alkohol gesamtschweizerisch geregelt - jeder Kanton kann jedoch strengere Massstäbe erlassen: An unter 16-Jährige darf kein Alkohol verkauft werden. (Im Tessin an unter 18-Jährige.) Wein, Bier etc. darf an über 16-Jährige, gebrannte Wasser dürfen an über 18-Jährige abgegeben werden. Auch die Alcopops gehören zu den gebrannten Wassern, die nur an Personen verkauft werden dürfen, die älter als 18-jährig sind.

    • Andy Kretz am 31.05.2011 10:02 Report Diesen Beitrag melden

      @Ruedi "Sirupartikel" zum 3.

      Art. 37a Abgabe alkoholischer Getränke 1 Alkoholische Getränke müssen so zum Verkauf angeboten werden, dass sie von alkoholfreien Getränken deutlich unterscheidbar sind. 2 Sie dürfen nicht an Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren abgegeben werden. Vorbehalten bleiben die Bestimmungen der Alkoholgesetzgebung. 3 Am Verkaufspunkt ist ein gut sichtbares Schild anzubringen, auf welchem in gut lesbarer Schrift darauf hingewiesen wird, dass die Abgabe alkoholischer Getränke an Kinder und Jugendliche verboten ist. Dabei ist auf die nach Absatz 2 sowie nach der Alkoholgesetzgebung geltenden .....

    • Andy Kretz am 31.05.2011 10:11 Report Diesen Beitrag melden

      @Ruedi "Sirupartikel" zum 4.

      ...... Mindestabgabealter hinzuweisen. 4 Alkoholische Getränke dürfen nicht mit Angaben und Abbildungen versehen werden, die sich speziell an Jugendliche unter 18 Jahren richten. 5 Bezüglich der Aufmachung alkoholischer Getränke gilt Absatz 4 sinngemäss. In jedem Detailhandel gibt es ein günstigeres, nicht alkoholisches Getränk!! Bestehende Gesetze durchsetzen!!!!!!!!!!!!

    • Ruedi Löffel am 02.06.2011 14:00 Report Diesen Beitrag melden

      "Sirupartikel"

      @ Andy Kretz: Danke für die Hinweise. All diese Vorschriften sind mir bekannt. Aber wie ich schon einmal geschrieben habe, kenne ich keinen Gesetzesartikel, der Preisvorgaben für den Detailhandel macht. Sie offenbar auch nicht!?

    • Andy Kretz am 03.06.2011 09:24 Report Diesen Beitrag melden

      "Sirupartikel"

      @Ruedi: Es braucht dafür auch keinen Gesetzesartikel. An Minderjährige darf kein Alkohol verkauft werden!!! Ansonsten sind wir mündige Menschen!!!!!!!!!!!!!

    • Ruedi Löffel am 03.06.2011 09:48 Report Diesen Beitrag melden

      "Sirupartikel"

      @Andy Kretz: Sie haben in Ihrem ersten Kommentar (s. oben) geschrieben "Auch dafür gibt es bereits ein Gesetz, dass mindestens ein nicht alkoholisches Getränk zum selben Preis oder günstiger angeboten werden muss." Meine Frage bezog sich auf diese Behauptung und nicht auf irgend welche Jugendschutzvorschriften, die mir längst bekannt sind. Ich stelle fest, dass es für den Detailhandel leider KEINE Vorschriften analog zum "Sirupartikel" in zahlreichen Gastgewerbegesetzen gibt. So lange im Detailhandel Billigstalkohol in den Regalen steht, animiert dies unnötig zum Alkoholmissbrauch.

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